Was Dennis Hartmann ertragen hat, kann man sich kaum vorstellen: Vierzehn Jahre lang litt der heute 36-Jährige immer wieder unter stundenlangen Brech-Attacken und quälenden Bauchschmerzen. Hartmann ließ unzählige Untersuchungen über sich ergehen, war etliche Male in der Notaufnahme. Weder Bluttests noch Magenspiegelungen brachten ein Ergebnis, gängige Medikamente halfen nicht. „Das war kein Leben mehr“, sagt er. Was Hartmann damals noch nicht weiß: Er leidet am Cannabis-Hyperemesis-Syndrom (CHS), einer Erkrankung, die selbst erfahrene Medizinerinnen und Mediziner oft nicht richtig diagnostizieren.

Cannabis wird vielfach als verhältnismäßig harmlose Droge angesehen. Ihr Konsum ist in vielen Ländern, darunter Deutschland, mittlerweile legal. Die Wirkung wird unter anderem als beruhigend, schmerzlindernd und stimmungsaufhellend beschrieben. Zudem werden medizinische Cannabispräparate als Hemmer gegen Übelkeit und Erbrechen in der Krebsbehandlung begleitend bei Chemotherapien eingesetzt.

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Doch bei einem Teil der Konsumierenden führt Cannabis nicht zur Entspannung – sondern zu starker Übelkeit, krampfartigen Bauchschmerzen und nicht enden wollendem Erbrechen. Die Symptome treten schubweise auf, Betroffene übergeben sich bis zu 40-mal pro Tag. Essen und Trinken werden unmöglich. Woran liegt das und warum trifft CHS manche Menschen und andere nicht?

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Cannabis-Krankheit: CHS trotz Symptomen schwer zu erkennen

Bis zu einer Diagnose erleben Betroffene eine Odyssee. Geplagt von Schmerzen und dehydriert vom Erbrechen landen sie immer wieder in der Notaufnahme und verbringen oft Tage und Wochen in Krankenhäusern. Prof. Dr. Ursula Havemann-Reinecke ist Professorin für Psychiatrie mit dem Schwerpunkt Suchtmedizin und eine der wenigen Expertinnen für CHS in Deutschland. Sie erklärt: „In der Forschung geht man heute davon aus, dass CHS eine Folge einer Cannabisintoxikation ist. Also eine Art Vergiftungsreaktion, die sich nach langjährigem, häufigem Konsum von THC-reichem Cannabis entwickeln kann.“

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Genau das macht die Diagnose schwierig. Viele Betroffene bringen ihre Beschwerden nicht mit Cannabis in Verbindung, weil sie die Droge oft jahrelang ohne Probleme konsumiert haben. Zudem ist das Syndrom selbst unter Fachleuten wenig bekannt und wird häufig mit anderen Erkrankungen, wie einer Magenschleimhautentzündung, einem Reizdarmsyndrom oder den Symptomen eines Cannabisentzugs, verwechselt.

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Das Cannabis-Hyperemesis-Syndrom (CHS) wird sogar oft von erfahrenen Medizinern oft nicht richtig diagnostiziert. Dabei kann es qualvolle Symptome mit sich bringen.© iStock | AnnaTamila

Havemann-Reinecke betont: Wichtig für die Diagnose ist die Erhebung von Cannabiskonsum durch Befragung sowie durch Messungen im Urin und Blut. Besonders schwierig und langwierig ist auch der Ausschluss eines Cyclic-vomiting-Syndroms (CVS), das sich durch den Verzicht auf Cannabis nicht bessert. „Typisch für ein CHS ist dagegen, dass die Beschwerden nach Einleitung einer Cannabis-Abstinenz vollständig abklingen“, sagt sie. Erst eine Abstinenzzeit von 6 bis 12 Monaten ohne wiederkehrende Brechattacken ist Voraussetzung für eine sichere CHS-Diagnose.

Behandlung bei CHS: Hilft heiß duschen gegen die Cannabis-Krankheit?

Eine mögliche Linderung für kurze Zeit, aber keine Heilung, suchen Menschen mit CHS an einem unerwarteten Ort: unter der Dusche. Heißes Wasser, so berichten viele, dämpfe den Brechreiz und helfe gegen die Bauchschmerzen. Wie hoch der Leidensdruck dabei sein kann, zeigt der Fall eines Patienten in der „Deutschen Apotheker Zeitung“. Im letzten Jahr vor der Diagnose soll er 300 von 365 Tagen in der Badewanne verbracht haben. Manche Betroffene berichten auch, dass Einreibungen des Bauches mit einer Capsaicin-Creme die Beschwerden verbessert.

Warum heißes Wasser hilft, ist nicht vollständig geklärt. Forschende vermuten, dass Cannabis das Gleichgewicht im Wärmezentrum des Gehirns, dem Hypothalamus, durcheinanderbringt. Eine heiße Dusche bringt dieses Ungleichgewicht womöglich kurzzeitig ins Lot. Die bessere Durchblutung der Haut könnte auf das Gehirn zurückwirken und so auch das Brechzentrum beruhigen. Der Nachteil: Heißes Baden oder Duschen kann verstärken, dass Patienten durch CHS austrocknen und Elektrolyte verlieren.

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Als evidenzbasierte Therapie CHS heilen können aber weder heiße Duschen noch Capsaicin-Creme. Wichtig in der Therapie sind die Gabe von Elektrolyten und Flüssigkeit. Auch eine Gabe des Neuroleptikums Haloperidol kann akut hilfreich sein. Doch die einzige wirksame Behandlung des CHS im Sinne von Heilung lautet: Schluss mit Cannabis.

„Abstinenz ist die einzige effektive Therapieoption“, betont Ursula Havemann-Reinecke. Genau das ist für viele jedoch die größte Hürde. Denn Cannabis kann abhängig machen und Rückfälle sind häufig. Wie bei anderen Süchten braucht es oft eine begleitende Therapie, um den Konsum dauerhaft zu stoppen. Gelingt der Cannabis-Stopp, klingen die Beschwerden innerhalb von wenigen Tagen bis zu sechs Wochen ab. Dennoch: Für Patienten und Therapeuten bleibt CHS eine herausfordernde Erkrankung.

Cannabis: Mehr CHS-Betroffene auch in Deutschland zu erwarten

Kritisch sieht Havemann-Reinecke die mangelnde Aufmerksamkeit. „CHS ist selbst unter Fachleuten wie Gastroenterologen zu wenig bekannt und wird deshalb häufig nicht erkannt“, sagt sie. Offiziell geht man davon aus, dass etwa eine von tausend Personen von CHS betroffen ist. Die Dunkelziffer dürfte laut der Expertin aber deutlich höher liegen.

Prof. Dr. Ursula Havemann-Reinecke, Professorin für Psychiatrie mit Schwerpunkt Suchtmedizin und Senior Scientist, Universitätsmedizin Göttingen
Prof. Dr. Ursula Havemann-Reinecke ist Professorin für Psychiatrie mit dem Schwerpunkt Suchtmedizin und Senior Scientist an der Universitätsmedizin Göttingen (UMG). Sie ist Fachärztin für Psychiatrie und Neurologie sowie ausgebildet in Pharmakologie/Toxikologie. © Universitätsmedizin Göttingen (UMG) | Universitätsmedizin Göttingen (UMG)

Mit der Cannabis-Legalisierung könnte die Zahl der Fälle weiter steigen: In den USA, wo die Droge vielerorts schon länger frei verkäuflich ist, hat die Zahl der dokumentierten CHS-Fälle in den vergangenen Jahren kontinuierlich zugenommen. Ein ähnlicher Trend sei auch in Deutschland wahrscheinlich, so Havemann-Reinecke. Mit der Legalisierung steige nicht nur der Konsum an, sondern auch der durchschnittliche THC-Gehalt der Produkte. Beides zusammen erhöht das Risiko, an CHS zu erkranken.

Problematisch werde Cannabis vor allem bei Menschen, die über lange Zeiträume hinweg täglich hochpotente Sorten rauchen. „Diese Art des Konsums gilt es unbedingt zu vermeiden“, sagt Havemann-Reinecke. „CHS ist enorm qualvoll. Das will niemand erleben.“

Disclaimer: Dieser Text beleuchtet CHS als eine mögliche Folge von regelmäßigem Cannabiskonsum. Darüber hinaus kann Cannabis weitere gesundheitliche Risiken bergen, etwa psychische Probleme oder eine Beeinträchtigung der kognitiven Leistungsfähigkeit, auf die hier nicht eingegangen wird.