Lange galten Stütz- und Kompressionsstrümpfe als typisches „Oma-Ding“. Doch tatsächlich erlebt dieses vermeintlich angestaubte Gesundheitsprodukt derzeit ein Revival. Auf Social-Media-Plattformen wie Instagram und Tiktok werden sie inzwischen als stylishes Must-have gefeiert. Junge Menschen tragen sie in poppigen Farben zu bunten Sneakern, loben deren Komfort und betonen die vorbeugende Wirkung etwa für das Herz-Kreislauf-System.
Doch was steckt hinter dem Trend? Können Kompressionsstrümpfe tatsächlich ohne konkrete Beschwerden die eigene Gesundheit verbessern oder gar Krankheiten vorbeugen? Prof. Dr. Christiane Tiefenbacher, Vorstandsmitglied der Deutschen Herzstiftung, erklärt in diesem Teil der Serie „Herz-Doc“ unter anderem den medizinischen Nutzen von Kompressionsstrümpfen und wann jeder diese unbedingt tragen sollte. Doch Tiefenbacher mahnt auch zur Vorsicht.
Kompressionsstrümpfe: Welche Wirkung haben Stützstrumpfe wirklich?

Influencer bewerben Stützstrümpfe teils mit argumentativer Leichtigkeit und großen Versprechungen wie „Verbessert den Kreislauf!“. Es gibt sie längst nicht mehr nur als klassischen Overknee-Strumpf, sondern in allen Varianten, Längen und Farben – bis hin zu Kompressionsleggings. „Kompressionsstrümpfe haben definitiv einen medizinischen Nutzen“, sagt auch Prof. Tiefenbacher.
Trotzdem warnt die Expertin vor zu hohen Erwartungen. „Fakt ist: Ärzte und Medizinerinnen verschreiben Kompressionsstrümpfe für konkrete Krankheitsbilder wie Krampfadern oder schwere Venenschwäche, denn hier haben sie einen erwiesenen Nutzen.“
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Gerade Menschen mit Venen- oder Lymphgefäßschwäche profitierten enorm von passender Kompression, so die Herzspezialistin. Die Strümpfe üben Druck auf die Gefäße aus und verhindern so, dass sich Flüssigkeit ansammelt oder Schwellungen entstehen – Primärprobleme eher bei älteren Menschen oder auch Schwangeren. „Das ist ein einfacher physikalischer Effekt: Der Druck von außen ist höher als der in den Gefäßen – dadurch kann kein Wasser austreten“, erläutert Tiefenbacher und ergänzt: „Viele Menschen empfinden das Tragen von Kompressionsmaterial als angenehm, gerade bei hohen Belastungen. Es macht müde Beine gefühlt leichter.“

Wann sind Kompressionsstrümpfe sinnvoll?
Besonders hilfreich sind Stütz- oder Kompressionsstrümpfe laut Tiefenbacher im Alltag in diesen Fällen:
- Bei längerem Stehen, wie in Berufen im Handel oder in medizinischen Einrichtungen.
- Bei Menschen mit Krampfadern oder geschwollenen Beinen.
- Während Reisen mit langen Flug- oder Autofahrten, bei denen die Durchblutung der Beine stark eingeschränkt wird.
Fragen an „Herz-Doc“
Sie haben eine allgemeine Frage zu Herz-Kreislauf-Erkrankungen? Gerne gibt unser Herz-Doc Antwort! Senden Sie uns einfach Ihre Frage per Mail an herzdocs(at)funkemedien.de. Die Einsendungen werden zunächst gesichtet, sortiert und gegebenenfalls an Herz-Spezialistin Prof. Dr. med. Christiane Tiefenbacher weitergeleitet und anonymisiert veröffentlicht.
Kompressionsstrümpfe bei Bluthochdruck: Können sie den Blutdruck senken?
Die Frage, warum sich gerade junge Menschen für Stütz- und Kompressionsstrümpfe zu begeistern scheinen, erklärt sich Prof. Tiefenbacher teils mit dem Lifestyle-Aspekt. „Das Produkt ist aus dem Gesundheitsschrank ins Rampenlicht gerückt – nur leider teilweise mit unrealistischen Versprechen.“ Zu behaupten, dass Stützstrümpfe Herz-Kreislauf-Problemen vorbeugen, sich auf den Blutdruck auswirken oder die Arterien schützen, sei schlicht falsch.
Eine Frau berichtet etwa, dass ihre Mutter sie auf den positiven Effekt von Kompressionsstrümpfen aufmerksam gemacht habe und ihr das Tragen tatsächlich geholfen habe, ihren Bluthochdruck zu senken. Hier ist Tiefenbacher skeptisch, vermutet eher einen Placeboeffekt. „Für eine direkte Blutdruckregulation sind Stützstrümpfe nicht geeignet.
Der Einfluss auf die Arterien und den Blutdruck ist physikalisch kaum erklärbar“, so Tiefenbacher. Die Regulation des Blutdrucks in den Arterien erfolge systemisch und könne durch Kompression praktisch nicht gesteuert werden. „Es gibt keine Studien, die belegen, dass diese Strümpfe präventiv gegen Bluthochdruck wirken. Aber das trägt sich einfach angenehm“, betont Tiefenbacher.
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„Falls sich jemand durch das Tragen von Kompressionsstrümpfen besser fühlt oder subjektiv sagt, der Blutdruck sei gesunken, könnte das ein Einzelfallphänomen sein – aber es ist nicht medizinisch erklärbar“, so die Professorin. Ihre klare Empfehlung: „Menschen mit Bluthochdruck sollten sich eher auf bewährte Maßnahmen wie gesunde Ernährung, Bewegung und medikamentöse Therapie fokussieren.“
Kompressionsstrümpfe könnten in Kombination sinnvoll sein, wenn auch Venenschwäche besteht – dies sei jedoch individuell zu prüfen. Das Gefühl, etwas für sich zu tun, könne jedoch mentalen Stress reduzieren, was tatsächlich einen positiven Effekt auf den Blutdruck habe.
„Hat jemand keine entsprechenden Beschwerden, sollten solche Produkte nicht als vorbeugende oder kardiologische Wunderwaffe für die eigene Gesundheit getragen werden“, sagt Tiefenbacher und rät, Stütz- oder Kompressionsstrümpfe nur bei akutem Bedarf anzuziehen. Denn diese haben laut der Expertin durchaus Tücken: „Sitzen die Strümpfe schlecht, kann dies zu Hautreizungen oder unangenehmen Druckstellen führen.“
Kompressionsstrümpfe richtig tragen: Darauf sollten Sie achten
Die Wahl des richtigen Produkts sei dabei – egal für welchen Bedarf – entscheidend. Tiefenbacher empfiehlt:
- Auf die passende Kompressionsklasse achten: Für gesunde Beine reicht ein leichter Druck (Klasse I).
- Hochwertige Materialien wählen: Gut sitzende Strümpfe sind angenehm – schlecht sitzende Produkte können Beschwerden fördern.
- Länge der Belastung anpassen: Für Reisen oder langes Stehen sind Kniestrümpfe oft ausreichend, für Erkrankungen sollten höherreichende Varianten bevorzugt werden.
Tiefenbacher mahnt: „Verlassen Sie sich bei der Auswahl auf individuelle Beratung, anstatt auf Social-Media-Versprechen.“






