Jeder hat es wohl schon mal erlebt: Im Grunde müsste die Erkältung doch längst vorüber sein. Aber immer noch fühlt man sich erschöpft. Wenn aber Abgeschlagenheit und Atemnot selbst Wochen nach einer Erkältung nicht verschwinden, könnte mehr dahinterstecken als nur ein harmloser Infekt. „Es kann sich tatsächlich auch um eine Myokarditis, also eine Herzmuskelentzündung, handeln“, so Prof. Dirk Westermann, Ärztlicher Direktor der Klinik für Kardiologie und Angiologie am Uniklinikum Freiburg.
Hier erklärt er, welche Symptome auf eine Herzmuskelentzündung nach einer Erkältung hinweisen, wie die Diagnose der Mykoardititis abläuft und worauf es bei der Behandlung ankommt.
Es kann also sein, dass eine harmlose Erkältung aufs Herz schlägt?
Prof. Dirk Westermann: Ja, auf jeden Fall. Übrigens kann sich nach einer Erkältung und Grippe auch oft ein Herzinfarkt einstellen, das erleben wir gerade in der kalten Zeit jetzt häufig. Davor müssen wir als Kardiologen wirklich warnen. Die beste Vorbeugung ist die Impfung. Bei einer Erkältung ist das zwar nicht möglich, bei der Grippe aber doch. Aber eine weitere Gefahr ist eben auch die Myokarditis. Es trifft übrigens häufig eher jüngere Leute.

Herzmuskelentzündung: An welchen Symptomen man sie erkennt
Wie macht sich denn eine Myokarditis bemerkbar?
Es sind ganz unterschiedliche Symptome. Manche sind auch sehr unspezifisch, wie Müdigkeit und Abgeschlagenheit. Häufig merken es die Betroffenen gar nicht selbst, sondern es fällt anderen auf, die dann den Hinweis geben. Kurzatmigkeit, Herzstolpern oder Herzrasen gehören auch zum Symptomkomplex. Manchmal fühlen sich die Betroffenen so schwach, dass sie es kaum noch aus dem Bett schaffen. Es kann auch zu einem Stechen in der Brust kommen, ganz ähnlich wie bei einem Herzinfarkt. Deshalb sollte jeder mit solchen Symptomen sofort in die Klinik kommen.
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Kann die Herzmuskelentzündung auch auf den Herzbeutel übergreifen?
Ja, das kann passieren. Greift die Entzündung auch auf den Herzbeutel über, nennt man das Perimyokarditis (Herzbeutelentzündung). Die Prognose ist glücklicherweise sehr gut. 80 bis 90 Prozent heilen ohne Probleme aus. Allerdings gibt es auch, wenn auch wenige, atypische Verläufe, die dann im schlimmsten Fall das Herz so massiv schädigen, dass sogar an eine Transplantation gedacht werden muss.
Wie viele Menschen sind in etwa betroffen?
Mindestens 20.000 Menschen erkranken in Deutschland pro Jahr an einer Myokarditis.
Herzmuskelentzündung nach Erkältung: Ursachen und Auslöser
Was sind die Ursachen?
Bei den Ursachen sind auch Medikamente, Alkohol oder Drogen zu nennen. Aber vielfach wird sie vor allem durch Viren verursacht, zum Beispiel eben durch die Erkältungs- und Grippe-Viren.

Manch einer kriegt eine Myokarditis, mancher aber nicht. Woran liegt das?
Oft weiß man gar nicht, warum es einen genau trifft. Man kann wohl davon ausgehen, dass auch genetische Faktoren eine Rolle spielen. Noch ein Hinweis zur Ursache: Früher ist man immer davon ausgegangen, dass es Viren sind, die eine Myokarditis auslösen. Doch heute weiß man, dass es sehr häufig auch von einer immunen Kreuzreaktion verursacht wird, das heißt von einer überschießenden Reaktion des Immunsystems. Und das führt zum Umbau des Gewebes im Herzmuskel und das dann zur Schwächung des Muskels.
Wann entwickelt sich aus einer Erkältung eine Myokarditis?
Es passiert vor allem dann, wenn die Betroffenen nach einer Erkältung oder Grippe nicht zum Arzt gehen. Das hängt auch damit zusammen, dass die Symptome oft nur sehr allgemein und unspezifisch ausfallen können. Sich abgeschlagen zu fühlen, so etwas wird dann schnell einfach vom Tisch gewischt. Aber wenn diese Abgeschlagenheit, eventuell noch in Kombination mit Kurzatmigkeit, im Anschluss an eine Erkältung oder Grippe auftritt, sollte man unbedingt den Arzt aufsuchen.
Herzmuskelentzündung verschleppt: Welche Folgen drohen
Wie läuft die Diagnose ab?
Neben Blutuntersuchungen und EKG wird vor allem die Pumpleistung des Herzens kontrolliert. Bei einer Entzündung des Herzmuskels verschlechtert sie sich deutlich. Man kann auch eine Biopsie vornehmen. Häufiger allerdings macht man dann ein MRT.
Was passiert, wenn der Patient die Symptome einfach ignoriert?
Dann muss man damit rechnen, dass die Entzündung chronifiziert. Und das ist schlecht. Durch die Entzündung besteht die Gefahr, dass die geschädigten Muskelzellen durch Narbengewebe ersetzt werden. Das vermindert dann die Pumpfunktion dauerhaft.
Myokarditis behandeln: Medikamente, Schonung und Sportpause
Wie sieht die Therapie aus?
Es stehen uns eine Reihe von Medikamenten zur Verfügung. Zum Beispiel anti-entzündliche Mittel oder Medikamente, die wir auch bei Herzschwäche geben, wie zum Beispiel Betablocker. Unter Umständen gibt man, beispielsweise bei bakteriellen Entzündungen, auch Antibiotika. Oder auch Cortison bei manchen Formen der viralen Myokarditis. Die wichtigste Maßnahme ist jedoch körperliche Schonung, um den Heilungsprozess zu unterstützen und Langzeitschäden zu verhindern.
Ganz wichtig also ist, dass man sich nach einer deftigen Erkältung oder Grippe ein, zwei Wochen wirklich schont. Das heißt: keinen Leistungssport betreiben! Bei einer durchgemachten Myokarditis sollte man sogar drei bis sechs Monate keinen Sport machen. Natürlich kann man spazieren gehen, aber eben nicht joggen. Überhaupt sollte man gut auf die Signale seines Körpers achten und sich nicht überfordern. Ruhe und Schonung sind die beste Therapie.
Dieser Artikel erschien erstmals im November 2025.



