Nahrungsergänzungsmittel erfreuen sich seit Jahren großer Beliebtheit. Sie gelten vielen als unkomplizierte Helfer für mehr Energie, besseren Schlaf oder ein stärkeres Immunsystem – oft gekauft ohne Rezept, ohne ärztliche Rücksprache und getragen von der Vorstellung, was frei verkäuflich ist, werde schon harmlos sein.

Eine neue Studie aus den USA stellt dieses Vertrauen nun zumindest teilweise infrage. Sie weist auf ein erhöhtes Risiko für Herzprobleme bei langfristiger Einnahme eines besonders beliebten Präparats hin. Die Daten sind vorläufig. Aber sie lenken den Blick auf ein grundsätzliches Problem: Ausgerechnet Mittel, die massenhaft konsumiert werden, sind in ihrer Langzeitwirkung oft erstaunlich lückenhaft erforscht.

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Melatonin als Schlafmittel: Warum die neue Studie aufhorchen lässt

Für die Untersuchung wertete ein Forschungsteam um den Medizinwissenschaftler Ekenedilichukwu Nnadi vom SUNY Downstate/Kings County Primary Care Center in New York Gesundheitsdaten von mehr als 130.000 Erwachsenen aus. Vorgestellt wurden die Ergebnisse im vergangenen November auf den Scientific Sessions der American Heart Association in New Orleans, dem Jahreskongress der US-Kardiologengesellschaft.

Wie es in der Studie heißt, stützte sich die Analyse auf elektronische Gesundheitsdaten aus den USA und dem Vereinigten Königreich. Der Beobachtungszeitraum umfasste fünf Jahre. Erfasst wurden Erwachsene mit Schlaflosigkeit, also Menschen, die über längere Zeit Probleme mit dem Ein- oder Durchschlafen hatten.

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Im Mittelpunkt stand dabei Melatonin. Das Präparat ahmt ein Hormon nach, das der Körper selbst bildet und das den Schlaf-Wach-Rhythmus steuert. Eingenommen am Abend kann es helfen, schneller müde zu werden und besser einzuschlafen.

Gerade das erklärt seine Popularität. Melatonin gilt vielen als sanfte Einschlafhilfe und steht im Ruf, harmloser zu sein als klassische Schlafmittel. In den USA zählt es inzwischen zu den beliebtesten Naturprodukten. Weil es dort und in vielen anderen Ländern rezeptfrei erhältlich ist, nehmen es viele Menschen ohne ärztliche Beratung ein. Über Dosis und Dauer entscheiden sie deshalb oft selbst.

Genau darin sieht Nnadi ein Problem. Bei der Vorstellung der Ergebnisse mahnte er zur Vorsicht: „Melatoninpräparate sind möglicherweise nicht so harmlos, wie allgemein angenommen wird.“

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Denn die Auswertung zeigte, dass Menschen mit Schlaflosigkeit, die Melatonin mindestens ein Jahr lang einnahmen, innerhalb von fünf Jahren deutlich häufiger eine Herzinsuffizienz entwickelten – also eine Herzschwäche, bei der das Herz nicht mehr stark genug pumpt, um den Körper ausreichend mit Blut zu versorgen. Nach Angaben der Forschenden lag ihr Risiko um rund 90 Prozent höher als bei vergleichbaren Personen ohne dokumentierte Melatonineinnahme. Konkret wurde eine solche Herzschwäche bei 4,6 Prozent der Melatonin-Gruppe neu festgestellt, in der Vergleichsgruppe bei 2,7 Prozent.

Auch eine zweite Analyse des Forschungsteams fiel deutlich aus. Darin, so heißt es in der Studie, seien Menschen, die Melatonin länger als ein Jahr einnahmen, fast 3,5-mal so häufig wegen Herzinsuffizienz im Krankenhaus behandelt worden wie Personen ohne dokumentierte Einnahme. Hinzu kam eine höhere Sterblichkeit. Wie die Forschenden berichten, starben im Beobachtungszeitraum 7,8 Prozent der Menschen in der Melatonin-Gruppe. In der Vergleichsgruppe waren es 4,3 Prozent. Das entspricht in etwa einer Verdopplung des Risikos.

Um ihre Ergebnisse zu überprüfen, wertete das Team die Daten zusätzlich mit strengeren Kriterien aus. In diese Zusatzanalyse flossen nur Personen ein, bei denen mindestens zwei Melatonin-Verschreibungen im Abstand von 90 Tagen dokumentiert waren. Auch dabei blieb der beobachtete Zusammenhang bestehen.

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Die Ergebnisse klingen alarmierend. Dennoch ist Zurückhaltung angebracht. Bislang wurden die Ergebnisse weder in einer Fachzeitschrift veröffentlicht noch in einem sogenannten Peer-Review von unabhängigen Fachleuten geprüft. Ein Peer-Review ist das übliche Verfahren in der Wissenschaft, bei dem andere Expertinnen und Experten Methodik und Aussagekraft einer Studie überprüfen.

Hinzu kommt eine wichtige Schwäche der Untersuchung. Die Forschenden befragten die Teilnehmenden nicht direkt zu ihrem Melatoninkonsum, sondern leiteten ihn aus Verschreibungsdaten ab. Vor allem in Ländern wie den USA ist das problematisch, weil Melatonin dort frei verkauft wird. Es ist also gut möglich, dass auch Menschen in der Vergleichsgruppe Melatonin einnahmen, ohne in den Daten als Nutzer erfasst zu werden. Deshalb ändern die Daten vorerst keine medizinischen Empfehlungen. Sie zeigen einen auffälligen Zusammenhang, beweisen aber nicht, dass Melatonin die beobachteten Herzprobleme tatsächlich verursacht.

Nach bisherigem Kenntnisstand gilt Melatonin bei kurzfristiger Anwendung meist als gut verträglich, solange Anwenderinnen und Anwender nicht schwanger sind oder stillen. Gemeint ist damit in der Regel ein Zeitraum von einigen Wochen bis höchstens ein oder zwei Monaten. Für eine längere Einnahme gibt es dagegen bislang nur wenige belastbare Daten. Zwar sprechen einzelne Übersichtsarbeiten dafür, dass Melatonin auch bei längerer Einnahme keine schweren Nebenwirkungen verursacht. Verlässlich geklärt ist seine Langzeitsicherheit damit aber noch nicht. Eben auf diese offene Frage lenkt die neue Studie nun den Blick.