Kaum eine moderne Legende ist so zählebig wie die von den Spinnen, die sich nachts in unseren Mund verirren sollen. Acht Stück pro Jahr, heißt es. Diese Vorstellung ist gleichermaßen gruselig wie faszinierend und verbreitet sich seit Jahrzehnten ungebremst weiter. Doch wie viel Wahrheit steckt wirklich dahinter?

Ursprung des Spinnen-Mythos: Die erfundene Kolumne von 1993

Fragt man nach der Quelle dieser Behauptung, herrscht in der Regel Schweigen. Mal wird eine „Studie“ angedeutet, mal ein ominöser Zeitungsartikel. Tatsächlich geht der Mythos auf eine angebliche Kolumne aus dem Jahr 1993 zurück, erschienen im Magazin PC Professional. Verfasst haben soll sie eine gewisse Lisa Birgit Holst.

Doch weder das Magazin noch die Autorin haben jemals existiert. Der Name „Lisa Birgit Holst“ ist ein Anagramm von „tHis is a Big troLl“ – ein Hinweis darauf, dass es sich von Anfang an um eine bewusste Irreführung handelte.

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Spinnen-Mythos im Internet: Wie Snopes die Legende vom Verschlucken erfand

Die Legende wurde nicht zufällig in die Welt gesetzt. Sie stammt von der US-amerikanischen Website Snopes, die sich dem Faktencheck verschrieben hat. Mit der frei erfundenen Spinnen-Geschichte wollten die Betreiber zeigen, wie anfällig Menschen für Falschinformationen sind – und wie rasant sich solche Erzählungen im Internet verbreiten.

Dass ausgerechnet die Vorstellung von krabbelnden Achtbeinern in unseren Schlafritualen hängen blieb, überrascht kaum: Angst und Ekel sind laut den Autoren verlässliche Treibstoffe für Mythen.

Rund um den Schlaf kursieren noch viele weitere Mythen. Einer davon: dass nur acht Stunden Nachtruhe wirklich gesund machen. Was hinter diesem und anderen Irrtümern steckt, erklärt eine Expertin im folgenden Beitrag: Acht-Stunden-Mythos und Co.: Expertin sagt, wie guter Schlaf gelingt.

Spinnen im Schlaf: Warum sie nicht in den menschlichen Mund krabbeln

Abseits der Legenden ist die Vorstellung biologisch kaum haltbar. Schon die Lebensweise der Tiere spricht dagegen. In deutschen Wohnungen ließen sich nur wenige Spinnenarten finden, heißt es beim Naturschutzbund NABU. Von den rund 1.000 heimischen Arten seien lediglich einige wenige gut an das Leben im Haus angepasst – darunter die Hauswinkelspinne. In einem gesunden Haushalt träten nach NABU-Schätzungen nicht mehr als zehn bis zwanzig verschiedene Arten auf. Sie hielten sich meist in ihren Netzen auf oder jagten in Ecken, die vom Menschen selten betreten würden. Betten böten ihnen keinerlei Anreiz – außer, es gebe dort Bettwanzen.

„Spinnen haben kein Interesse an uns Menschen“, sagt auch Bill Shear, Biologieprofessor am Hampden-Sydney College in Virginia, gegenüber „Scientific American“. Shear erklärt, für die Tiere seien Menschen eher wie ein unbeweglicher Fels: Sie seien zu groß, um als Beute in Frage zu kommen, und gehörten schlicht zur Landschaft.

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Schlafende Menschen sind für Spinnen eine Gefahr

Auch die Umweltbedingungen sprechen gegen die Vorstellung, dass Spinnen nachts in menschliche Münder wandern. Die Tiere reagierten äußerst sensibel auf Vibrationen, erläutert Rod Crawford, Arachnologe am Burke Museum of Natural History and Culture in Seattle. „Eine schlafende Person atmet, ihr Herz schlägt und womöglich schnarcht sie auch. All das erzeugt Vibrationen und warnt Spinnen vor Gefahr“, sagt er gegenüber „Scientific American“.

Darüber hinaus sei der menschliche Mund für Spinnen kaum attraktiv. Warm, feucht und erfüllt von Kohlendioxid wirke er eher wie eine unwirtliche Umgebung – nicht wie ein Ort, den ein Tier gezielt ansteuern würde.

Medizinische Einschätzung: Fast unmöglich, Spinnen zu verschlucken

Auch Ärzte sehen das Gerücht kritisch. „Die Anatomie von Mund und Kehle und die Physiologie des Schlafens macht ein Verschlucken nahezu unmöglich“, erklärt Erich Voigt, Chefarzt für Hals-Nasen-Ohrenheilkunde an der NYU Langone Health, gegenüber dem Gesundheitsmagazin „Self“.

Voigt beschreibt mehrere Schutzmechanismen des Körpers: „Die erste Verteidigungslinie ist der Tastsinn: Wenn etwas über das Gesicht krabbelt, merkt man das auch im Schlaf und wischt es reflexartig weg.“ Selbst wenn eine Spinne es bis an den Mund schaffe, sei dieser in der Regel geschlossen. „Wenn er geöffnet ist, schnarcht man wahrscheinlich. Die dadurch erzeugte Vibration schreckt das Tier ab“, so Voigt.

Und sollte das nicht genügen, bliebe noch die Abwehr des Körpers: „Diese Kontraktion setzt ein, wenn sich etwas im Hals befindet, ohne dass man schluckt. Selbst wenn eine Spinne diesen Reflex nicht auslöst, würde man anfangen zu husten und sie so loswerden.“

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Spinnen im Schlaf bleiben ein Mythos

Bleibt die Frage nach Belegen. Doch die gibt es schlicht nicht. Weder existieren glaubwürdige Augenzeugenberichte, noch wurden je Spinnenreste beim Zähneputzen nachgewiesen. Fachleute wie Crawford oder Shear halten es zwar theoretisch für möglich, dass einmal eine Spinne versehentlich verschluckt wird. Die berüchtigte Zahl von acht pro Jahr sei, so heißt es auch bei „Snopes“, frei erfunden – und habe keinerlei Grundlage in der Realität.

Wer also nachts an die Legende denkt, kann beruhigt weiterschlafen. Spinnen haben kein Interesse daran, sich in den menschlichen Mund zu verirren – und unser Körper würde es ihnen ohnehin schwer machen.