Zusammenfassung

  • Vor 415 Millionen Jahren lebte ein Skorpion auf der Welt, der viel größer war als die heutigen
  • Die Entdeckung wirft neues Licht auf Evolution
  • Skorpione sollen früh ökologische Nischen besetzt haben

Er lebte vor den Dinosauriern auf der Erde und bevor die Vorfahren von Reptilien, Säugetieren und Vögeln das Wasser verlassen hatten: der Praearcturus gigas. Ein Skorpion mit einer Länge von rund einem Meter. Allein seine Scheren sollen allein 16 Zentimeter lang gewesen sein. Damit war dieser Skorpion so groß wie ein Labrador und deutlich größer als die Skorpione, die heute noch auf der Erde leben. Zum Vergleich: Der indische Walskorpion erreicht nur eine maximale Körperlänge von 23 Zentimetern. Vor etwa 415 Millionen Jahren soll der Praearcturus gigas sein Unwesen auf dem Gebiet des heutigen Englands und Wales getrieben haben.

Zu diesem Ergebnis kommt ein Forschungsteam um Richard J. Howard, das mehrere Fossilien von Praearcturus gigas neu untersucht hat. Veröffentlicht wurden die Ergebnisse im Fachmagazin „Palaeontology“. Demnach war der Urzeitjäger nicht nur ein ungewöhnlich großes Tier, sondern einer der größten Skorpione der Erdgeschichte.

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Riesenskorpion wurde lange für Riesenassel gehalten

Die Studie beendet zugleich eine bemerkenswerte wissenschaftliche Irrfahrt. Denn die Fossilien von Praearcturus gigas liegen bereits seit dem 19. Jahrhundert in den Sammlungen des Natural History Museum in London. Das Tier war der Forschung also keineswegs unbekannt. Unklar blieb jedoch über erstaunlich lange Zeit, was man da eigentlich vor sich hatte.

Als der britische Forscher Henry Woodward die Art 1871 erstmals beschrieb, hielt er sie dem Natural History Museum zufolge nicht für einen Skorpion, sondern für ein riesiges, asselähnliches Krebstier. Diese frühe Fehldeutung steckt bis heute im Namen: Arcturus bezeichnet eine Gruppe lebender Asseln. Der spätere Riesenskorpion begann seine wissenschaftliche Karriere also gewissermaßen als Riesenassel.

Urzeitfund löst Evolutionsrätsel

Fossilfund liefert entscheidenden Beweis für Skorpion-Herkunft

Erst in den Achtzigerjahren kam der Verdacht auf, dass es sich bei Praearcturus in Wahrheit um einen Skorpion handeln könnte. Doch der Nachweis war schwierig. Von dem Körper waren nur einzelne Fragmente erhalten. Ausgerechnet der typische Skorpionschwanz, an dem auch Laien das Tier sofort erkennen würden, fehlte. Die entscheidende Wende brachte erst ein anderer Fossilfund: 2015 wurde in Kanada der urzeitliche Skorpion Eramoscorpius beschrieben, dessen Körper deutlich besser erhalten ist.

Howard zufolge besitzt Eramoscorpius ein auffälliges Merkmal an der Unterseite des Vorderkörpers: ein längliches, dreieckiges Brustschild mit einer Rinne in der Mitte. Ein vergleichbares Merkmal fanden die Forschenden auch bei Praearcturus. Für Howard ist das der entscheidende Hinweis. Die Ähnlichkeit zeige „beyond doubt“, also ohne ernsthaften Zweifel, dass Praearcturus tatsächlich ein Skorpion gewesen sein müsse.

Riesenskorpione besiedeln als erste große Räuber eine junge Erde

Für Howard verändert dieser Befund den Blick auf die Evolution der Skorpione. Wer an riesige Gliederfüßer denke, sagt der Forscher, habe meist die gigantischen Tausendfüßer oder Libellen des Karbonzeitalters vor Augen. „Doch diese Arten lebten […] mindestens 55 Millionen Jahre nach Praearcturus“, betont Howard. Sie traten also in einer Zeit auf, in der sich die Ökosysteme an Land bereits deutlich weiterentwickelt hatten. Der Riesenskorpion dagegen gehört in eine viel frühere Phase der Erdgeschichte, als das Festland biologisch noch kaum erschlossen war.

Gerade diese frühe Welt könnte erklären, warum Praearcturus eine solche Größe erreichte. Große Räuber, die ihm gefährlich werden konnten, gab es offenbar kaum. Der Skorpion besetzte damit eine ökologische Nische fast ohne Konkurrenz.

Praearcturus: Frühzeitlicher Skorpion lebte wohl teils im Wasser

Unklar bleibt allerdings, wie genau dieses Leben aussah. Bewegte sich Praearcturus überwiegend an Land? Oder war er noch teilweise ans Wasser gebunden? Die Forschenden vermuten, dass frühe Skorpione damals in einer Übergangsphase lebten, also zwischen zwei Lebensräumen standen. Das Leben an Land wurde allmählich komplexer. Kleine Pflanzen breiteten sich aus, Pilze besiedelten die Landschaft, und die ersten kleinen Gliederfüßer wurden zu Pionieren des Tierlebens an Land.

Für einen Räuber von der Größe des Praearcturus könnte diese junge Landwelt jedoch noch zu karg gewesen sein. Howard vermutet deshalb, dass solche Tiere wohl einen Teil ihres Lebens im Wasser jagten. Dort hätten sie größere Beute finden können, etwa Fische oder andere Wasserbewohner. Hinweise darauf liefern dem Natural History Museum zufolge Fossilien aus Wales: Sie zeigen lappenartige Strukturen, sogenannte Epimera. Ähnliche Körperteile kennt man von Hummern und Krabben. Sie könnten darauf hindeuten, dass Praearcturus stärker ans Wasser angepasst war, als sein Ruf als früher Landräuber zunächst vermuten lässt.

Fossilfragmente deuten laut Natural History Museum darauf hin, dass Praearcturus möglicherweise noch über einen Zeitraum von mindestens 40 Millionen Jahren existierte. Diese späteren Funde aus Portishead in North Somerset werden allerdings nur vorsichtig mit dem Riesenskorpion in Verbindung gebracht. Sicher ist die Zuordnung also nicht. Doch selbst wenn diese Spuren offenbleiben, ist der Befund bemerkenswert: Praearcturus zeigt, wie verbreitet frühe Skorpione gewesen sein könnten – lange bevor andere bekannte Riesen der Gliederfüßer die Erde bevölkerten.