Kaum geht es um Kinder, kennen wir uns plötzlich alle aus: Wir beobachten, vergleichen, bewerten – oft schneller, als wir nachdenken. Ob veganes Ostern, Bildschirmzeit oder Trotzanfälle im Supermarkt: Eltern stehen unter Dauerbeobachtung. Und die strengsten Richter sind oft andere Eltern. In dieser Ausgabe unseres Beziehungs-Newsletters „Ein FUNKE Liebe“ erinnert unsere Autorin Alina Juravel daran, dass hinter jeder Entscheidung ein Alltag steht, den wir nicht kennen. Warum es höchste Zeit ist, mit dem reflexhaften Urteilen aufzuhören.
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Ostern bleibt entspannt – bis Familien aufeinandertreffen
Vielleicht mache ich mich mit dieser Meinung jetzt ziemlich unbeliebt, aber ich muss gestehen: Ich mag Ostern viel lieber als Weihnachten. Während Weihnachten oft wie ein emotional aufgeladenes Großprojekt daherkommt, bleibt Ostern angenehm zurückhaltend. Ich muss mich um keine perfekt ausgewählten Geschenke kümmern, es gibt keinen kollektiven Einkaufsstress und kein wochenlanges Dauerbeschallen mit immergleichen Liedern im Radio.
Gerade mit Kindern fühlt sich Ostern deutlich entspannter als Weihnachten an. Ein paar versteckte Eier im Garten, ein Schokohase hier und da – mehr braucht es oft gar nicht. Und doch: Sobald Familien aufeinandertreffen, oft in Konstellationen, die im Alltag so nicht existieren, kann auch dieses Fest Stress auslösen. Erwartungen prallen aufeinander, Gewohnheiten ebenso. Was idyllisch beginnt, endet nicht selten in gereizter Stimmung.

Neulich, als ich beim Pilates war, erzählte eine Mittrainierende, dass es ihr vor Ostern regelrecht graut. Ich war ehrlich überrascht. Ostern? Grauen? Für mich passte das nicht zusammen. „Wir sind vegan“, erklärte sie. Ihre Schwiegereltern aber könnten nicht verstehen, warum es für die Enkel keine klassische Eiersuche gibt. Keine bunt gefärbten Eier, keine Milchschokolade, keine vertrauten Rituale. Stattdessen biodynamische Naturprodukte – und jedes Jahr dieselbe Diskussion. Dass ihre Kinder eben nicht das bekommen sollen, was für andere selbstverständlich ist.
Kindererziehung: Was für uns nicht passt, muss nicht falsch sein
Ich seufzte innerlich. Die armen Kinder, dachte ich reflexhaft. Nicht einmal ein normaler Schokohase. Und schämte mich fast im selben Moment für diesen Gedanken. Denn ich hatte genau das getan, was ich selbst nicht ausstehen kann: über andere Erziehungsmethoden zu urteilen. Schnell, leise, aus dem Bauch heraus. Vor allem aber über eine andere Mütter. Ich tappte in die sogenannte Mom-Shaming-Falle.
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Ich wünschte, es wäre anders. Aber die Wahrheit ist: Wir tun es ständig. Wir bewerten. Wir vergleichen. Wir heben innerlich die Augenbraue. Etwa, wenn ein Kind im Restaurant ein Tablet vor sich hat, damit die Eltern in Ruhe essen können. Oder wenn ein Kind im Supermarkt alles zusammenschreit und die Mutter danebensteht, erschöpft, vielleicht ratlos. Wir sehen eine Szene – und glauben, die ganze Geschichte zu kennen.
Dabei ist das Thema Erziehung zutiefst emotional. Es berührt unsere Werte, unsere Überzeugungen, oft auch unsere eigenen Unsicherheiten. Und vielleicht urteilen wir gerade deshalb so schnell, weil wir uns selbst vergewissern wollen: So, wie ich es mache, ist es richtig. Was wir dabei ausblenden: Hinter jeder Entscheidung steht eine Lebensrealität, die wir nicht kennen. Ein Alltag, der anders aussieht als unserer. Mit anderen Prioritäten und anderen Kompromissen.

Dass etwas für uns nicht passt, bedeutet nicht, dass es falsch ist. Solange kein Kind körperlich oder seelisch zu Schaden kommt, sollten wir lernen, diese Unterschiede auszuhalten. Mehr noch: sie zu respektieren. Charlotte Weise zum Beispiel löst oft Unverständnis aus, wenn sie erzählt, dass sie ihren vierjährigen Sohn fast nie bei Freunden oder Großeltern lassen kann. Dass sie kaum allein etwas unternehmen kann, weil ihr Sohn sonst bitterlich weint oder gar in einen Panikmodus verfällt. Viele Außenstehende werfen Charlotte vor, ihr Kind zu verhätscheln, dabei ist ihr Sohn hochsensibel. Wie Charlotte ihren Sohn mit seiner Hochsensibilität unterstützt und welche Routinen der Familie helfen, hat sie meiner Kollegin Natalja Fischer erzählt.
Gentle Parenting: Spagat zwischen pädagogischen Idealen und Familienchaos
Wie sich Eltern von Selbstzweifeln und Erwartungen befreien können, damit beschäftigt sich auch Marlies Johanna Heckner. Sie ist Deutschlands bekannteste Momfluencerin. Als Autorin und Verfechterin des Gentle Parenting – der bedürfnisorientierten Erziehung – erreicht sie auf Social Media Hunderttausende Eltern. Meine Kollegin Jana Beringer hat mit ihr darüber gesprochen, wie alltagstauglich Gentle Parenting wirklich ist und warum auch Schimpfen manchmal seinen Platz hat.
Auch ich versuche meine Tochter bedürfnisorientiert zu erziehen. Ich will Verständnis zeigen und Wärme geben, aber gleichzeitig auch klare Grenzen setzen. Nicht ganz einfach mit einem fast dreijährigen Kind, das manchmal wie ein kleiner Tyrann daherkommt, wenn ihm irgendwas nicht passt. Besonders spannend fand ich daher dieses Interview mit dem Erziehungswissenschaftler Sebastian Engelmann. Was er Eltern im Umgang mit Kindern rät und wovor sich Mütter und Väter schützen müssen, können Sie hier lesen.
Ob mit Kindern oder ohne, vegan oder mit Lammbraten, ich wünsche Ihnen schöne Ostern! Genießen Sie die Feiertage und den Frühling!
Alles Liebe,
Alina Juravel




