• Eine Postpartale Depression betrifft ungefähr zehn bis 15 Prozent der Mütter
  • Mit Zuranolon hat die EU jetzt ein Medikament gegen die Erkrankung zugelassen
  • In den USA gibt es die Pille bereits. Was sagen Experten zu dem Medikament?

Mutterliebe ist wohl das stärkste aller Gefühle und der Kitt für die erste Bindung im Leben. Durch Geborgenheit und Zuwendung entwickeln Babys Urvertrauen, das das spätere Leben entscheidend prägt. Doch was passiert, wenn eine Mutter ihr Baby nicht lieben kann? Wenn sie sich über ihr Neugeborenes nicht freut, sondern es als Belastung empfindet oder das Kind gar nicht mehr haben möchte?

Nach Angaben der Stiftung Deutsche Depressionshilfe und Suizidprävention entwickeln etwa zehn bis 15 Prozent der Mütter nach der Geburt ihres Kindes eine postpartale Depression, auch Wochenbettdepression genannt – mit weitreichenden Folgen. „Eine postpartale Depression ist keine Befindlichkeitsstörung, sondern wie jede Depression eine ernsthafte Erkrankung, die behandelt werden kann und muss“, erklärt Professor Ulrich Hegerl, Psychiater und Vorsitzender der Stiftung Deutsche Depressionshilfe und Suizidprävention.

Postpartale Depression: Erste Medikamente zugelassen

Mit Zuranolon hat die EU-Kommission jetzt erstmals ein Medikament speziell zur Behandlung der Wochenbettdepression zugelassen. Vermarktet wird das Medikament unter dem Namen Zurzuvae. Die neue Pille verspricht, Beschwerden von Betroffenen innerhalb kürzester Zeit zu lindern – bereits nach zwei Wochen sollen depressive Symptome deutlich abnehmen. Dies ist ein großer Schritt für betroffene Frauen, da bislang keine Medikamente speziell für diese Erkrankung verfügbar waren.

Dennoch gibt es Einschränkungen bei der Anwendung: Zuranolon wird während der Schwangerschaft und Stillzeit nicht empfohlen und unterliegt ärztlicher Verschreibung. In den USA ist das Medikament bereits seit 2023 zugelassen und wurde als „Gamechanger“ gefeiert. In klinischen Studien, an denen etwa 350 Frauen teilnahmen, berichteten die betroffenen Mütter im Schnitt bereits nach drei Tagen von ersten Besserungen ihres Zustandes. Können postpartale Depressionen also in Zukunft in nur wenigen Tagen behandelt werden?

Lesen Sie auch: Wochenbettdepression: Laut Expertin jede siebte Mutter betroffen

Psychiater: Medikament hat einen dämpfenden Effekt

So einfach gehe diese Rechnung nicht auf, meint Professor Ulrich Hegerl. Er hält das Medikament nicht für ein Wundermittel. Denn ob Zurzuvae die Symptome wirksamer lindert als klassische Antidepressiva ist fraglich. „Das Medikament basiert auf dem Wirkstoff Zuranolon und hat einen sedierenden Effekt“, erklärt Hegerl. Sedierende Antidepressiva wirken beruhigend und dämpfend, können Angstzustände lösen.

Pille gegen Wochenbettdepression: „Es fehlen meines Wissens nach Langzeitdaten“, sagt Professor Ulrich Hegerl, Vorsitzender der Deutschen Depressionshilfe.
Pille gegen Wochenbettdepression: „Es fehlen meines Wissens nach Langzeitdaten“, sagt Professor Ulrich Hegerl, Vorsitzender der Deutschen Depressionshilfe.© Stiftung Deutsche Depressionshilfe | Stiftung Deutsche Depressionshilfe

Die Betroffenen würden die beruhigende Wirkung früher merken als Effekte auf die depressive Kernsymptomatik wie Schuldgefühle, Hoffnungs- und Freudlosigkeit. Andere sedierende Antidepressiva, die bereits seit längerer Zeit erfolgreich im Einsatz seien, zeigten ebenfalls oft „rasche positive Effekte, etwa auf den Schlaf“, erläutert der Experte. Ob Zurzuvae also einen Zusatznutzen gegenüber den bewährten Antidepressiva hat, müsse erst in Studien gezeigt werden, „bevor man daran denken kann, von einem Durchbruch zu sprechen“.

Psychotherapie ist zweite wichtige Säule der Behandlung

Ohnehin sei eine Depression multifaktoriell bedingt und müsse ganzheitlich behandelt werden. „Neben Medikamenten ist die Psychotherapie, insbesondere die Kognitive Verhaltenstherapie, die zweite wichtige Behandlungssäule bei Depressionen“, erläutert der Experte.

Wichtig sei es dabei, die postpartale Depression vom gängigen Baby Blues abzugrenzen. „Baby Blues ist eine Stimmungsschwankung, wie sie in der ersten Woche nach der Entbindung vorkommt und von allein abklingt“, erklärt Ulrich Hegerl. Ursächlich dafür seien starke Hormonabfälle nach der Geburt. In der Regel würden 50 bis 80 Prozent aller Mütter Symptome des Baby Blues zeigen.

Lesen Sie auch: Britta litt an Wochenbettdepression: „Wollte mein Leben zurück“

Eine postpartale Depression kann dagegen bis zu mehreren Monaten dauern und ist unbedingt behandlungsbedürftig. „Die depressiv erkrankten Mütter fühlen sich völlig erschöpft, überfordert, und werden von Schuldgefühlen gequält, ihr Baby nicht zu lieben“, so der Psychiater. Im schlimmsten Fall besteht die Gefahr, dass die Frauen sich selbst oder ihrem Kind etwas antun.

Hegerl: „In der Depression können Betroffene keine liebevollen Gefühle wahrnehmen und fühlen sich wie innerlich abgestorben. Ganz wichtig ist es deshalb zu wissen: Die Depression ist kein persönliches Versagen, sondern eine ernsthafte, leidvolle Erkrankung, an der man nicht selbst schuld ist.“

Wenn Sie sich in einer akuten Krise befinden, wenden Sie sich bitte an Ihren behandelnden Arzt oder Psychotherapeuten, die nächste psychiatrische Klinik oder den Notarzt unter 112. Sie erreichen die Telefonseelsorge rund um die Uhr und kostenfrei unter 0800-111 0 111 oder 0800-111 0 222.