Waren wir nicht anfangs erleichtert? Endlich ein Klartext-Kanzler. Nach der spröden, reservierten Angela Merkel, nach dem schmallippigen, einsilbigen Olaf Scholz gelangte ein Mann an die Spitze, der nicht jede Silbe auf die Goldwaage legt. Der unbequeme Wahrheiten ausspricht („Wir nehmen eine Billion Steuern ein pro Jahr, sollten wir damit nicht auskommen?“) und dem politischen Gegner mal saftig einen mitgibt („grüne und linke Spinner“).

Auch wer Friedrich Merz politisch nicht zustimmte, musste anerkennen, dass da einer Mut zum Klartext hat. Nach den Graue-Maus-Jahren im Kanzleramt waren wohl viele Deutsche auch bereit, Merz seine Pannen und Verzerrungen nachzusehen.

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Ein Jahr Merz, ein Jahr Rambo Zambo
Rambo Zambo – Der Merz-Podcast
 

Ein Jahr später zeigt sich: Sein gesprochenes Wort ist Merz‘ größte Hypothek. Hier geht es um mehr als die B-Note eines Kanzlers, der ansonsten ordentlich regiert. Bei Merz wird der ungefilterte Sound seiner Auftritte zum zentralen Grund für die magere Bilanz.

Dr.  Melanie Amann 
Chefredakteurin Digital
Melanie Amann ist Chefredakteurin Digital der FUNKE Zentralredaktion.© Peter Rigaud | Peter Rigaud

Schon das milliardenschwere Schuldenpaket wäre fast daran gescheitert, dass Merz mit den Grünen hochfahrend und ungeduldig umging. Anstatt draußen zu schweigen und drinnen stark zu führen, verhindert er Kompromisse durch markige Ansagen an die SPD, was alles „mit der CDU/CSU nicht geht“. Auf Kritik reagiert er überempfindlich. Ganz zu schweigen von haarsträubenden Aussetzern wie: „Ich habe keine Vollmacht, die CDU umzubringen“, oder seiner Klage, „kein Kanzler vor mir“ erleide vergleichbaren Hass in Social Media.

Scholz zeigte zu wenig Gefühle, bei Merz wünschte man, er trüge nicht ständig sein Herz auf der Zunge. Und es wächst die Sorge, dass hier keine Beratung mehr hilft.