Bevor Alice Weidel neue Vorsitzende der AfD werden darf, muss sie sich rechtfertigen. Vor Hunderten Delegierten, mitten auf der großen Bühne in der Erfurter Messehalle. Und Weidel sagt, dass es jetzt etwas zäh werden könne, so ein Rechenschaftsbericht des Bundesvorstands. Aber es müsse eben sein, Parteiengesetz, Satzung, Vereinsrecht. „Alles sehr deutsch“, sagt Weidel später selbst.
Und deshalb bringt Weidel ein PR-Video mit, das die Partei jetzt über die großen Leinwände abspielt, dazu epochale Begleitmusik. Das Filmchen zeigt Weidel als Kanzlerkandidatin, Weidel mit US-Milliardär Elon Musk, Weidel mit dem tschechischen Ex-Präsidenten Vaclav Klaus. Das Video strahlt jubelnde AfD-Anhänger aus, kämpferische Reden. Als das Video stoppt, zeigt Weidel über die Leinwand mehrere Grafiken, Balken wandern in die Höhe: Mitgliederzahlen, massiv gewachsen auf mittlerweile 75.000; Umfragewerte, auf dem Höhenflug, mit Chancen auf eine Alleinregierung im September in Sachsen-Anhalt.
Es läuft für die AfD. Es läuft für Alice Weidel, die seit 2022 gemeinsam mit Malermeister Tino Chrupalla die Partei anführt. Also muss jetzt doch auch ihr Balken auf der Leinwand hochschnellen, wenn die Delegierten in der Messehalle Weidel nun wiederwählen sollen als Bundessprecherin der AfD.
Der Balken steigt, weiter als bei ihrer letzten Wiederwahl beim Parteitag vor zwei Jahren. Der Balken bleibt bei 81,31 Prozent stehen. 461 AfD-Abgeordnete stimmen für sie, 106 dagegen. Applaus im Saal, eher höflich als rauschend. Alice Weidel holt ein gutes Ergebnis, aber kein herausragendes und gerade einmal ein gutes Prozentpünktchen mehr als vor zwei Jahren – trotz der Grafiken mit den Rekordumfragen, die Weidel vorher über die Bildschirme flackern ließ.
Nach dem Parteitag in Erfurt bleibt eine Frage: Wie mächtig ist die mächtigste Frau in Deutschlands mächtigster Oppositionspartei?
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„Weidel gilt als autoritär, artifizielle Gouvernante der Partei, jemand, der auch gern austeilt“
Klar ist: Alice Weidel hat die Rangordnung zu ihrem Co-Vorsitzenden Tino Chrupalla geradegerückt. Vor zwei Jahren erhielt Chrupalla noch ein besseres Ergebnis als Weidel, diesmal wurde der Sachse abgestraft: mit gerade mal über 70 Prozent Zustimmung der Delegierten.
Weidel war bereits im vergangenen Jahr AfD-„Kanzlerkandidatin“, sie ist das „Gesicht der Partei“. Wenn sie Kreisverbände besucht, sind die Gemeindesäle voll. „Weidel gilt als autoritär, artifizielle Gouvernante der Partei, jemand, der auch gern austeilt, Paroli bietet, mit dem man sich in der AfD nicht anlegen will“, sagt der Politikwissenschaftler Wolfgang Schroeder, der in Erfurt den Parteitag vor Ort beobachtet hat.
AfD-Parteitag: Weidel-Netzwerk hievt eigene Leute auf wichtige Posten
Was Weidel in diese Poleposition bringt, ist auch ihr Netzwerk. Es ist eine Gruppe von jungen, angriffslustigen Radikalen. Unter ihnen Sebastian Münzenmaier, der einmal Generalsekretär der Partei werden soll. Da ist zudem Hannes Gnauck, einst Chef der mittlerweile abgewickelten „Jungen Alternative“. Mit dabei ist auch Dennis Hohloch, der mächtige Mann aus dem extrem rechten Landesverband in Brandenburg. Hinzu kommt Sven Tritschler, der AfD-Mann aus dem starken, aber zerstrittenen Landesverband Nordrhein-Westfalen. Und da ist Jean-Pascal Hohm, der Radikale der Spitze der von Weidel abgesegneten neuen Jugendorganisation „Generation Deutschland“.
Es ist dieses Netzwerk, das auf dem Parteitag die eigenen Leute auf wichtige Posten im Bundesvorstand gehievt hat. Im Vorfeld des Treffens sollen die Leute um Münzenmaier in Chatgruppen und Whatsapp-Foren Stimmung für das eigene Lager gemacht haben, berichten mehrere AfD-Delegierte unserer Redaktion. Und es ist dieses Netzwerk, das Alice Weidel stützt. „Diese Loyalität übersetzt Weidel mehr und mehr in Macht“, sagt Experte Schroeder.
Die AfD hat ein stabiles Vorfeld aufgebaut aus neurechten Gruppen und Vereinen
Der Parteivorstand wird jünger und ostdeutscher. Und die AfD professioneller. Streitigkeiten und heikle Wahlen besprechen die Führungsfiguren mehr als früher in Vorgesprächen. Wo früher im Saal noch Zwischenrufe, Pöbeleien und spontanes Rebellentum an der Tagesordnung waren, arbeitet sich die Leitung des Parteitags in Erfurt über weite Strecken diszipliniert durch die Anträge und Wahlen. Die AfD hat ein stabiles Vorfeld aufgebaut aus neurechten Gruppen und Vereinen, sie rekrutiert und baut Nachwuchs in eigenen Akademien auf, sie wird gepusht durch eigene „alternative Medien“, die weniger mit Kritik und viel mehr mit Nähe zur AfD auffallen. Ein ranghohes Mitglied eines ostdeutschen Landesverbands sagt im Gespräch mit unserer Redaktion: „Die AfD ist schnell erwachsen geworden. Wir müssen aufpassen, dass sie nicht schnell alt wird.“
Dieser Satz zeigt: Das Professionelle birgt für die AfD auch ein Risiko. Je weiter sie Satzungen und Personal angleicht an SPD und CDU, desto weniger verfängt ihr Narrativ der „Anti-Establishment-Partei“. Desto weniger funktioniert die AfD als Arm der neurechten Bewegung in die Parlamente hinein. Auch das muss Weidel mitdenken. So erklärt sich auch ihre verbale Radikalität, mit der sie die rechten Rebellen in den eigenen Reihen bedient.
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Björn Höcke in Erfurt: Nur aufgewärmte völkische Kost
Allen voran das Lager um Björn Höcke. Der Rechtsextremist und Thüringer Landeschef blieb auf diesem Parteitag in Erfurt blass. Seine Gastrede gleich zu Beginn des Treffens verfing kaum, brachte nur aufgewärmte völkische Kost. Doch Höcke wirkt anders. Er entsendet seinen engsten Vertrauten aus dem eigenen Landesverband in den Bundesvorstand: Stefan Möller. Mit wenig Widerstand wird er von den Delegierten gewählt.
Damit hat Höcke ein Thüringer Korrektiv in der Bundespartei. Er sei „die letzte ideologische Kontrollinstanz der Partei“, sagt der Politikwissenschaftler Schroeder, gebe immer wieder radikale Impulse für das AfD-Programm. „Das ist für die AfD umso wichtiger, weil Alice Weidel und Tino Chrupalla selbst keine stark ideologisch geprägten Parteispitzen sind.“ Weidel gehe es um ihre Kanzlerschaft im Jahr 2029. Schroeder sagt: „Die AfD ist ihr Werkzeug, um dieses Ziel zu erreichen.“
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Experte kritisiert: „Niemand von der AfD hat bisher politische Verantwortung übernommen“
Und so denkt auch manch einer in der Partei. Nicht alle sind mit ihrem Führungsstil zufrieden. Oftmals wirkt sie distanziert, andere sagen: abgehoben. Andere wiederum fühlen sich alleingelassen mit dem Klein-Klein des Parteimanagements. Weidel schwebe oft über den Dingen. Und verpasse manchmal den Punkt, bei Konflikten vor Ort in den Verbänden zu intervenieren. Es ist diese Kritik und eine AfD, in der viele allergisch auf zu viel Machtkonzentration reagieren, die ihr ein gutes, aber kein hervorragendes Ergebnis einbringen.
Für Alice Weidel beginnt mit der Wahl in Erfurt eine entscheidende politische Zeit. Die AfD steht vor den wichtigen Wahlen in Sachsen-Anhalt, Berlin und Mecklenburg-Vorpommern. Es sei das „Superwahljahr der AfD“, ruft Weidel den Delegierten zu. Kommt die AfD tatsächlich an die Macht, muss sie beweisen, dass ihre Professionalität für das Regieren reicht.
Politologe Schroeder sieht das kritisch – und hebt hervor: „Niemand von den AfD-Funktionären hat bisher politische Verantwortung übernommen, keiner musste politische Krisen bewältigen.“ Bisher habe die Partei vor allem „Klientelpolitik für die eigene Blase“ betrieben, weit weg vom Problemlösen in Zeiten überlagernder Krisen. Experte Schroeder sagt: „Die AfD ist am Ende auch eine Partei der Loser und Besserwisser.“








