Krebsbehandlungen sind für viele Betroffene noch immer eine Zumutung. Operationen, Bestrahlung und Chemotherapie dauern oft Wochen oder Monate, greifen tief in den Alltag ein und hinterlassen Spuren: tiefe Erschöpfung, Haarausfall, Übelkeit, Entzündungen im Mund, ein geschwächtes Immunsystem.

Bei Sideris war es anders. Die in New York lebende Frau erhielt die Diagnose Speiseröhrenkrebs. Doch statt der üblichen Behandlung bekam sie im Rahmen einer klinischen Studie alle drei Wochen am Memorial Sloan Kettering Cancer Center eine 45-minütige Infusion mit dem Wirkstoff Dostarlimab. Nach vier Monaten war der Tumor verschwunden. Die schwerste Nebenwirkung: eine Nebenniereninsuffizienz, die Müdigkeit auslösen kann. „Es ist unglaublich“, sagte sie dem Sender BBC. „Fast wie Science-Fiction.“

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Wie Immuntherapie bei Krebs funktioniert

Was Sideris beschreibt, ist keine Science-Fiction mehr, sondern markiert vielleicht einen der größten Umbrüche der Krebsmedizin seit Jahrzehnten. Immuntherapien, lange ein Versprechen der Wissenschaft, zeigen bei immer mehr Patientinnen und Patienten, was inzwischen möglich ist: präzisere Behandlungen, teils lang anhaltende Remissionen (Nachlassen der Symptome) und oft weniger belastende Nebenwirkungen als klassische Therapien.

Der Ansatz nutzt eine Fähigkeit, die der Körper bereits besitzt: Das Immunsystem kann fremde oder entartete Zellen erkennen und beseitigen. Eigentlich sollte das auch für Krebszellen gelten. Doch Tumoren tarnen sich, bremsen Immunreaktionen aus und entziehen sich so der Kontrolle. Genau hier setzt die Immuntherapie an: Sie soll diese Tarnung aufheben und dem Immunsystem helfen, Krebszellen wieder als Bedrohung zu erkennen und anzugreifen.

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Krebs-Immuntherapie heute: Welche Verfahren es gibt

Zu den bekanntesten Verfahren der Immuntherapie gehören CAR-T-Zell-Therapien und sogenannte Checkpoint-Inhibitoren. Bei CAR-T werden Abwehrzellen aus dem Blut entnommen, im Labor so verändert, dass sie Krebszellen gezielt aufspüren können, und anschließend in den Körper zurückgegeben. Eingesetzt wird dieses Verfahren bislang vor allem bei bestimmten Formen von Blutkrebs.

Checkpoint-Inhibitoren setzen an einer anderen Stelle an. Sie lösen gewissermaßen die Bremsen des Immunsystems. Eigentlich schützt dieser Mechanismus den Körper davor, dass seine Abwehr gesundes Gewebe angreift. Doch manche Tumoren nutzen genau diese Bremsen für sich und legen die Abwehr lahm. Checkpoint-Inhibitoren heben diese Blockade auf: Das Immunsystem erkennt den Krebs wieder und kann ihn bekämpfen. Für diese Entdeckung wurde 2018 der Nobelpreis vergeben.

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Nebenwirkungen und Grenzen der Immuntherapie bei Krebs

Der Fortschritt ist groß, aber er hat Grenzen. CAR-T-Therapien sind teuer, aufwendig und bei festen Tumoren bisher deutlich weniger erfolgreich als bei Blutkrebs. Gerade diese Tumoren, etwa in Darm, Magen oder Lunge, machen jedoch den größten Teil aller Krebserkrankungen aus.

Auch Checkpoint-Inhibitoren haben Nebenwirkungen. Weil sie die Schutzbremsen des Immunsystems lösen, kann sich die Abwehr nicht nur gegen den Tumor richten, sondern auch gegen gesundes Gewebe. Samra Turajlic vom Francis Crick Institute spricht laut BBC von einem „Kaleidoskop von Nebenwirkungen“. Häufig seien:

  • Hautausschläge,
  • Durchfall und Müdigkeit,
  • in seltenen Fällen könnten sich auch Organe wie Leber, Herz oder Nieren entzünden.

Hinzu kommt ein weiteres Problem: Immuntherapie wirkt nicht bei allen. Nach heutigem Forschungsstand sprechen nur etwa 20 bis 40 Prozent der Patientinnen und Patienten darauf an. Für viele heißt das, dass sie Nebenwirkungen in Kauf nehmen, ohne ausreichend zu profitieren. Deshalb suchen Forschende nach Wegen, die Behandlung gezielter einzusetzen.

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Neue Studien zur Immuntherapie: Warum manche Tumoren besonders gut ansprechen

Ein besonders aufsehenerregender Ansatz kommt vom Memorial Sloan Kettering Cancer Center. Dort zeigten Studien aus den Jahren 2022 und 2024, dass Tumoren mit einem bestimmten genetischen Profil besonders gut auf Checkpoint-Inhibitoren wie Dostarlimab ansprechen. Zunächst verschwanden bei Patientinnen und Patienten mit Enddarmkrebs die Tumoren vollständig. Später wurde der Ansatz auf 117 Menschen mit anderen Krebsarten ausgeweitet, darunter Speiseröhren-, Blasen- und Magenkrebs. Von den 103 vollständig Behandelten verschwand bei 84 der Tumor komplett; nur zwei mussten zusätzlich operiert werden.

Doch der Befund hat einen Haken. Nur ein kleiner Teil der Tumoren trägt jene genetische Signatur, die diese Behandlung so aussichtsreich macht: Nach Angaben des Memorial Sloan Kettering Cancer Center betrifft das 5 bis 10 Prozent der Enddarmtumoren und 2 bis 10 Prozent anderer solider Tumoren. Für die meisten Betroffenen braucht es also andere Antworten.

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Zukunft der Krebsbehandlung: personalisierte Immuntherapie und Krebsimpfstoffe

Die Forschung sucht deshalb in mehrere Richtungen zugleich. Manche Teams untersuchen, ob eine ballaststoffreiche Ernährung die Immuntherapie unterstützen könnte, weil sie das Darmmikrobiom verändert, also die Bakteriengemeinschaft im Darm, die wiederum Einfluss auf das Immunsystem haben kann. Andere Studien deuten darauf hin, dass Statine, eigentlich Medikamente gegen hohe Cholesterinwerte, die Wirkung der Behandlung verstärken könnten. Selbst der Zeitpunkt der Therapie scheint eine Rolle zu spielen.

Daneben rücken Krebsimpfstoffe stärker in den Fokus. Sie sollen das Immunsystem auf typische Merkmale von Tumorzellen trainieren, damit es verbliebene Krebszellen gezielt erkennt und zerstört. In einer 2025 veröffentlichten Studie berichteten Forschende des Dana-Farber Cancer Institute, dass neun Patientinnen und Patienten mit einer bestimmten Form von Nierenkrebs nach einer personalisierten Impfung eine gezielte Immunantwort entwickelten und auch Jahre nach der Operation krebsfrei waren.

Noch ist das kein medizinisches Märchen mit garantiert gutem Ende. Viele Ansätze, die im Labor vielversprechend wirkten, scheiterten später in klinischen Studien. Trotzdem hat sich etwas Grundsätzliches verschoben. Immuntherapie ist längst nicht mehr nur eine ferne Hoffnung: Für manche ist sie schon heute lebensrettend. Für viele andere ist sie die Aussicht auf eine Zukunft, in der Krebs nicht nur härter, sondern klüger behandelt wird.