Kinder gelten lange als ehrlich – jedenfalls solange ihnen noch das sprachliche und gedankliche Rüstzeug zum Lügen fehlt. In der Entwicklungspsychologie war deshalb oft die Annahme verbreitet, dass gezielte Täuschung erst dann möglich wird, wenn Kinder verstehen, dass andere Menschen etwas anderes wissen, denken oder fühlen als sie selbst. Eine Studie, die in der Fachzeitschrift „Cognitive Development“ veröffentlicht wurde, stellt diese Vorstellung nun infrage.

Studie zu Kleinkindern: Schon Babys tricksen andere aus

Ein Forschungsteam um Elena Hoicka von der University of Bristol kommt zu dem Schluss, dass die Fähigkeit zur Täuschung deutlich früher beginnt als lange angenommen. Bislang sei Täuschung in der Forschung oft als besonders anspruchsvolle Leistung verstanden worden, sagt Hoicka. Dahinter steht die Annahme, dass Kinder dafür nicht nur Sprache brauchen, sondern auch eine sogenannte „Theory of Mind“ – also die Fähigkeit zu verstehen, dass andere Menschen eigene Gedanken, Gefühle und Wissensstände haben.

Nach Ansicht der Forschenden greift diese Erklärung jedoch zu kurz. Denn Täuschung lässt sich nicht nur bei Menschen beobachten. Auch Tiere führen einander in die Irre, obwohl sie keine Sprache wie wir benutzen. Schimpansen verstecken sich etwa, um Nahrung außerhalb des Blickfelds dominanter Tiere zu fressen. Bei Vögeln wurde beobachtet, dass sie falsche Alarmrufe ausstoßen, um an Futter zu gelangen. Für das Forschungsteam ist das ein wichtiger Hinweis: Täuschung braucht womöglich weder Sprache noch eine voll entwickelte „Theory of Mind“.

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Täuschung bei Kindern: Was die Studie über frühe Tricks verrät

Inspiriert von solchen tierischen Täuschungsmanövern entwickelte das Team einen Fragenkatalog mit 16 einfachen Formen der Täuschung, die sich auch bei sehr jungen Kindern beobachten lassen. Elena Hoicka sagt, Kinder könnten erstaunlich raffiniert sein. Aus eigener Erfahrung als Mutter kenne sie etwa den Trick, sich unter dem Tisch oder im Bad zu verstecken, um heimlich Süßigkeiten zu essen. In der Studie erfasst wurden außerdem Verhaltensweisen wie absichtliches Überhören, das Verbergen von Gegenständen oder das Leugnen eigener Schuld.

Für die Untersuchung befragten die Forschenden Eltern von mehr als 750 Kindern unter vier Jahren. Sie sollten angeben, ab welchem Alter ihre Kinder bestimmte Täuschungsformen selbst einsetzten und ab wann sie solche Manöver auch bei anderen durchschauten. Das Ergebnis fiel deutlich aus: Rund ein Viertel der Kinder habe bereits mit zehn Monaten begonnen, erste Formen von Täuschung zu verstehen und anzuwenden, heißt es in der Studie.

Lügen bei Kindern: Ab welchem Alter erste Täuschung beginnt

Zu den frühesten Strategien gehört offenbar, ein Spielzeug zu verstecken, um es nicht teilen zu müssen. Mit etwa elf Monaten tun manche Kinder Verbotenes heimlich. Rund um den ersten Geburtstag zeigt sich dann schon eine besonders alltägliche Form der Unwahrheit: das entschiedene Kopfschütteln auf die Frage, ob man von der Schokolade genascht habe.

Mit etwa zwei Jahren bleibt Täuschung meist noch eng an das unmittelbare Handeln gebunden. Kinder tun dann zum Beispiel so, als hätten sie eine Aufforderung nicht gehört. Sie verstecken Dinge vor anderen oder streiten etwas ab, das kurz zuvor passiert ist.

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Entwicklung bei Kindern: Mit drei Jahren werden die Tricks raffinierter

Ab etwa drei Jahren erweitert sich das Repertoire deutlich. Dann beginnen Kinder, zu übertreiben, zu untertreiben oder etwas komplett zu erfinden. Hoicka nennt in der Studie ein typisches Beispiel: „Ein Geist hat die Schokolade gegessen.“ Kinder fangen außerdem an, Informationen gezielt wegzulassen. Sie erzählen dann zwar, dass das Geschwisterkind sie geschlagen hat, verschweigen aber, dass sie selbst zuvor zugeschlagen haben.

Auch Ablenkungsmanöver kommen nun häufiger vor. Dreijährige sagen etwa: „Schau mal da drüben“, wenn sie in diesem Moment etwas tun wollen, was sie nicht dürfen. Die Forschenden werten das als Hinweis darauf, dass Kinder in diesem Alter mehr Formen der Täuschung verstehen und gezielt einsetzen. Dafür brauche es oft mehr sprachliche Fähigkeiten und ein feineres Gespür dafür, was andere Menschen wissen oder vermuten.

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Kindliche Entwicklung: Warum kleine Schwindeleien normal sind

Hoicka betont allerdings, Täuschung beginne nicht plötzlich mit drei oder vier Jahren. Die frühen Formen seien noch nicht unbedingt ausgereifte Lügen. Oft gehe es eher darum, mit etwas davonzukommen oder eine zusätzliche Belohnung zu bekommen.

Besonders schnell entwickelten sich diese Fähigkeiten laut Studie, wenn Eltern ihre Kinder selbst regelmäßig hereinlegten oder kleine Schwindeleien gegenüber anderen förderten. Die Forschenden werten das dennoch nicht vorschnell als schlechtes Zeichen. Täuschung sei auch eine Form sozialer Kommunikation, mit der Kinder umgehen lernen müssten, um nicht selbst ständig in die Irre geführt zu werden. Zudem könne sie für weniger durchsetzungsfähige Kinder eine Möglichkeit sein, Machtunterschiede auszugleichen – gegenüber Erwachsenen ebenso wie gegenüber anderen Kindern.

Für Eltern und pädagogische Fachkräfte lässt sich daraus vor allem eines mitnehmen: Kleine Schwindeleien sind im frühen Kindesalter offenbar kein Alarmzeichen, sondern Teil der normalen Entwicklung. Hoicka sagt, Eltern könnten beruhigt sein. Wer wisse, welche Formen von Täuschung in welchem Alter typisch seien, könne das Verhalten von Kindern besser einordnen und angemessener darauf reagieren.