Diesen Hinweis lesen die Einwohner von Kiew jetzt öfter beim täglichen Einkauf: „Liebe Kunden, wegen eines feindlichen Angriffs haben wir wichtige Lagerhallen verloren. Deswegen wird es demnächst weniger übliche Waren als sonst in unserem Geschäft geben. Wir bedanken uns für Ihr Verständnis und vor allem für die Unterstützung.“ Manchmal heißt es sogar: „Wir entschuldigen uns für die Warenknappheit durch den Beschuss der Terroristischen Föderation.“ Egal, in welches Lebensmittelgeschäft ich derzeit in Kiew gehe – die Wahrscheinlichkeit, auf ein solches Schild zu treffen, ist seit August hoch.
Nachdem Russland im vergangenen Winter versucht hatte, die ukrainische Hauptstadt mit ihren rund drei Millionen Einwohnern bei Temperaturen von minus 20 Grad wochenlang ohne Strom und Heizung leiden zu lassen, verschärft sich die Lage im Kiewer Alltag in diesem Jahr schon seit Ende Mai. Denn Russland will durch den Mangel der Ukraine an Flugabwehrraketen, der sich durch den Krieg um den Iran noch einmal verschärfte, das Maximum an Angriffen erzielen. Seitdem wird die Hauptstadt durchschnittlich jede dritte Nacht mit ballistischen Raketen angegriffen. Die Einschläge kommen oft noch, bevor der Luftalarm überhaupt ausgelöst wird. Einen solchen Angriff habe ich hautnah erlebt: Mehrere Raketen sind direkt auf der anderen Straßenseite eingeschlagen, bei mir gingen so gut wie alle Fenster kaputt.
Aktuelle News zum Ukraine-Krieg
Seit einigen Tagen wird meine Stadt zudem tagelang mit sogenannten reaktiven Drohnen überzogen, die nach einem Jet klingen statt wie sonst nach einem Moped. Sie fliegen mit einer Geschwindigkeit von 500 bis 600 Stundenkilometern, Kiew wird durch unzählige Luftalarme dauerhaft lahmgelegt. Damit habe ich zwar schon länger gerechnet, doch das Leben mit täglich einem Dutzend Luftalarmen, die zusammen länger als zehn bis elf Stunden dauern, verlangt wiederum eine mühsame Anpassung. Die Zahl der zivilen Toten ist hier jedenfalls in den letzten Monaten deutlich gestiegen.
Putins perfide Taktik: Angriff auf Supermarkt-Verteilzentren
Unter diesen Umständen ist es einerseits klar, dass der kommende Winter hier kalt und stromlos ausfallen wird. Es kann gar nicht alles repariert werden, was Russland im Energiebereich seit Herbst 2022 systematisch angreift. Dass sich Kiew, wo aktuell rund 15 Prozent der Bevölkerung der Ukraine leben, immer mehr zu einer Art Stadt in gefühlter Frontnähe entwickelt, ist ebenfalls keine Überraschung. Wobei auch hier eine gewisse Relation wichtig bleibt: Im ostukrainischen Charkiw haben die Luftalarme zum Beispiel im Mai zusammengerechnet etwa 16 Tage gedauert.
Doch seit einem Monat greift Russland bei seinem Versuch, die Hauptstadt unbewohnbar zu machen, auch noch zu einer besonders perfiden Taktik: Es werden gezielt Verteilzentren aller wichtigen Supermarktketten angegriffen. Betroffen sind alle Märkte, etwa von Lidl oder Edeka in der Ukraine, die hier ATB, Silpo oder Fora heißen.

Der Mangel, den ich in den unterschiedlichsten Geschäften in meiner Gegend spüre, ist tatsächlich bemerkenswert. Er betrifft sowohl langlebige Produkte wie Zucker oder verschiedene Getreidearten als auch verderbliche Produkte wie Fleisch, Milch oder Frischobst. Allerdings: Bei den lagerfähigen Grundnahrungsmitteln deutet nichts darauf hin, dass Kiew im Winter aushungern wird. Trotz aller Folgen der russischen Angriffe ist etwa der ukrainische Agrarsektor absolut in der Lage, alle Bürger zu versorgen. Dass die entsprechenden Regale oft genug leer sind, hat neben den Treffern gegen die konkreten Lagerflächen auch mit vorsorglichen Hamsterkäufen für den Ernstfall zu tun.
Bei Frischeprodukten sieht alles deutlich komplizierter aus. Expertenschätzungen zufolge wurden rund 80 Prozent der verfügbaren Kühllager in der Region um Kiew zerstört. Sie lassen sich nicht von heute auf morgen ersetzen. Reservekapazitäten gibt es kaum – und Russland greift sogar gezielt auch Verteilzentren etwa der Eiscremefabriken an, um Ausweichmöglichkeiten für die Händler zu versperren. In diesem Bereich ist eine Dauerkrise quasi unvermeidlich, weil es kaum Kühlräume geben wird, um etwa Milch und Fleisch zwischendurch für einige Zeit aufzubewahren.
Artikel über die Ukraine – für Sie recherchiert
Logistikkrise treibt Supermarktpreise in die Höhe
In meinen Gesprächen mit Logistikmanagern der Supermarktketten höre ich immer wieder von den gleichen Lösungsversuchen: Man könnte, heißt es dann von den Kaufleuten, auf ein Modell aus der Zeit vor der Entstehung von größeren Verteilzentren zurückgreifen. Damals haben die Hersteller ihre Waren direkt in die Geschäfte gebracht. Dafür bräuchte es allerdings einen großen Fuhrpark. Die Logistikkosten würden steigen. Ein großes Problem, denn schließlich machen die Supermärkte und ihre Lieferanten schon jetzt riesige Verluste. So ist unklar, ob Hersteller zum Beispiel Geld für ihre in der Regel noch nicht bezahlte Waren erhalten, die in den Lagerhallen vernichtet wird – rechtlich ein Fall höherer Gewalt.
Ein Preisanstieg von bis zu 15 Prozent ist daher nahezu unausweichlich, obwohl die Supermärkte teils noch versuchen, die Preisunterschiede und Verluste aus eigenen Reserven auszugleichen. Doch lange weitergehen kann es auf diese Weise nicht. Selbst in Kiew, das im im ukrainischen Vergleich wohlhabend ist, sind die Preissprünge ein großes Problem. Laut der jüngsten Einschätzung der Weltbank hat sich die Armutsquote in der Ukraine im Vergleich zu 2022 verdoppelt und liegt bei fast 42 Prozent. Zudem wird die Kettenreaktion durch Kiew andere Regionen betreffen, was teilweise schon jetzt spürbar ist.

Kiew: Sorge vor Angriffen auf Kläranlage wächst
Trotz der Umstände werde ich auch diesen Winter über in Kiew bleiben. Schon im letzten Winter hatte Kiews Bürgermeister Vitali Klitschko den Einwohnern nach schweren russischen Angriffen eigentlich zum zeitweiligen Verlassen der Dreimillionenstadt geraten – eine bedeutende Ausreisewelle aus der Hauptstadt blieb dennoch aus. Doch jetzt merke ich meinem privaten Umfeld, dass viel mehr Menschen überlegen, Kiew in den kommenden Monaten vorübergehend doch zu verlassen. Ein enger Freund von mir ist letzte Woche nach Tscherniwzi in der Südwestukraine gefahren, um sich Wohnungen anzuschauen. Er stellte fest, dass es kaum noch freie Wohnungen gibt – und wenn, dann sind sie überteuert.
Wie groß die Fluchtwelle in den nächsten Monaten ausfallen wird, hängt nicht nur von der Strom-, Heizungs- und Lebensmittelkrise ab. Und es dreht sich auch nicht nur um die Frage, ob die Angriffe mit ballistischen Raketen und mit Drohnen andauern oder sich sogar noch verstärken. Darauf sind die Menschen mental vorbereitet. Aber es gibt eine neue Befürchtung: Es mehren sich die Anzeichen, dass Russland zu einer Kampagne gegen die Kläranlage Bortnytschi übergehen könnte, von der die gesamte Kanalisation der Hauptstadt letztlich abhängt. Zerstören lässt sich die 300 Hektar große und gut geschützte Anlage kaum. Doch der wochenlange Zusammenbruch des Abwassersystems könnte in der Dreimillionenstadt tatsächlich die größte Krise in dem bald fünf Jahre währenden Krieg verursachen.








