Zusammenfassung

  • Eine Studie zeigt, dass Menschen mit ADHS auch im Wachzustand schlafähnliche Hirnwellen haben.
  • Diese besonderen Hirnaktivitäten treten bei ihnen häufiger auf und stehen im Zusammenhang mit Konzentrationsproblemen.
  • Die Forscher wollen nun testen, ob gezielte akustische Reize helfen können, diese Zustände zu verringern.

Schlafähnliche Zustände auch tagsüber? Das könnte erklären, warum Menschen mit ADHS so schwer aufmerksam bleiben, selbst wenn sie es wollen. Eine Studie australischer Neurowissenschaftler liefert diesbezüglich überraschende Erkenntnisse. Unter anderem berichtet das Wissenschaftsmagazin „Spektrum“ darüber.

Demnach sollen langsame Hirnwellen, die denen im Schlaf ähneln, bei Betroffenen auch häufiger tagsüber auftreten. „Jeder erlebt diese kurzen Momente schlafähnlicher Aktivität. Bei Menschen mit ADHS kommen sie jedoch häufiger vor“, erklärt Neurowissenschaftlerin Elaine Pinggal von der Monash University in Melbourne in einer Pressemitteilung. Die Studienergebnisse wurden in der Fachzeitschrift „JNeurosci“ veröffentlicht. Was bedeuten sie konkret für den Alltag der Betroffenen?

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ADHS und Aufmerksamkeit: Wenn das Gehirn immer wieder „einnickt“

Rund 2,5 Prozent der Erwachsenen in Deutschland sind von ADHS betroffen. Aufmerksamkeitsprobleme, Hyperaktivität und Impulsivität gelten als Kernsymptome der Störung. Ein Forscherteam um Pinggal wollte in einem Experiment herausfinden, wie oft die für den Schlaf typische Hirnaktivität, die sogenannte „slow wave activity“, bei Erwachsenen mit ADHS im Vergleich zu neurotypischen Erwachsenen auftritt und was sie für Aufgabenbewältigung bedeutet.

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Vor der Untersuchung hatten die Menschen mit ADHS ihre Medikamente für mindestens 72 Stunden abgesetzt. In dem Experiment bearbeiteten anschließend alle Probanden eine Aufgabe, die anhaltende Aufmerksamkeit forderte. Sie sollten jedes Mal auf eine Taste drücken, wenn auf dem Bildschirm nicht die Ziffer 3 zu sehen war. Insgesamt nahmen an dem Experiment 32 Erwachsene mit ADHS und 31 neurotypische Erwachsene teil.

Während des Experiments wurden die Teilnehmer zudem nach ihrem mentalen Zustand befragt: Waren sie voll konzentriert? Schweiften ihre Gedanken ab – sogenanntes „Mind-Wandering“? Oder war ihr Kopf völlig leer, ein Zustand, den Forscher als „Mind-Blanking“ bezeichnen? Gleichzeitig maßen 64 Elektroden auf der Kopfhaut elektrische Signale des Gehirns, die Rückschlüsse auf die neuronale Aktivität erlauben.

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ADHS-Studie: Schlafähnliche Hirnaktivität stört Aufmerksamkeit

Was zeigte das Experiment? In der ADHS-Gruppe beobachtete das Forscherteam eine stärkere schlafähnliche Hirnaktivität, die mit häufigeren Aufmerksamkeitslücken einherging. Die ADHS-Betroffenen berichteten mehr von „mind-wandering“ und „mind-blanking“ als neurotypische Probanden. Wie Forscher in der Pressemitteilung erklären, hing diese erhöhte Aktivität auch mit häufigeren Aufgabenfehlern, verlangsamten Reaktionszeiten und Schläfrigkeit zusammen.

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„Schlafähnliche Hirnaktivität ist ein normales Phänomen, das bei anspruchsvollen Aufgaben auftritt“, so die Neurowissenschaftlerin Pinggal. Kurze Momente schlafähnlicher Aktivität würden bei allen Menschen auftreten, bei Menschen mit ADHS seien sie jedoch häufiger. Das Experiment zeige, warum es den Betroffenen schwerer falle, ihre Aufmerksamkeit aufrechtzuerhalten, erklärt die Forscherin.

ADHS-Forschung: Akustiktherapie für weniger Schläfrigkeit am Tag?

Die Studienergebnisse schlagen laut dem Forscherteam eine Brücke zwischen Schlaf- und Aufmerksamkeitsforschung bei ADHS. Bei Menschen ohne ADHS lässt sich die Schlafqualität durch gezielte akustische Reize – etwa bestimmte Töne oder Klänge – während des Schlafs verbessern. Das könnte dazu beitragen, dass das Gehirn am nächsten Tag im Wachzustand weniger in schlafähnliche Zustände verfällt. Pinggal möchte nun im nächsten Schritt untersuchen, ob dieser Ansatz auch bei Menschen mit ADHS funktioniert.