Zusammenfassung
- Eine neue Studie zeigt, dass ADHS aus drei deutlich unterschiedlichen Typen besteht.
- Die Forscher fanden diese Biotypen mithilfe von Hirnscans und einem KI-Algorithmus
- Die Ergebnisse könnten dazu beitragen, künftig gezieltere und individuellere Behandlungen für betroffene Kinder zu entwickeln.
ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung) ist im Kinder- und Jugendalter die häufigste Entwicklungsstörung. Nach Angaben von ADHS Deutschland e.V. sind rund fünf Prozent der Kinder und Jugendlichen in Deutschland betroffen. Die Symptome reichen von Hyperaktivität und Impulsivität bis zu Aufmerksamkeitsproblemen und Vergesslichkeit – trotzdem wird bislang allen Betroffenen dieselbe Diagnose gestellt.
Eine Studie legt nun nahe: Hinter ADHS könnten sich mehrere eigenständige Unterformen verbergen. Die Ergebnisse wurden in der medizinischen Fachzeitschrift „Jama Psychiatry“ veröffentlicht. Unter anderem berichtet das Wissenschaftsmagazin „Spektrum“ darüber.
Lesen Sie auch
ADHS: Forscher entdecken Unterschiede in Gehirnstrukturen von Kindern
Das Forschungsteam um Qiyong Gong von der Sichuan University in China untersuchte die Gehirne von etwa 1000 Kindern mit ADHS – sowohl in chinesischen als auch in US-amerikanischen Kliniken. Ziel der Studie war es, Unterschiede in der Gehirnstruktur aufzuspüren.

Dafür wurden von 446 betroffenen Kindern und 706 Gleichaltrigen ohne ADHS Computertomographien (CT-Scans) angefertigt. Aus diesen Scans erstellten die Wissenschaftler detaillierte Oberflächenkarten des Gehirns – ähnlich wie topografische Landkarten. So ließen sich Vertiefungen und Erhebungen der grauen Substanz erkennen, die für die Informationsverarbeitung eine zentrale Rolle spielen.
Die Karten ermöglichten es dem Team, zu beobachten, welche Hirnareale bei ADHS-Kindern sich am stärksten von denen der Kontrollgruppe unterschieden. Dafür nutzten sie einen speziell entwickelten KI-Algorithmus. Das Ergebnis: Das Computerprogramm ordnete die Scans in vier unterschiedliche Gruppen ein. Drei davon gehörten zu Kindern mit ADHS, die vierte zur Kontrollgruppe ohne ADHS. So konnten sie nicht nur sicher zwischen betroffenen und nicht betroffenen Kindern unterscheiden – die Analyse zeigte auch, dass es bei ADHS offenbar drei klar unterscheidbare Untergruppen gibt. „Wir haben drei unterschiedliche, aus der Topologie abgeleitete Biotypen identifiziert“, schreiben die Studienautoren.
Auch interessant
Forscher identifizieren drei ADHS‑Untergruppen – mit verschiedenen Symptomen
Die drei Biotypen, die die Wissenschaftler identifizierten, unterscheiden sich sowohl durch typische Gehirnveränderungen als auch durch ihr Symptombild voneinander:
- Biotyp 1: Hier traten die schwersten Symptome auf: Unaufmerksamkeit, Hyperaktivität, Impulsivität und besonders viel emotionale Unruhe oder Probleme, Gefühle zu steuern. Im Gehirn fanden die Forscher weit verbreitete Veränderungen – vor allem im medialen präfrontalen Kortex und im sogenannten Pallidum, einer Region, die für Bewegungssteuerung und Emotionsregulation wichtig ist.
- Biotyp 2: Die Symptome liegen hier insbesondere in starker Unruhe und Impulsivität, während die Unaufmerksamkeit weniger ausgeprägt ist. Die Veränderungen im Gehirn zeigten sich besonders in Bereichen, die mit Kontrolle und Impulsen zu tun haben – vor allem im anteriorem cingulären Kortex und im Pallidum.
- Biotyp 3: Bei diesem Typ stehen Unaufmerksamkeit, Vergesslichkeit und Schwierigkeiten beim konzentrierten Arbeiten im Vordergrund. Hyperaktivität und Impulsivität spielen eine untergeordnete Rolle. Im Gehirn weisen diese Kinder Veränderungen vor allem im superioren frontalen Gyrus auf, einer Region, die mit Aufmerksamkeit in Verbindung gebracht wird.
Als Nächstes testeten die Forscher, ob sich ihre Ergebnisse bestätigen lassen. Sie ließen den entwickelten Algorithmus eine neue, unabhängige Gruppe von 554 ADHS-Scans und 123 Scans von Kontrollkindern bewerten. Auch hier teilte das Programm die betroffenen Kinder wieder in die gleichen drei Biotypen ein. Das zeigt: Die erkannten Muster sind stabil und zuverlässig.
„Unser umfassender Ansatz bietet einen vielversprechenden Rahmen, um die der ADHS innewohnende Heterogenität auf klinisch wertvolle Weise zu analysieren, was letztendlich den Weg für die Entwicklung personalisierter Therapiestrategien ebnen könnte“, so die Autoren.
Lesen Sie auch
ADHS-Biotypen entstehen durch unterschiedliche Hirnstrukturen und Faktoren
Die Entstehung der verschiedenen ADHS-Biotypen wird in der Studie darauf zurückgeführt, dass es vielfältige neurobiologische Grundlagen für ADHS gibt. Unterschiedliche Veränderungen in anatomischen Hirnnetzwerken, Neurotransmitterprofilen und möglicherweise auch genetische und Umweltfaktoren führen dazu, dass ADHS sich individuell unterschiedlich ausprägt – und somit verschiedene Untergruppen entstehen.
Um herauszufinden, ob diese Gehirnkategorien bestehen bleiben und die Biotypen über viele Jahre stabil sind, braucht es Längsschnittstudien, die die Kinder im Verlauf bis ins Erwachsenenalter begleiten.
Auch interessant
Die Entdeckung der drei unterschiedlichen ADHS-Biotypen eröffnet neue Perspektiven für die Behandlung der Störung. Künftig könnten Therapien gezielter auf die individuellen Bedürfnisse und Hirnprofile der Betroffenen abgestimmt werden. So ermöglichen die Erkenntnisse aus der Studie erstmals die Entwicklung personalisierter Behandlungskonzepte, die sowohl die Art der Symptome als auch die zugrundeliegenden biologischen Unterschiede berücksichtigen.










