Ein Team rückte an wie sonst für Schwerverbrecher oder Terroristen: Im Morgengrauen fuhr ein schwarzer Kastenwagen vor einem verklinkerten Einfamilienhaus im Kreis Steinfurt vor, maskierte und bewaffnete BKA-Kräfte stiegen aus. Doch sie kamen für August Hanning, einen Mann, der früher als Präsident des Bundesnachrichtendienstes (BND) an führender Stelle für die Sicherheit Deutschlands verantwortlich war. Wie der „Spiegel“ berichtete, blieben die Beamten über zwei Stunden in Hannings Haus, ehe sie ihn mitnahmen.

Der Fall erschüttert Deutschlands Auslandsgeheimdienst und das politische Berlin. Der Generalbundesanwalt (GBA) ermittelt gegen Hanning wegen mutmaßlicher landesverräterischer Ausspähung, des Auskundschaftens von Staatsgeheimnissen, versuchten Landesverrats sowie Spionage.

Offenbar ließ Hanning ausgerechnet den Geheimdienst ausspionieren, den er einst führte. Der GBA vermutet, dass Hanning noch Jahre nach seinem Ausscheiden einen Ex-Mitarbeiter dafür bezahlte, dass dieser ihm geheime Informationen aus der BND-Zentrale weitergab. Es soll sich um Hannings ehemaligen Büroleiter, Manfred D., handeln, der in der Leitungsebene des BND arbeitete. D. wurde am Dienstag im bayerischen Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen ebenfalls verhaftet, ihm wird Beihilfe zum versuchten Landesverrat und zur landesverräterischen Ausspähung vorgeworfen.

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Mitarbeiter lieferte Hanning offenbar Geheiminformationen

„Vermutlich im Frühjahr 2010 vereinbarten die Beschuldigten miteinander, dass Manfred D. dem Beschuldigten Hanning gegen Entgelt fortlaufend wertvolle Erkenntnisse des Bundesnachrichtendienstes besorgen sollte“, gaben die Ermittler bekannt. Manfred D. war bis zu seiner Pensionierung im März 2026 als Büroleiter des BND-Präsidenten tätig, die Vorwürfe des GBA betreffen aber nur die Phase bis Juni 2022. Bis dahin gab D. offenbar Informationen weiter, die etwa für die „Nachrichtendienstliche Lage“ bestimmt waren, eine regelmäßige Runde von Spitzenbeamten der Sicherheitsbehörden im Kanzleramt. Annähernd 2000 Dokumente soll D. an Hanning verkauft haben.

Hanning wiederum soll die Kenntnisse aus den Dokumenten für die Sicherheitsfirma genutzt haben, die er nach seinem Ausstieg aus dem Staatsdienst gegründet hatte. In einem Fall soll er eine Analyse für einen ausländischen Nachrichtendienst ausgearbeitet haben – für welchen, ist unklar. Es soll sich nach Informationen unserer Redaktion aber nicht um Russland handeln. Ob die Analyse den mutmaßlichen Kunden erreichte, ist laut GBA nicht bekannt.

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Zudem stand Hanning laut GBA im „intensiven Austausch“ mit einem Angehörigen eines weiteren staatlichen Nachrichtendienstes und soll ihn über Jahre mit politischen Informationen versorgt haben, darunter Material von Manfred D.

Hanning geriet während des Gerichtsprozesses ins Visier der Ermittler

Die Ermittlungen gegen Hanning laufen seit Monaten. Ins Visier der Ermittler war er wegen eines anderen Falls geraten: Im September 2025 hatten LKA-Beamte sein Zuhause im Zuge der Ermittlungen um den Block-Prozess durchsucht. Es stand der Verdacht im Raum, dass eine mit Hanning verbundene private Sicherheitsfirma an der Entführung der Kinder von Steakhaus-Erbin Christina Block beteiligt war.

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Bei der Razzia stießen Ermittler offenbar auf geheime BND-Dokumente und brachten weitere Ermittlungen ins Rollen. Seit Mai 2026 liegt das Verfahren beim GBA. Für alle Verdächtigen gilt die Unschuldsvermutung.

Hanning war von Dezember 1998 bis Ende November 2005 BND-Chef. Sein Büroleiter D. folgte ihm anschließend als abgeordneter Assistent, als Hanning Staatssekretär im Bundesinnenministerium wurde.

Für die BND-Belegschaft dürfte die Nachricht über Hannings Festnahme und den Spion in den eigenen Reihen ein Schock sein. Eigentlich hatte der seit September 2025 amtierende Präsident Martin Jäger, ein gelernter Diplomat, sich bemüht, den BND neu aufzustellen – schlagkräftig, modern, für alle Bedrohungen durch Auslandsspionage oder Terrorismus gewappnet. „Für den BND und mich gibt es bei der internen Sicherheit keine Kompromisse“, teilte Jäger am Dienstag mit. „Keines meiner Ziele, keine meiner Prioritäten werden durch diesen Vorgang infrage gestellt.“

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Doch Jäger wird nun Vertrauen wiederherstellen und verhindern müssen, dass der Skandal hausintern eine Atmosphäre von Misstrauen und Verunsicherung schafft.

Parlamentarier kritisieren BND scharf

Politisch könnte der Vorfall zu keinem schlechteren Zeitpunkt für den BND kommen, da derzeit ein Gesetz über die Befugnisse der Geheimdienste reformiert wird. Der BND soll aufgerüstet werden von einer Informationssammelstelle zu einem operativ einsatzfähigen Geheimdienst mit schärferen Befugnissen. Bei schweren Bedrohungen soll der Dienst etwa künftig zu „Hackbacks“ befugt sein, also zum aktiven Stören oder Ausschalten feindlicher IT-Infrastruktur im Ausland. Auch Drohnensysteme im Ausland sollen gestört oder manipuliert werden dürfen, und die Befugnisse des BND bei der Datenauswertung werden gestärkt.

Entsprechend scharf fielen die politischen Reaktionen aus: „Wir erwarten sofortige Aufklärung der ungeheuerlichen Vorwürfe“, sagte der Grünen-Sicherheitsexperte Konstantin von Notz unserer Redaktion. „Auch der gegebenenfalls entstandene nachrichtendienstliche Schaden muss ebenso umgehend wie umfassend ab- und aufgeklärt werden.“

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Der CDU-Politiker Marc Henrichmann, Vorsitzender des Parlamentarischen Kontrollgremiums für die Geheimdienste, betonte, der Umgang mit Geheiminformationen sei „eine Frage der nationalen Sicherheit und kein Bagatelldelikt“. Hanning habe die „Werte der deutschen Sicherheitsbehörden verraten“.