Um den „No Kings“-Demonstrationen, die mit der Wiederwahl Donald Trumps im Januar 2025 begannen, in der amerikanischen Hauptstadt den Puls zu fühlen, ist die Kreuzung Connecticut Avenue/East-West Highway kein schlechter Platz zum Vergleichen. 

Im Juni wie im Oktober vergangenen Jahres folgten hier gut und gerne 250 um Land und Demokratie besorgte Zeitgenossen dem Aufruf der dezentral aufgestellten Organisatoren, nahmen auf den Bürgersteigen links und rechts samt ihrer selbst gebastelten Plakate Aufstellung und ermunterten die vorbeifahrenden Autos zum Hupkonzert. Kein Flop, aber auch kein Ansturm, der es ins Fernsehen geschafft hätte. 

14 Monate nach dem Amtsantritt des inzwischen beglaubigten Autokraten im Weißen Haus drängen sich an diesem Samstag bei blauem Himmel und strammer Frühlingskälte gut und gerne 1000 Menschen am Straßenrand. Alte und Junge, manche mit Rollstühlen und Gehhilfen, viele mit kleinen und größeren Kindern im Schlepptau. Ein Familien-Event.

Day of anti-Trump demos "No Kings"
Fast 200.000 Teilnehmer verzeichnete die Demonstration in Boston.© AFP | JOSEPH PREZIOSO

Und Bryan Morane (62), der nur einige Kilometer weit weg wohnt und – bis Elon Musk als Sanierer im Staatsapparat wüten durfte – in der Entwicklungshilfe-Agentur USAID arbeitete, glaubt, den Grund zu kennen. „Dieser Präsident hat darauf gesetzt, dass die Amerikaner ihr Land überhaupt nicht mehr in moralischen Begriffen wie Anstand und Menschlichkeit betrachten. Dass die Worte der Unabhängigkeitserklärung sie nicht jucken. Dass das Schreckgespenst eines Möchtegern-Königs sie nicht ängstigt. Dass sie geradezu erwarten, dass ihre Führer korrupt und grausam sind – nun, er hat sich ziemlich getäuscht“, sagt Morane. Er bläst in die Trillerpfeife und hält das selbst gemachte Schild aus dem Vorjahr hoch: „So schlimm, dass sogar die Introvertierten hier sind.“ 

Die Szene ist massenhaft reproduzierbar. Von San Antonio/Texas bis Portland/Oregon, von New York City bis Miami/Florida und in Hunderten Städten im „Heartland“ zwischen den Küsten zog es nach Angaben der Veranstalter bis zum Abend an die neun Millionen Amerikaner an über 3000 Orten auf die Straße, um ihren abermals gestiegenen Unmut über den 47. Präsidenten abzulassen. 

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Der aufblasbare Kinds-Präsident ist seit langer Zeit fester Bestandteil der Anti-Trump-Proteste – hier in Los Angeles.© AFP | Etienne Laurent

Vielerorts, Beispiel: Boston, wurden Rekordzahlen gemeldet. Auf dem historischen „Common“ der Neu-England-Metropole kamen über 200.000 Menschen zusammen, doppelt so viele wie im Herbst. Als Ken Casey, der Leadsänger der Dropkick Murphys, ans Mikrofon trat, war für einen Moment Woodstock-Atmosphäre. „Wir holen uns die Bedeutung von Patriotismus zurück. Ihr wisst, dass dieser Begriff von der Maga-Bewegung vereinnahmt wurde. Sie hat die Bedeutung von Patriotismus wirklich verdreht. Das hier ist Patriotismus, der für das Richtige eintritt.“

„No Kings“-Proteste gegen Donald Trump, den „orangefarbenen Clown“

Eine der größten Kundgebungen fand vor dem Kapitol von Minnesota statt, wo Rockstar Bruce Springsteen den Song „Streets of Minneapolis“ vortrug, den er als Protest gegen das brutale Vorgehen der Einwanderungspolizei ICE geschrieben hatte, das im Januar zur Erschießung von zwei US-Bürgern, Renee Good und Alex Pretti, führte. „Sie haben sich die falsche Stadt ausgesucht“, rief Springsteen vor gut 75.000 Menschen. Und fügte hinzu: „Diese Invasionen amerikanischer Städte werden nicht hingenommen.“ Etliche Redner, darunter Senator Bernie Sanders, hielten flammende Reden gegen die als rassistisch empfundene Abschiebungspolitik Trumps, den Gouverneur Tim Walz einen „orangefarbenen Clown“ nannte.

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Über die Frederick-Douglass-Brücke in Washington zum Weißen Haus: Demonstranten aller Altersklassen gingen am Samstag in der Hauptstadt auf die Straße.© AFP | Aaron Schwartz

Der Krieg im Iran und die Militarisierung der Außenpolitik hat viele Demonstranten darin bestärkt, dass „dieser Präsident grundfalsch an seinem Platz ist“, wie es Helen Gonzalez, eine pensionierte Ärztin aus Bethesda/Maryland, sagt. „Trump hat Blut an den Händen. Wer Boote vor Venezuela und Mädchenschulen im Iran bombardiert, macht sich schuldig. Ich bin sicher: Unser Militär wird wegen des Öls eingesetzt. Und um den Skandal um die Epstein-Akten zu verdrängen.“

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Ihre langjährige Freundin Esther Morten (74) hält Trump schlicht für „grausam“. „Er geht jeden Tag an die Grenzen, um zu sehen, wie weit er es noch treiben kann – und die ehrlosen Republikaner lassen ihn einfach machen.“ Morten fürchtet, was viele denken: dass Trump in den kommenden sieben Monaten „Dinge inszenieren wird, um das Militär im Innern einsetzen und die Wahlen im Kongress im November absagen zu können“.

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Bruce Springsteen sang vor dem Parlament in Saint Paul/Minnesota ein Lied, das er für die zivilen Opfer der Einwanderungspolizei ICE geschrieben hat: „Streets of Minneapolis“.© AFP | KEREM YUCEL

Trotz der Ernsthaftigkeit war der Ton der Demonstrationen abermals von Fröhlichkeit und gutmütiger Empörung geprägt. „Das ist die Regierung, vor der uns die Gründerväter gewarnt haben“, „Macht Orwell wieder zur Fiktion“, „Langjähriger Republikaner, erstmaliger Demonstrant“, „Keine Gerechtigkeit, kein Frieden. Kein ICE auf unseren Straßen“ oder schlicht „Keine Könige. Ich liebe dieses Land“, so war es auf vielen Plakaten zu lesen. 

„Keine Könige. Ich liebe dieses Land“

Bis Samstagabend gab es keine polizeilichen Hinweise auf größere Zwischenfälle. Rangeleien zwischen rechtsradikalen „Proud Boys“ und „No Kings“-Demonstranten, wie sie sich in Dallas/Texas ereigneten, blieben nach Behördenangaben die Ausnahme. In Denver/Colorado wurde Pfefferspray gegen Demonstranten eingesetzt, die eine Straße blockierten. 

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Papier-Krone statt Protestschild. Viele Demonstranten zeigten Kreativität, um ihren Unmut auszudrücken.© AFP | JOSEPH PREZIOSO

Trump selber bekam von den landesweiten Unmutsbekundungen gegen seine Person nichts mit. Er spielte in der Nähe seiner Florida-Residenz Mar-a-Lago Golf. Regierungssprecherin Abigail Jackson tat die größten Proteste seit dem Vietnam-Krieg gehässig mit einem Wort ab: „Trump-Wahn-Therapiesitzungen“.  

Ezra Levin, Mitbegründer der progressiven gemeinnützigen Gruppe „Indivisible“, die zu den Organisatoren gehört, rief unterdessen dazu auf, sich bereits einen neuen Termin zu merken. Am 1. Mai soll die vierte Auflage von „No Kings“ stattfinden; dann auch mit Schulstreiks, Arbeitsniederlegungen und anderen Formen zivilen Ungehorsams.