Das eigene Kind liebend in den Armen zu halten, es aufwachsen zu sehen, dabei zu sein, wenn es die Welt entdeckt und zu einem Erwachsenen heranwächst – der Wunsch, dies erleben zu dürfen, treibt viele Menschen an den Rand der Verzweiflung. Immerhin lebt laut dem Bundesfamilienministerium fast jedes zehnte Paar zwischen 25 und 59 Jahren ungewollt kinderlos.
Aber wohin mit der Angst, dass der Familientraum zerplatzen könnte? Monika Stepan ist Psychologin mit eigener Praxis in Bad Homburg bei Frankfurt am Main. Einer ihrer Schwerpunkte ist die psychosoziale Beratung von Paaren und Einzelpersonen bei unerfülltem Kinderwunsch. Sie sagt: „Für viele ist das eine existenzielle Krise.“ Ihre Tipps können Betroffenen helfen.
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Unerfüllter Kinderwunsch: „Mein Leben hat keinen Sinn ohne Kinder“
Frau Stepan, wie fühlen sich die Menschen, die zu Ihnen in die Beratung kommen?
Monika Stepan: Ein unerfüllter Kinderwunsch wird oft wie ein „unsichtbarer Verlust“ wahrgenommen. Das Kind existiert bereits in der Vorstellung, und wenn dieser Wunsch unerfüllt bleibt, geht das mit verschiedenen Trauerphasen einher. Das Selbstbild, Lebensentwürfe und die Partnerschaft werden oft tief erschüttert. Die Frauen und Paare verbindet häufig ein Gefühl von Neid auf andere, Wut, Ohnmacht, Scham und soziale Isolation. Sätze wie „Mein Leben hat keinen Sinn ohne Kinder“ oder auch „Unsere Partnerschaft geht daran kaputt, wenn ich meinem Mann kein Kind schenken kann“ fallen in den Gesprächen häufiger.
Woher kommt dieser enorme Druck, den viele dahin gehend verspüren?
Es gibt gesellschaftlich schon sehr starke Bilder, was ein erfülltes Leben ausmacht. Das traditionelle Rollenbild der Kernfamilie mit Haus und Hund gilt immer noch als Norm und erzeugt enormen Druck. Kulturell wird Mutterschaft – und zunehmend auch Vaterschaft – sehr stark mit der eigenen Identität verknüpft. Natürlich ist das dann ein großer Punkt, wenn man nie Mutter oder Vater wird, weil das den Verlust dieser geplanten Rolle bedeutet. Das kann enorme Probleme und Selbstzweifel verursachen. Zudem fragen Familie, Schwiegereltern oder Kollegen oft unsensibel nach, ohne zu wissen, was sie damit auslösen können.
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Wie geht man damit um?
Gegenüber der Familie ist es wichtig, klare Grenzen zu setzen. Man darf deutlich darum bitten, dass bestimmte Fragen nicht mehr gestellt werden und man selbst das Thema anspricht, wenn einem danach ist.
Der Weg aus der Trauer führt durch sie hindurch
Wie schaffen Paare es, sich von ihrem Kinderwunsch zu verabschieden?
Zunächst hinterfrage ich in der Beratung oft das „Warum“ des Kinderwunsches, um andere Perspektiven zu eröffnen. Viele sind tatsächlich überrascht von der Frage, bei anderen kommt wiederum wie aus der Pistole geschossen so etwas wie „Meine Schwester ist jünger und hat schon zwei“. Manchmal stecken dahinter eben Motive wie Konkurrenz in der Ursprungsfamilie oder der Wunsch, etwas auszugleichen, was man selbst in der Kindheit nicht hatte. Oftmals ist das Betroffenen aber gar nicht wirklich bewusst. Wenn die Motive klar sind, kann man den Druck herausnehmen.
Und wie geht es dann weiter?
Wir arbeiten mit Abschiedsritualen, wie dem Schreiben eines Briefes an das ungeborene Kind oder einer Flaschenpost, um den Prozess des Loslassens zu unterstützen. Der einzige Weg aus der Trauer führt durch sie hindurch. Deshalb ist es wichtig, sie zuzulassen und eine bewusste Entscheidung für einen „Plan B“ – ein Leben ohne Kinder – zu treffen.
Man sollte sich dem zuwenden, was da ist, statt dem, was fehlt. Dazu gehört auch, die Partnerschaft wieder aktiv zu pflegen und ein gemeinsames neues Zukunftsbild zu entwickeln. Ein erfülltes Leben kann durch berufliche Weiterentwicklung, soziales Engagement oder vertiefte Freundschaften entstehen. Der Abschied vom Kinderwunsch ist ein aktiver, mutiger Prozess der Lebensgestaltung. Lebenssinn ist nicht an Elternschaft gebunden.

Kann es jeder schaffen, den Kinderwunsch abzulegen und ohne Kind glücklich zu werden?
Das lässt sich schwer pauschal beurteilen. Menschen, die eine gewisse „innere Getriebenheit“ spüren und sich professionelle Hilfe suchen, haben gute Chancen, einen ehrlichen Abschied zu vollziehen. Schwieriger könnte es für jene sein, die ihre gesamte Existenz ausschließlich von einem eigenen Kind abhängig machen und in dieser Gedankenblase verharren, ohne sich Unterstützung zu suchen. In der Therapie oder Beratung arbeiten wir dann intensiv an individuellen Glaubenssätzen und Bedürfnissen.
Was hinter einem ausgeprägten Kinderwunsch stecken kann
Bedeutet das, dass dann oft viel mehr dahintersteckt als nur der Kinderwunsch?
Ja, genau. Deswegen arbeite ich auch an den Glaubenssätzen, genauer gesagt an dem, was die Menschen geprägt hat. Hinter Aussagen wie „Ich will mich kümmern“ liegt zum Beispiel oftmals „Um mich hat sich keiner gekümmert“. Es kommt relativ häufig vor, dass Personen mit einem Kind etwas ausgleichen wollen, das ihnen früher gefehlt hat. Wenn man das weiß, kann man daran arbeiten.
Wenn es Paare lange versucht haben: Wann ist der richtige Zeitpunkt, den Wunsch loszulassen?
Viele merken es, wenn der körperliche und psychische Stress durch die Hormone und die Behandlungen zu groß wird. Auch die finanzielle Belastung ist oft eine Grenze, da nach den ersten drei Versuchen in Deutschland meist hohe Kosten für Selbstzahler entstehen. Es ist wichtig, sich bewusst zu machen, dass Kliniken auch wirtschaftlich denkende Unternehmen im Wettbewerb sind und einigen Ärzten immer eine neue Methode einfallen wird. Ich rate dazu, sich frühzeitig mit alternativen Lebensformen wie Adoption, Pflegschaft oder sozialem Engagement auseinanderzusetzen. In der gesamten Zeit gibt es nur zwei Zeitpunkte, die eine Frau kontrollieren kann: wann sie anfängt und wann sie aufhört. Alles dazwischen ist Kontrollverlust.







