„Meine Tochter ist acht Jahre alt. Wenn sie morgens zur Schule geht, stelle ich mich ans Fenster und werfe ihr durch die Scheibe einen Handkuss zu. Dann trete ich kurz zur Seite, sodass mich nicht mehr sieht, komme aber sofort zurück ans Fenster und werfe ihr noch einen Kuss zu. Dann gehe ich wieder kurz zur Seite, dann kommt der dritte Handkuss. Erst dann geht sie zur Schule.“ Die beiden hätten dieses tägliche Ritual nie gemeinsam beschlossen, erzählt der Vater, es habe sich einfach entwickelt. „Und jetzt ist es extrem wichtig für uns.“

Eine schräge Macke, eine verrückte Marotte? Der Mann, der diese allmorgendliche Verabschiedung seiner Tochter kürzlich in einem Interview mit dem SZ-Magazin schilderte, muss es selbst am besten wissen: Michael Norton ist Verhaltensforscher und Harvard-Professor, hat mit einem Team aus Psychologen, Neurowissenschaftlern, Ökonomen und Anthropologen über zehn Jahre hinweg menschliche Rituale erforscht und ein darüber viel beachtetes Buch geschrieben. Das Ergebnis: Wer sich im Alltag an Gewohnheiten hält, kommt besser durchs Leben. Woran das liegt und warum Rituale sogar Beziehungen stärken können.

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„Rituale bringen Zauber ins Leben“: Wie sie uns im Alltag helfen

In dem Bestseller „Rituale, die dein Leben verändern“ zeigt Norton auf, dass Rituale einen starken Einfluss auf unser Wohlbefinden haben. Der Unterschied zu bloßen Gewohnheiten: „Rituale helfen uns, Dinge besser und schneller zu erledigen. Rituale beseelen uns regelrecht, sie bringen einen Zauber ins Leben“, so Norton.

Viele Menschen leben mit täglichen Ritualen, die ihnen oft Halt und Orientierung im Alltag geben. Diese wiederholten Handlungen strukturieren unser Leben und geben ihm Sinn und Stabilität. Norton beschreibt den Unterschied klar: „Das Wesen einer Gewohnheit besteht im Was, das eines Rituals im Wie“. Rituale unterscheiden sich also durch die bewusste, oft emotional aufgeladene und präzise Art und Weise, wie sie ausgeführt werden.

So haben Experten herausgefunden, dass Rituale

  • das subjektive Sicherheitsgefühl steigern können, gerade in unsicheren oder stressigen Zeiten.
  • entlastend wirken, indem sie Klarheit und Ordnung in den Alltag bringen.
  • einen „Anker im Leben“ bieten, durch den Menschen sich selbst besser verstehen und ihr Selbstbewusstsein stärken können.
Harvard-Professor Michael Norton blickt freundlich in die Kamera.
Was machen Rituale mit dem Menschen? Dazu hat Harvard-Professor Michael Norton über zehn Jahre geforscht. © HO | StephStevens

Diese Rituale hatten Victor Hugo und Agatha Christie

Verhaltensforscher Norton betont, dass Rituale nicht nur gesellschaftliche Konventionen sein müssen, sondern individuell gestaltet werden können. Seine eigene Erfahrung mit den Ritualen mit seiner Tochter zeige, wie auf diese Weise ein kleines Ritual Identität und Beziehungen prägen kann.

Berichte über – teil skurril anmutende – Rituale sind auch von berühmten Persönlichkeiten überliefert. Der französische Schriftsteller Victor Hugo etwa zog sich regelmäßig am Vormittag aus und wies seinen Diener an, seine Kleider zu verstecken, bis er das Schreibziel des Tages erreicht hatte. Der Philosoph Immanuel Kant trat täglich um exakt 15.30 Uhr mit seinem Spazierstock in der Hand aus der Tür und brach zu seinem Nachmittagsspaziergang auf.

Krimi-Autorin Agatha Christie stieg abends in die Badewanne und verzehrte dort einen Apfel. Ihr Schriftsteller-Kollege Charles Dickens dagegen holte am Ende eines langen Tages den Kompass hervor, den er immer bei sich trug – um sich zu versichern, dass sein Bett nordwärts ausgerichtet ist – und legte sich zur Ruhe. Sind dies alles nur Schrulligkeiten extravaganter Promis? Michael Norton: „Im Privatleben und in der Öffentlichkeit stellen Rituale emotionale Katalysatoren dar, die uns in Schwung bringen, inspirieren und erheben.“

Coldplay-Star Chris Martin muss vor Auftritten Zähne putzen

Gerade bei Sportlern oder Künstlern werden sie vor den Augen der Öffentlichkeit vollzogen. So lässt zum Beispiel die Tennislegende Serena Williams den Ball vor jedem Aufschlag genau dreimal aufspringen, bevor sie zuschlägt. Norton: „Kurz bevor Keith Richards mit den Rolling Stones auf die Bühne geht, muss er ein Stück Shepherd’s Pie essen – und zwar immer das erste. Chris Martin würde nie die Garderobe verlassen, um mit seiner Band Coldplay aufzutreten, ohne vorher Zahnbürste und Zahncreme zur Hand zu nehmen und seine Zähne kurz, aber präzise zu putzen.“

Rituale von Promis: Chris Martin würde nie die Garderobe zum Auftritt mit seiner Band Coldplay verlassen, ohne sich vorher die Zähne zu putzen. (Archivbild)
Rituale von Promis: Chris Martin würde nie die Garderobe zum Auftritt mit seiner Band Coldplay verlassen, ohne sich vorher die Zähne zu putzen. (Archivbild)© FUNKE Foto Services | André Hirtz

Für das Buch haben Norton und sein Team mehr als ein Jahrzehnt lang weltweit Zehntausende Menschen nach ihren Ritualen und Gewohnheiten befragt. Zwei Beispiele zeigen, wie individuell – und bisweilen auf den ersten Blick abstrus anmutend – sie sein können. So schrieb ein Mann in Nortons Fragebogen: „Ich lasse meine Finger knacken und klopfe bestimmte Teile meines Körpers ab. Danach gehe ich im Geiste meinen Körper von Kopf bis Fuß durch.“ Verrückt? Nicht für Michael Norton: „Wer Rituale hat, meistert den Alltag besser, geht besser mit Unsicherheit um, führt oft ein genussvolleres Leben und hat einen besseren Zugang zur ganzen Palette menschlicher Emotionen.“

Partnerschaft: Mit gemeinsamen Ritualen halten Beziehungen länger

Gerade in Partnerschaften könnten Rituale eine große Bedeutung bekommen. „Paare, die viele Rituale miteinander teilen und zelebrieren, die also ganz alltägliche Dinge mit einer besonderen Bedeutung aufladen, sind im Schnitt glücklicher und bleiben länger zusammen“, diagnostiziert Norton.

Ein von seinem Team befragtes Paar habe berichtet, beide stießen stets vor dem Essen mit den Gabeln miteinander an. „Alle Welt macht das Gleiche mit den Gläsern – eines der universellsten Rituale, die es gibt“, so Norton. „Und dieses Paar hat sich etwas Neues überlegt, etwas, das nur ihnen gehört. Stellen Sie sich vor, wie verbindend das wirkt, wenn die beiden das an einer großen Tafel als Einzige machen.“

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Rituale gegen den Stress? Der Experte bleibt skeptisch

Sind Rituale also eine Empfehlung, um den Alltag, womöglich das Leben zu meistern? Michael Norton ist da trotz allem skeptisch. „Fast alle Eltern von Babys wissen, wie wichtig es sein kann, jeden Abend eine bestimmte Abfolge von Tätigkeiten in der gleichen Art zu machen, damit ein Baby oder Kleinkind einschläft – hier kann jeder sehen, wie wirksam Rituale sind.“

Aber soll man sich als erwachsener Mensch auch solch ein Ritual zulegen, selbst wenn man eigentlich keine Schlafprobleme hat? Oder – ein anderes Beispiel, das in Nortons Fragebögen genannt wurde – soll man sich vor kniffligen Präsentationen im Job vor dem Spiegel selbst Mut zusprechen, obwohl man eigentlich nicht nervös ist? Norton: „Ich würde sagen: Nein. Erst wenn ich einen Bereich erkenne, in dem etwas nicht rund läuft, kann ich mir mit einem Ritual helfen.“

Michael Norton: Rituale, die dein Leben verändern. Verlag Harper Collins, 289 Seiten, ca. 17 Euro.