ADHS ist keine Beziehungsdiagnose, und doch entscheidet diese neurodivergente Besonderheit oft darüber, wie Beziehungen verlaufen – zumindest für Frauen. Während männliche Symptome lange als Norm galten, kämpfen Frauen mit ADHS nicht nur mit Reizüberflutung und innerer Unruhe, sondern auch mit Erwartungen an emotionale Arbeit, Anpassung und Fürsorge. In Beziehungen scheitern sie selten an mangelnder Liebe – sondern an einem System aus Missverständnissen und der stillen Annahme, sie müssten sich einfach mehr zusammenreißen. In dieser Ausgabe unseres Beziehungs-Newsletters „Ein FUNKE Liebe“ erklärt unsere Autorin, warum eine Diagnose gerade für Frauen so wichtig ist und warum Betroffene dazu neigen, toxische Beziehungen zu führen.
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Ich liebe meine Freundinnen. Wirklich jede von ihnen. Ich halte sie für starke, emanzipierte Frauen, die mein Leben bereichern. Es gibt jedoch eine Freundin, die bei mir oft Unverständnis auslöste. Zum Beispiel, wenn sie mir erzählte, dass sie schon wieder von einem Mann verletzt wurde, dass es ihr schon wieder so schwerfiel, „Nein“ zu sagen, und sie sich schon wieder nicht durchsetzen konnte. Ich habe lange Zeit nicht verstanden, warum ausgerechnet sie, die beruflich so erfolgreich und fokussiert ist, in ihren Beziehungen zu Männern so anders ist. Warum lässt sie sich privat so viel gefallen, während sie in ihrem Beruf ein Team leitet?
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Die Antwort darauf fand ich, aber auch meine Freundin, erst im vergangenen Sommer. Sie hat ADHS (kurz für Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung). Oder genauer gesagt ADS, also ohne das H, die Hyperaktivität. Es wird vermutet, dass sie schon als Kind neurodivergent war, die Diagnose bei ihr jedoch – wie bei vielen Mädchen und Frauen – übersehen wurde. Als sie schließlich mit fast 36 Jahren die Diagnose erhielt, verspürte sie „pure Erleichterung“, denn endlich kam sie einer Erklärung näher, warum sie in ihrem Privatleben mit so vielen Herausforderungen zu kämpfen hat.
ADHS: Betroffene Frauen haben oft Schwierigkeiten, Grenzen zu setzen
Selbstverständlich kann man ADHS nicht für alles verantwortlich machen. Doch die Wissenschaft ist sich mittlerweile einig: Die neurobiologische Besonderheit ist viel mehr als nur ein Zappelphilipp-Syndrom. ADHS bestimmt, wie wir denken, wie wir Entscheidungen treffen, wie wir mit Stress umgehen. Auch in Beziehungen spielt ADHS eine große Rolle. „Nähe, Körperkontakt und emotionale Intimität können bei Betroffenen zu Überforderung führen“, sagt die Psychotherapeutin und ADHS-Expertin Astrid Neuy-Lobkowicz. Im beruflichen Kontext können Betroffene überdurchschnittlich erfolgreich sein, weil dort klare Strukturen und Leistungsrückmeldungen vorhanden sind. Im Privatleben würde dies jedoch häufig fehlen: Beziehungen erfordern kontinuierliche Selbstregulation, emotionale Feinabstimmung, Verlässlichkeit und Organisation ohne äußeren Druck.
Auch Studien, etwa von Susan Young aus dem Jahr 2023, belegen: Frauen mit ADHS haben statistisch häufiger spezifische Probleme im Privatleben. Sie berichten häufiger von wechselnden Partnern, ungeschütztem Sex und einer geringeren Fähigkeit, Grenzen zu setzen. Psychotherapeutin Neuy-Lobkowicz betont daher: „ADHS-Frauen haben Schwierigkeiten, sich abzugrenzen – emotional wie körperlich.“ Vor welchen konkreten Gefahren sie warnt und was sie Betroffenen explizit rät, können Sie hier lesen.
ADHS führt bei Betroffenen oft zu Überforderung – auch beim Sex
ADHS ist keine Charakterschwäche und kein Beziehungsdefizit. Doch es beeinflusst, wie Nähe erlebt, Vertrauen aufgebaut und Selbstschutz praktiziert wird. Erst durch diesen Text meiner Kollegin Anne-Kathrin Neuberg-Vural habe ich zum Beispiel gelernt, warum viele Betroffene „zu viel“ oder „gar keinen“ Sex haben und welche Strategien ihnen helfen können.
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Nein ist ein kurzes Wort. Für viele Frauen mit ADHS ist es trotzdem schwer auszusprechen. Nicht, weil sie ihre Grenzen nicht kennen – sondern weil sie gelernt haben, dass Zustimmung Sicherheit verspricht. So auch meine Freundin, die dank ihrer ADS-Diagnose endlich professionelle Hilfe erhält und lernt, festgefahrene Muster zu durchbrechen.
Und wie sieht es bei Ihnen aus? Haben Sie oder Ihre Liebsten auch schon Erfahrungen mit ADHS gemacht? Sie können mir gern davon erzählen, ich freu mich drauf!
PS: Wenn Sie Kritik haben oder auch Anregungen, freue ich mich über eine Mail an alina.juravel@funkemedien.de
Alles Liebe,
Alina Juravel








