Das Edelgas Helium ist geruchlos, nicht brennbar und leichter als Luft. Man kennt es von den Kinderballons, die zu Geburtstagen oder auf Jahrmärkten gerne gekauft werden. Aber auch wegen seiner Fähigkeit zum Kühlen ist es bei der Herstellung von Mikrochips und im Gesundheitswesen eminent wichtig: In der Halbleiter-Produktion kühlt es die Silizium-Wafer, in der Medizin kühlt es die Magnetspiralen der MRT-Geräte, die in der Bilddiagnostik eine immer größere Rolle spielen.

Und in der Pharmaindustrie wird das Gas, das im flüssigen Zustand eine Temperatur von minus 269 Grad erreicht, ebenfalls eingesetzt: als Mittel für regelmäßig erfolgende gaschromatografische Qualitätskontrollen, die die Voraussetzung dafür sind, dass Arzneimittel chargenweise in den Verkehr gebracht werden dürfen.

Helium kann nicht künstlich erzeugt werden. Es ist ein Nebenprodukt, das bei der Verflüssigung von Erdgas entsteht. Nach einem iranischen Drohnenangriff auf Anlagen in den Industriezonen von Ras Laffan und Mesaieed in Katar Ende März ist dort die Produktion von Flüssiggas eingestellt worden. Und die von Helium. Das könnte weitreichende Folgen haben. Denn Katar exportiert rund 40 Prozent des weltweit gehandelten Heliums.

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Helium-Knappheit bedroht Produktion von Medikamenten

Als Erster hat der Verband der deutschen Pharmaindustrie Alarm geschlagen. „Durch die drohende Knappheit von Helium und anderen petrochemischen Ausgangsstoffen geraten Analyse- und Produktionsprozesse unter Druck, die quer durch die Herstellung von Tabletten, Infusionen und modernen Biologika benötigt werden“, sagt Dorothee Brakmann, Geschäftsführerin von Pharma Deutschland, einem Interessenverband, der 400 Firmen vertritt. 

Die Waffenruhe in Nahost ist zwar ein Lichtblick, aber noch ist am Persischen Golf keine Normalität eingekehrt. Hunderte von Tankern stauen sich dort, Industrieanlagen sind zerstört. Wenn Helium knapp und teuer werde, dann gerieten die Qualitätskontrollen ins Stocken, sagt Brakmann. Dann könnten die Pharma-Hersteller nicht mehr Arzneimittel im gewohnten Umfang freigeben, selbst wenn Wirkstoffe und Packmittel vorhanden seien. Pharma Deutschland hat das Bundesgesundheitsministerium und das Bundesinstitut für Arzneimittelprodukte und Medizinsicherheit schriftlich auf die Risiken der drohenden Helium-Knappheit hingewiesen und gefordert, das Gas als „strategisch relevantes Gut im Gesundheitswesen“ einzustufen und alternative Umstellungsverfahren in der Analytik zu erleichtern. Der Verband warnt: „Lieferanten kontingentieren bereits Helium, Preise steigen und Unternehmen müssen vorhandene Mengen priorisieren – dies ist die Vorstufe zu echten Produktionsproblemen.“

Helium: Ein Viertel des globalen Verbrauchs entfällt auf MRT-Geräte

Noch schlimmer als die Pharmaindustrie könnte es die Radiologen in den Krankenhäusern und Facharztpraxen treffen. Etwa ein Viertel des weltweiten Heliumverbrauchs entfällt auf den Kühlungsbedarf der supraleitenden Magnetresonanztomografen (MRT), lautet eine Aussage des Medizintechnikunternehmens Siemens Healthineers (Erlangen). Tobias Gilk, Berater für MRT-Sicherheit, sagte dem Sender Euronews, dass die MRT-Geräte flüssiges Helium zur Kühlung benötigten, um zuverlässig zu arbeiten. Die meisten MRT-Anlagen benötigten große Mengen flüssigen Heliums. Werde das Gas knapp, ließen sich manche Systeme nach Störungen oder Wartungsarbeiten nicht mehr auffüllen und müssten vorübergehend abgeschaltet werden. „Es wird MRT-Geräte geben, die ausfallen“, warnte Gilk. Engpässe könnten zudem Reparaturen verzögern, falls Dienstleister nicht genug gereinigtes Helium erhalten.

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Michael Herzau, Vorstandsmitglied im Berufsverband der Deutschen Radiologie, teilt diese Sorge: Der Preis für Helium habe sich in den vergangenen fünf Jahren verdoppelt, in den letzten zehn Jahren gar verdreifacht. „Weiter steigende Heliumkosten könnten sich nun tatsächlich auf die Verfügbarkeit der entsprechenden Krankenversorgung auswirken“, sagte Herzau unserer Redaktion. Die Industriepartner der Radiologen hätten die Servicekosten für die Geräte jährlich um bis zu sieben Prozent erhöht. Nach dem Ausbruch des Iran-Krieges habe ein Marktführer im Gasverkauf sofort mitgeteilt, dass dies „Auswirkungen auf die Lieferbarkeit seiner Produkte“ haben werde.

Gesundheitspolitik: Die Radiologen sehen sich unter Druck

Kurzum, die Radiologen sehen sich unter Druck. Bei Radiologen habe die Gesundheitspolitik Honorarkürzungen vorgenommen, sagt Herzau. Auch deshalb habe man einen „Investitionsstau“. Geräte würden länger genutzt, als der Innovationszyklus es erlaube, und moderne MRT-Geräte mit weniger Heliumbedarf hätten sich nicht flächendeckend durchsetzen können. „Insbesondere in Ostdeutschland wurden Radiologen in den letzten Jahren an die Existenzgrenzen getrieben.“ Insider sagen, dass es bei einer anhaltenden Lieferkrise für Patienten schwieriger werden könnte, einen MRT-Termin zu erhalten.

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Auch in der Mikrochip-Industrie herrscht Sorge. „Helium ist absolut entscheidend. Ohne Helium lassen sich keine hoch entwickelten Chips herstellen“, sagt Dan Hutcheson vom Analysehaus TechInsights. Sollte sich das Angebot verknappen, gebe es keine Ausweichmöglichkeiten. Allerdings hält Hutcheson die Helium-Probleme von Katar nicht für entscheidend für die Hightech-Branche. Sie dürften für den Halbleiter-Absatz kaum ins Gewicht fallen. Die Branche habe schon andere Helium-Krisen gemeistert. Auch die USA, Algerien und Kanada trügen zur weltweiten Produktion bei.