Wenn Andrea Jaissle bei frischgebackenen Eltern klingelt, bringt sie oft genau das mit, was Müttern nach der Geburt fehlt: Entlastung. Mal kocht sie eine warme Mahlzeit, mal geht sie mit dem Baby spazieren, mal hört sie einfach nur zu. Denn viele Frauen erleben das Wochenbett nicht nur als glückliche, sondern auch als sehr belastende Zeit. Als zertifizierte Mütterpflegerin begleitet Andrea Familien in Esslingen bei Stuttgart – und kümmert sich vor allem um diejenigen, die nach der Geburt häufig vergessen werden: die Mütter.

„Eine Mutter kümmert sich rund um die Uhr um so viel, aber wer kümmert sich eigentlich um die Mutter? Viele nehmen Mamas für selbstverständlich und übersehen, wie ausgelaugt sie sind“, sagt Andrea. Ihre Aufgabe: Mütter entlasten, Stabilität schaffen und in einer sensiblen Lebensphase da sein. Denn gerade die ersten Wochen und Monate nach der Geburt eines Kindes bringen viele neue Herausforderungen mit sich – körperlich, emotional und organisatorisch.

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Warum eine Mütterpflegerin nicht das Gleiche macht wie eine Hebamme

Anders als Hebammen übernimmt Andrea dabei keine medizinischen Aufgaben. Sie stellt keine Diagnosen und führt keine medizinischen Behandlungen durch. Während Hebammen die medizinische Versorgung von Mutter und Neugeborenem sicherstellen, liegt der Fokus der Mütterpflege auf der praktischen und emotionalen Unterstützung im Alltag.

Wie diese Hilfe aussieht, ist ganz individuell und unterschiedlich. Andrea geht einkaufen, kocht, räumt auf oder unterstützt beim Stillen. Oft gehe es aber vor allem darum zuzuhören. „Viele Mütter sind einsam und wollen sich einfach ihren Kummer von der Seele reden“, erzählt sie.

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Nach Angaben des Berufsverbandes MDEV Mütterpflege Deutschland e.V. gibt es bundesweit nur rund 300 Mütterpflegerinnen. Für Andrea ist das deutlich zu wenig. „Eigentlich bräuchte jede Mama so eine Unterstützung“, ist sich die 37-Jährige sicher.

Andrea ist selbst Mutter von zwei Kindern und gelernte Erzieherin. Nach ihrer Elternzeit stand für sie fest, dass sie nicht mehr in Vollzeit im Kindergarten arbeiten wollte. „Mich hat es schon immer zu Babys und Müttern hingezogen, aber ich konnte mir nicht vorstellen, Hebamme zu werden. Also habe ich nach Alternativen geschaut“, erzählt die junge Frau. Bei ihrer Recherche stieß sie auf die Mütterpflege – ein Beruf, der in vielen Ländern wie etwa in den Niederlanden und in Belgien bereits seit vielen Jahren etabliert ist. Dort ist die Mütterpflege ein verankertes Modell im Gesundheitssystem. In Deutschland dagegen kennen noch immer viele Menschen diese Bezeichnung nicht.

Andrea Jaissle arbeitet als zertifizierte Mütterpflegerin und unterstützt Mütter im Wochenbett.
Andrea Jaissle arbeitet als zertifizierte Mütterpflegerin und unterstützt Mütter im Wochenbett.© Kathrin Baumann | Katrin Baumann

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Das liegt auch daran, dass Mütterpflege hierzulande kein staatlich anerkannter Ausbildungsberuf ist. Die Ausbildung erfolgt daher über private Akademien und Institute, meist berufsbegleitend und praxisnah. Unterrichtet werden unter anderem Säuglingspflege, Stillberatung, Wochenbettbetreuung, Hauswirtschaft, Frauengesundheit und psychosoziale Themen. „Leider muss man die Ausbildung selbst bezahlen, dafür ist sie wirklich sehr gut und intensiv“, sagt Andrea. Die Ausbildung zur Mütterpflegerin kostet in Deutschland typischerweise zwischen 2200 Euro und 3300 Euro. Die Lehrgänge dauern meist sechs bis acht Monate.

Ihre Ausbildung schloss Andrea im September 2024 ab. Seitdem begleitet sie regelmäßig Familien im Raum Stuttgart und Esslingen. „Bislang arbeite ich jede Woche an zwei Vormittagen als Mütterpflegerin und die restliche Zeit als Erzieherin in einem Kindergarten“, erzählt sie. Die flexible Einteilung sowie die berufliche Abwechslung kommen ihr auch als Mutter zugute.

Andrea Jaissle arbeitet als zertifizierte Mütterpflegerin und unterstützt Mütter im Wochenbett. Zu ihren Aufgaben gehört es auch, mit dem Baby spazieren zu gehen – ob im Kinderwagen oder, wie hier, in der Trage.
Andrea Jaissle arbeitet als zertifizierte Mütterpflegerin und unterstützt Mütter im Wochenbett. Zu ihren Aufgaben gehört es auch, mit dem Baby spazieren zu gehen – ob im Kinderwagen oder, wie hier, in der Trage.© privat | Privat

Wann Krankenkassen die Kosten für eine Mütterpflegerin übernehmen

Dass der Beruf der Mütterpflegerin aber noch so unbekannt ist, bedauert Andrea. Denn viele Familien wüssten gar nicht, dass sie Anspruch auf Unterstützung haben könnten. Dabei übernehmen unter bestimmten Voraussetzungen Krankenkassen die Kosten für eine Mütterpflegerin, da die Tätigkeit häufig als Haushaltshilfe im Zusammenhang mit Schwangerschaft oder Geburt eingestuft wird.

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Voraussetzung dafür ist meist eine sogenannte ärztliche Notwendigkeitsbescheinigung. Laut dem MDEV wird sie ausgestellt, wenn gesundheitliche Gründe dazu führen, dass die Mutter ihren Aufgaben nicht mehr nachkommen kann und keine andere Person im Haushalt Elternzeit hat. Gründe können körperliche Beschwerden nach der Geburt sein – etwa Schmerzen nach einem Kaiserschnitt oder Rückenschmerzen –, aber auch psychische Belastungen. „Diese Bescheinigung kann entweder der Hausarzt oder die Frauenärztin ausstellen“, erklärt Andrea. Gleichzeitig appelliert sie an die Mütter: „Es ist keine Schwäche, Hilfe anzunehmen. Ganz im Gegenteil: Es zeugt von großer Stärke.“

Um ihre Arbeit bekannter zu machen, setzt die 37-Jährige inzwischen auf ein großes Netzwerk – regional und über soziale Medien. Ihr Wunsch: mehr Sichtbarkeit für den Beruf und mehr Unterstützung für Mütter. „Ich wünsche mir, dass mehr Frauenärzte uns empfehlen würden und dass es mehr Mütterpflegerinnen in ganz Deutschland gibt.“