Nach dem Anschlag im Berliner Tiergarten legte sich die Polizei schnell auf einen Hauptverdächtigen fest: den 21-jährigen Abdul Ballout. Er soll am Samstagabend in dem Auto gesessen haben, das gegen 22 Uhr beim Christopher Street Day (CSD) über die Lennéstraße in eine Gruppe von Menschen gerast ist. Ob er auch am Steuer saß, ist noch unklar. Eine Frau starb, 29 weitere Personen wurden verletzt, mindestens drei davon lebensgefährlich. Am Sonntagabend wurde Ballout bei einem Polizeieinsatz in Berlin-Spandau getötet. Das bestätigte die Berliner Senatsinnenverwaltung unserer Redaktion.
Der Verdächtige war polizeibekannt und wurde der islamistischen Szene Berlins zugerechnet. Die Behörden haben zudem bestätigt, dass Ballout deutscher Staatsbürger ist und 2005 in der Hauptstadt geboren wurde. Seine Familie soll libanesische Wurzeln haben und zur sunnitischen Religionsgruppe zählen. Beamte durchsuchten noch in der Nacht eine Wohnung an der Bissingzeile in Tiergarten, wo er gemeldet sein soll. Auch am Anhalter Bahnhof in Kreuzberg gab es am Sonntagvormittag eine Durchsuchung der Polizei.
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„Freundliche Familie“: Viele Nachbarn kennen Abdul Ballout
Die Bissingzeile im Berliner Bezirk Tiergarten ist eine ruhige Seitenstraße. Das Haus, in dem der CSD-Attentäter gelebt haben soll, ist ein etwas heruntergekommenes graues Mehrfamilienhaus, direkt neben einem schick renovierten Altbaupalais. Nach Angaben einer Nachbarin drang die Polizei gegen ein Uhr nachts mit einem Roboter in die Wohnung des Tatverdächtigen ein. Andere Nachbarn berichten von der Explosion einer Rauchgranate und einer Drohne, die über dem Haus kreiste.
In der Wohnung fand die Polizei offenbar nur die Mutter und die Schwestern von Ballout. Erst um 5 Uhr durften die Nachbarn wieder in ihre Wohnungen zurück. Eine Anwohnerin, Ruska aus Bulgarien, hat Ballout zuletzt am Freitag gesehen. Andere erkennen ihn auf einem Fahndungsfoto wieder, wollen aber nichts dazu sagen. Eine weitere Nachbarin berichtet, dass der Tatverdächtige mit seinen Eltern und zwei jüngeren Schwestern in einer Wohnung gelebt habe. Eine dritte Schwester soll im Libanon leben, erzählt eine Freundin der Schwestern, die aus dem Haus kommt.
Polizei durchsucht Wohnung des Tatverdächtigen mit Spürhunden
Ein anderer Nachbar, der anonym bleiben will, ist mit dem Tatverdächtigen in eine Grundschule in der Nähe gegangen. Sie seien zusammen aufgewachsen, sagte er. Ballout habe sich nicht politisch geäußert, seine Familie sei sehr freundlich gewesen. Der Tatverdächtige sei vor einiger Zeit in den Libanon gereist, vor etwa drei Monaten zurückgekehrt und habe dann in Berlin geheiratet, so der Nachbar. Es gab vor einigen Monaten eine Hochzeitsfeier vor dem Mehrfamilienhaus in der Bissingzeile.
Die Polizei durchsuchte bis zum Sonntagnachmittag mit zwei Spürhunden, die Datenträger riechen können, die Wohnung des Tatverdächtigen. Die Straße war bis zum Sonntagnachmittag abgesperrt, vor dem Mehrfamilienhaus sprachen Anwohner mit Reportern. Polizisten vor Ort machten zunächst keine Angaben zu der Durchsuchung, verteilten aber einen Strafzettel mit einer 20-Euro-Buße an einen Nachbarn wegen einer Ordnungswidrigkeit im Straßenverkehr.
CSD-Anschlag Berlin: Abdul Ballout war bereits im Visier der Behörden
Der Tatverdächtige war seit Anfang des Jahres als islamistischer Gefährder auf dem Radar der Sicherheitsbehörden. Die Berliner Generalstaatsanwaltschaft (GenStA) und die Berliner Strafgerichte bestätigten am Sonntagnachmittag, dass Ballout am 20. Mai 2025 von Berlin nach Syrien reisen und sich dort der Terrorgruppe „Islamischer Staat“ anschließen wollte. Allerdings sei er bereits vier Tage nach seiner Ausreise im Libanon festgenommen worden. Dem ging ein Hinweis deutscher Sicherheitsbehörden voraus. Sicherheitskreise bestätigen dieser Redaktion entsprechende Berichte. Hintergrund war bereits ein Terrorverdacht.
Von einem Militärgericht wurde Ballout im Libanon wegen „Anstiftung zu religiösen und konfessionellen Konflikten“ zu drei Monaten Haft verurteilt. Diese Zeit saß der mutmaßliche CSD-Attentäter ab und kam am 17. November zurück nach Deutschland. Am Flughafen BER wurde er direkt festgenommen und kam in U-Haft.
Ein Jahr und zehn Monate: Abdul Ballout wurde bereits vom Amtsgericht verurteilt
Das Amtsgericht Tiergarten verurteilte Ballout am 12. Mai unter anderem wegen der Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Gewalttat zu einer Jugendstrafe von einem Jahr und zehn Monaten. Die Entscheidung, ob die Strafe zur Bewährung ausgesetzt werden soll, sei für sechs Monate zurückgestellt und Ballout der Aufsicht eines Bewährungshelfers unterstellt.
Ballout wurde nach seiner Verurteilung aus der U-Haft entlassen. „Das Gericht hob den bestehenden Haftbefehl auf, da die Untersuchungshaft vorrangig der Sicherung des Strafverfahrens dient und keine vorweggenommene Strafe darstellt“, heißt es in der Mitteilung der Justiz. Strafmildernd seien die sechs Monate U-Haft in Berlin, die drei Monate Haft im Libanon sowie ein Geständnis von Ballout gewertet worden. Er habe sich zudem vom IS distanziert, heißt es. Überdies sei keine konkrete Gefahr von ihm ausgegangen. Die Generalstaatsanwaltschaft legte dagegen Berufung ein und beantragte eine Aufrechterhaltung des Haftbefehls.
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Gesuchter 21-Jähriger sollte Programm für Deradikalisierung besuchen
Nach Informationen unserer Redaktion hatte Abdul Ballout zweimal Beratungen in einem Programm zur Deradikalisierung bei einer Berliner Fachstelle durchlaufen. Hintergrund ist eine Weisung der Justizbehörden. Tatsächlich besuchte Ballout die Fachleute für Extremismusprävention bereits zu einem Termin im Juni und zu einem weiteren erst Anfang Juli. Ein abschließender dritter Termin sollte in Kürze folgen.
Dabei handelte es sich um Vorgespräche, um einen sogenannten „Clearing-Prozess“. Es ging zunächst um die Frage, ob Ballout überhaupt infrage kommt für eine Beratung, um aus der extremen Welt auszusteigen. Erst nach diesem „Clearing-Verfahren“ wäre der 21-Jährige in ein Beratungsprogramm aufgenommen worden. Die „Welt“ berichtet zuerst über diesen Vorgang.

Doch die Zeichen für eine professionell begleitete Deradikalisierung standen demnach nicht gut. Nach unseren Recherchen zeigte sich Abdul Ballout „kaum durchschaubar“. Seine Einlassungen in den beiden Beratungsgesprächen hätten demnach kalkuliert und angepasst gewirkt. Berater können solche Fälle aus fachlichen Gründen ablehnen, da ein ehrliches Einlassen auf den Prozess zentral für den Erfolg einer Deradikalisierung ist. Hinweise auf Pläne zu Gewalttaten soll es jedoch nicht gegeben haben. Auch „aggressives Verhalten“ soll Ballout bei den Terminen nicht gezeigt haben.
Ballout soll bereits 2024 IS-Propaganda auf Instagram gepostet haben. Anfang dieses Monats, am 3. Juli, wurde die Wohnung des 21-Jährigen in Tiergarten durchsucht. Der Verdacht eines Verstoßes gegen das Waffengesetz konnte nicht erhärtet werden.






