Was auf den ersten Blick wie ein Zeichen zunehmender Umweltverschmutzung wirkt, könnte für manche Vogelarten einen ganz praktischen Nutzen haben. In Städten rund um den Globus greifen Vögel offenbar gezielt zu Zigarettenresten – und bauen sie in ihre Nester ein.
Beobachtungen reichen von Darwinfinken auf den Galápagosinseln über Hausfinken in Mexiko bis hin zu Singdrosseln in Neuseeland. Selbst in Großbritannien wurden Vögel gesichtet, die ihre Nester direkt in Aschenbechern anlegen. Eine neue Studie liefert nun Hinweise darauf, warum dieses ungewöhnliche Verhalten entstanden sein könnte.
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Gift gegen Parasiten
Im Fokus der Untersuchung stehen Blaumeisen, eine in Europa weitverbreitete Art. Ihre Nester bieten ideale Bedingungen für Parasiten wie Flöhe, Zecken oder Fliegenlarven, die sich von den Vögeln und ihren Jungtieren ernähren. Genau hier könnten die Inhaltsstoffe von Zigarettenfiltern eine Rolle spielen.
Zigarettenreste enthalten tausende chemische Verbindungen, darunter Nikotin und Schwermetalle. Einige davon gelten als giftig für Insekten – und könnten somit wie ein natürliches Schädlingsmittel wirken. Forscher der Universität Łódź in Polen gingen dieser Vermutung gezielt nach.
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Schutz mit Risiko: Warum Zigarettenkippen für Vögel nützlich sein können
In einem Experiment untersuchten sie fast 100 Jungvögel in unterschiedlichen Nistkästen. Während eine Gruppe in natürlichen Nestern aufwuchs, wurden andere mit sterilen Materialien ausgestattet oder erhielten zusätzlich gebrauchte Zigarettenstummel im Nest. Nach knapp zwei Wochen zeigten Blutuntersuchungen: Jungvögel aus den sterilen Nestern und aus Nestern mit Zigarettenresten wiesen bessere Gesundheitswerte auf als jene aus unbehandelten Nestern.
Auch bei den Parasiten zeigte sich ein Unterschied. In natürlichen Nestern traten sie am häufigsten auf, in den künstlich gereinigten nahezu gar nicht. Nester mit Zigarettenstummeln lagen dazwischen: Die Zahl der Parasiten war reduziert, wenn auch nicht so stark wie bei den vollständig sterilen Varianten.
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Vorteil mit einer Kehrseite
Fachleute ordnen die Ergebnisse vorsichtig ein. Zwar sei der nachgewiesene Effekt bemerkenswert, doch falle er vergleichsweise gering aus. Das könnte auch an der Versuchsanordnung liegen: In der Natur zerlegen Vögel Zigarettenfilter oft und verteilen die Fasern im Nest, wodurch die Wirkstoffe intensiver wirken könnten. In der Studie wurden hingegen ganze Stummel verwendet.
Andere Untersuchungen zeigen zudem, dass einige Arten deutlich größere Mengen einsetzen. In Mexiko etwa bauen Sperlinge und Finken teils mehrere Zigarettenreste in ihre Nester ein – und reagieren sogar flexibel auf einen erhöhten Parasitenbefall, indem sie mehr Material hinzufügen.
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Doch der vermeintliche Vorteil hat offenbar auch eine Kehrseite. Hinweise aus weiteren Studien deuten darauf hin, dass die Giftstoffe nicht nur Parasiten schaden, sondern auch die Vögel selbst belasten könnten. So wurden bei Jungtieren Anzeichen für genetische Schäden festgestellt, deren langfristige Folgen bislang unklar sind.





