Es ist ein Krieg, den Recep Tayyip Erdoğan nie gewollt hat – und den er dennoch nicht verhindern konnte. „Lange Zeit haben wir ernsthaft versucht, die Meinungsverschiedenheiten durch Dialog und Gespräche am Verhandlungstisch beizulegen“, sagte der türkische Staatschef unmittelbar nach Beginn der Kampfhandlungen am 28. Februar. „Doch letztlich wurde das gewünschte Ergebnis nicht erreicht.“

Je weiter die Kämpfe eskalieren und je mehr Länder der Region der Iran mit Raketen- und Drohnenangriffen überzieht, desto schwieriger wird es für Erdoğan, sein Land aus dem Konflikt herauszuhalten. Nach der Ermordung des Religionsführers Ali Chamenei erklärte Erdoğan öffentlich: „Ich bin betrübt über den Tod des Führers unseres Nachbarn Iran.“

Aktuelle Nachrichten zum Krieg in Nahost

Türkei zunehmend im Visier der Mullahs

Dennoch gerät die Türkei zunehmend selbst ins Visier. Nato-Luftabwehrsysteme schossen am 4. März und erneut am vergangenen Montag zwei iranische Raketen über der Südtürkei ab. Ziel der Geschosse war vermutlich die Luftwaffenbasis Incirlik bei Adana, die auch von der Nato und insbesondere den USA genutzt wird. Dort lagern nach offiziell nicht bestätigten Angaben amerikanische Atomsprengköpfe.

Irans Präsident Massud Peseschkian bestritt zwar in einem Telefonat mit Erdoğan am Montag, dass die abgefangenen Raketen iranischen Ursprungs gewesen seien. Doch die Vorfälle zeigen, wie sehr die Türkei bereits in den Strudel des Konflikts gezogen wird.

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USA und Israel greifen Iran an: Ölpreis und Nahost in Gefahr – mit Carlo Masala
Im Krisenmodus
 

Pragmatisches Gleichgewicht

Beide Länder sind historische Rivalen in der Region. Im syrischen Bürgerkrieg standen sie auf gegensätzlichen Seiten: Der Iran unterstützte gemeinsam mit Russland das Assad-Regime, während Erdoğan auf dessen Sturz hinarbeitete. Dennoch gelang es beiden Ländern immer wieder, ein pragmatisches Gleichgewicht zu wahren. Sie sind bedeutende Handelspartner. Für den mit Sanktionen belegten Iran ist die Türkei ein Fenster zum Westen. Umgekehrt ist der Iran ein wichtiger Energielieferant der Türkei.

Auch wenn der strenggläubige Sunnit Erdoğan kaum Sympathien für die schiitischen Mullahs in Teheran hegt, kann er kein Interesse an einem Machtwechsel im Iran haben. Denn nicht zuletzt dem angespannten Verhältnis zwischen dem Westen und Teheran verdankt die Türkei einen Teil ihrer strategischen Bedeutung. Ein prowestlicher oder gar israelfreundlicher Iran würde das geopolitische Gewicht Ankaras in der Region drastisch verringern.

Erdoğan fürchtet Flüchtlingswelle

Unmittelbar beschäftigt Erdoğan aber derzeit ein anderes Szenario: Sollte der Konflikt im Iran bürgerkriegsähnliche Zustände auslösen, könnte eine massive Fluchtbewegung einsetzen. Zwar hat die Türkei ihre 560 Kilometer lange Grenze zum Iran in den vergangenen Jahren stark gesichert. Rund 380 Kilometer sind durch eine drei Meter hohe Betonmauer, Stacheldrahtverhaue und tiefe Gräben gegen Fahrzeugdurchbrüche geschützt. Fast 250 Überwachungstürme mit modernen Kameras, Sensoren und Radarsystemen wurden entlang der Grenze errichtet. Doch eine lückenlose Kontrolle ist kaum möglich.

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Eine Flüchtlingswelle aus dem Iran wäre das Letzte, was Erdoğan innenpolitisch gebrauchen kann. Schon die rund vier Millionen Flüchtlinge aus dem syrischen Bürgerkrieg, die weiterhin in der Türkei leben, werden für ihn zu einer wachsenden Belastung. Die sozialen Spannungen nehmen zu – nicht nur in den Grenzprovinzen zu Syrien, sondern auch in großen Städten wie Ankara, Izmir und Istanbul. Angesichts der Wirtschaftskrise mit hoher Inflation und sinkender Kaufkraft sehen immer mehr Türkinnen und Türken in den Syrern unwillkommene Konkurrenten um Arbeitsplätze, Wohnraum und Sozialleistungen.

Iranische Kurden bereiten der Türkei besondere Sorgen

In Ankara wird daher bereits darüber nachgedacht, mit einer Militäroperation eine Pufferzone auf der iranischen Seite der Grenze einzurichten – ähnlich wie die Türkei es zuvor im Nordirak und im Norden Syriens getan hat. Damit hofft die Regierung nicht nur, Flüchtlingsbewegungen einzudämmen, sondern auch die iranischen Kurden in Schach zu halten.

Gerade diese bereiten Erdoğan besondere Sorgen. Im Iran leben etwa acht bis zehn Millionen Kurden, vor allem in den Grenzregionen zur Türkei und zum Irak. Sollte das Regime in Teheran ins Wanken geraten, könnten dort neue Autonomiebestrebungen entstehen. Im Norden Syriens, wo Kurden bereits eine Autonomiezone aufgebaut hatten, konnte Erdoğan diese Entwicklung – mit Unterstützung der USA – gerade noch eindämmen. Ob ihm das auch im Iran gelingen würde, ist ungewiss.

Türkei als stiller Verlierer im Iran-Konflikt?

In der schwer zugänglichen Bergregion des Dreiländerecks Türkei/Iran/Irak sind seit Langem kurdische Rebellen aktiv. Bisher ist es Ankara gelungen, die Lage im Nordirak und in den eigenen Kurdengebieten im Südosten des Landes weitgehend unter Kontrolle zu halten. Der PKK-Führer Abdullah Öcalan rief im vergangenen Jahr sogar dazu auf, den bewaffneten Kampf zu beenden. Damit schien sich eine historische Chance auf ein Ende der Kurdenfrage zu eröffnen, die seit über vier Jahrzehnten das größte Sicherheitsproblem der Türkei darstellt. Der Iran-Krieg könnte diesen Konflikt nun wieder mit neuer Wucht aufflammen lassen.

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In geopolitischen Krisen seien nicht immer die Länder am stärksten betroffen, die tatsächlich kämpfen, schrieb jetzt der geopolitische Analyst Gilles Touboul in der „Times of Israel“. Oft seien es die Nachbarstaaten, die mit den Folgen eines Krieges fertig werden müssten, den sie selbst nie wollten. Die Türkei, so Touboul, könnte „der am stärksten exponierte stille Verlierer dieses Konflikts sein – unabhängig von seinem Ausgang“.