Pralle Muskeln, nackter Oberkörper, Bodybuilder-Pose: So präsentiert sich Theo Löcker in den sozialen Medien am liebsten. Und passt mit diesem Auftreten auf den ersten Blick so gar nicht in das Bild seiner Partei: den Grünen. Mit seiner bewusst maskulinen Art will der 22-jährige Österreicher eigentlich seine Partei öffnen für jene Wähler, die wie er im Fitnessstudio gerne Gewichte heben. Er will eine neue Debatte um Feminismus und Männlichkeit in Gang bringen. Und löst doch vor allem einen innerparteilichen Knatsch aus.

Um zu verstehen, warum ausgerechnet bei den Grünen, einer seit ihrer Gründung urfeministischen Partei, jetzt aber plötzlich niemand mehr öffentlich über die Causa reden will, muss man ein paar Wochen zurückgehen. Anfang Juli hatten 15 Grünen-Politiker aus Deutschland, Österreich und Südtirol das Manifest „Starke Männer übernehmen Verantwortung – Eine Einladung für moderne Männlichkeit“ veröffentlicht. Neun Männer, vier Frauen. Unter ihnen die Parteivorsitzende Franziska Brantner, ihre Vorgängerin Ricarda Lang und auch Löcker.

Ihre Angst: Influencer aus der sogenannten Manosphere – antifeministischen, patriarchal geprägten Gruppen vor allem im Internet – und rechte Politiker würden heutzutage den Begriff „Männlichkeit“ definieren. Mit ihrem Papier wollten die 15 Grünen eigentlich eine neue Debatte über Rollenbilder anstoßen – um eben nicht den Rechten das Feld kampflos zu überlassen.

Theo Löcker
Der Grüne Theo Löcker will mit bewusst maskulinem Auftreten die Partei für fitnessbegeisterte Männer attraktiv machen.© Privat | Privat

Die Grünen: Moderne Männlichkeit klischeehaft im Fitnessstudio in Szene gesetzt

Zuerst berichtete der „Spiegel“ über das grüne Männermanifest. Und begleitete für seine Recherche einen der Initiatoren des Papiers, den Bundestagsabgeordneten Julian Joswig, ins Fitnessstudio. Samt Fotografen. Auch der frühere Parteivorsitzende Anton Hofreiter, weder Initiator noch Unterzeichner des Papiers, kommt in dem Artikel zu Wort. Auch er wird von Reportern begleitet – zum Boxen. Grünen-Politiker reden über moderne Männlichkeit – und inszenieren das in klischeehaft maskulinen Rollen. Damit waren viele in der Partei unglücklich.

Empfohlener externer Inhalt

An dieser Stelle befindet sich ein externer Inhalt von Instagram, der von unserer Redaktion empfohlen wird. Er ergänzt den Artikel und kann mit einem Klick angezeigt und wieder ausgeblendet werden.
Externer Inhalt
Ich bin damit einverstanden, dass mir dieser externe Inhalt angezeigt wird. Es können dabei personenbezogene Daten an den Anbieter des Inhalts und Drittdienste übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

Öffentlich äußern mag sich heute aus der Partei kaum noch jemand dazu. Denn, so hört man es immer wieder in vertraulichen Gesprächen, sei die Grundidee des Männermanifests zwar wichtig und richtig. Der „Spiegel“-Artikel allerdings hätte der Sache wenig geholfen. Zudem gebe es in der Fraktion eigentlich Fachpolitiker zu dem Thema. Die hätten sich äußern können.

Stattdessen preschten einige wenige mit ihrer Macho-Inszenierung unabgesprochen vor. Marla Hanenberg, Pressesprecherin der Grünen Jugend, sagt daher auf Nachfrage: „Wir haben entschieden, uns dazu nicht mehr öffentlich zu äußern, gerade weil wir der Überzeugung sind, dass es aktuell andere Themen gibt, beispielsweise die Hitzewellen oder die Ostwahlen, die mehr Aufmerksamkeit benötigen.“

Die Grünen – weitere spannende Artikel

So viele Wähler verloren die Grünen bei der Bundestagswahl an die AfD

Dabei ist die Sorge der Verfasser und Unterzeichner des Männermanifests durchaus berechtigt. Denn die Wählerwanderung bei der vergangenen Bundestagswahl zeigt: In der Gruppe der 18- bis 24-Jährigen haben 2025 junge Frauen eher links und junge Männer eher rechts gewählt. Konkret: 25 Prozent der Männer dieser Gruppe und 13 Prozent der Frauen setzten ihr Kreuz bei der AfD.

Auch interessant

Hans Vorländer, Politikwissenschaftler an der TU Dresden und Direktor des Zentrums für Verfassungs- und Demokratieforschung, erklärt: „Die Grünen haben bei der letzten Bundestagswahl dramatisch verloren. Gerade bei Jungwählern findet die Partei heute kaum mehr statt. Dabei waren die Grünen und die FDP 2021 noch die stärksten Parteien in dieser Gruppe.“

Der Parteienforscher erklärt, dass die Grünen mit ihrem Manifest in der stark polarisierten Jungwählerschaft zwischen den Linken und der AfD nun versuchten, ein eigenes Profil zu entwickeln. Um so verloren gegangene Wähler zurückzugewinnen. Dabei hätte die Partei allerdings mit einem Glaubwürdigkeitsproblem zu kämpfen. „Denn sie versuchen jetzt ein Männlichkeits- oder Geschlechterbild zu rekonstruieren, das sie über lange Zeit bekämpft haben“, sagt Vorländer.

Grüne: Haben vergessen zu sagen, was Männlichkeit ist

Auch die Autoren des Männlichkeitsmanifests gestehen: „Wir haben definiert, was Männer nicht sein sollen: nicht gewalttätig, nicht dominant, nicht unterdrückend. Alles richtig. Alles wichtig. Aber wir haben vergessen, ein Angebot zu machen, was Männlichkeit stattdessen sein kann. Wir haben ein Vakuum geschaffen, und in dieses Vakuum strömen jetzt die alten Bilder zurück“, schreiben Joswig, Brantner, Lang und Co. in ihrem „moderne Männlichkeits“-Papier.

Lesen Sie auch

Einer, der das Papier bis heute öffentlich verteidigt, ist Löcker. Der muskelbepackte 22-Jährige ist jüngster Landtagsabgeordneter in Österreich. Im Gespräch mit dieser Redaktion erklärt er: „Als junger Mann schwebt man ein bisschen im Vakuum der Orientierungslosigkeit. Man will ein guter Mann sein, aber man fragt sich: Wie mache ich das überhaupt?“ Bei manchen könne da der Eindruck entstehen: Ich bin ein Problem, weil ich ein Mann bin, sagt Löcker.

Und genau dort fischten die rechten Parteien und Influencer und machten sich diese Unsicherheit zunutze. „Man rutscht da schnell rein“, sagt Löcker. Als Jugendlicher sei er vor allem Sport-Influencern auf den sozialen Netzwerken gefolgt. Oftmals vertreten die ein konservatives, rückwärtsgewandtes Geschlechterbild. Auch Löcker sagt, er habe damals bei manchen Witzen über Feminismus und Veganismus gelacht.

Junger Grüner: Will im Fitnessstudio über Feminismus reden

Mittlerweile wird Löcker selbst als Sport-Influencer dieser Bubble in den sozialen Netzwerken ausgespielt. Und will seine wachsende Bekanntheit nutzen. „Wenn ich junge Männer mit feministischen Inhalten erreichen will, dann muss ich sie dort abholen, wo sie sind“, sagt er. Er will ein Vorbild sein. Und so redet er in seinen Sport-Videos über Politik. „Feminismus wird oft so geframed, als wäre es eine Absage für Stärke“, sagt Löcker. Dabei sei es „wahnsinnig stark“, Feminist zu sein, findet der 22-Jährige.

Empfohlener externer Inhalt

An dieser Stelle befindet sich ein externer Inhalt von TikTok, der von unserer Redaktion empfohlen wird. Er ergänzt den Artikel und kann mit einem Klick angezeigt und wieder ausgeblendet werden.
Externer Inhalt
Ich bin damit einverstanden, dass mir dieser externe Inhalt angezeigt wird. Es können dabei personenbezogene Daten an den Anbieter des Inhalts und Drittdienste übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

Löcker sagt, das Manifest sei „eine Einladung zum Austausch“ und kein festgeschriebenes Positionspapier. Einen hitzigen Austausch hat das Papier zumindest schon mal innerparteilich ausgelöst. Die Sorge, der Partei mit dem Manifest vor den wichtigen Ostwahlen einen Bärendienst erwiesen zu haben, geht um. Der Kölner Soziologe Ansgar Hudde sagt: „Die Strategie, so ein Manifest zu veröffentlichen, ist mindestens zweischneidig.“

Zwar erwartet er nicht, dass dieses Manifest einen allzu großen Effekt auf die Landtagswahl haben wird. Er bezweifelt aber gleichzeitig, dass es die betroffene Wählerschaft erreichen oder gar umstimmen kann. Dafür brauche es glaubwürdigere Aktionen als ein bloßes Lippenbekenntnis. „Ich bezweifle, dass es eine Lücke zu füllen gibt für Politiker, die in Manifesten aufschreiben, wie Männer sein dürfen“, sagt Hudde.