In Deutschland ist es noch tiefe Nacht, in Peking bereits später Vormittag, als Friedrich Merz aus dem Flugzeug steigt. Sieben Stunden Zeitverschiebung. Viel Schlaf hat der Bundeskanzler nicht bekommen. Merz ist ein Frühaufsteher, er ruft seine Minister auch schon mal um 6 Uhr morgens an. Aber mit den Chinesen kann der Kanzler nicht mithalten – die sind immer schon in der Zeit voraus.
An jedem einzelnen Tag. Aber auch dort, wo es besonders schmerzt: bei vielen Zukunftstechnologien, bei Robotik oder KI. Oder bei der nüchternen Einteilung der Welt in Machtbereiche. Wobei sich Peking längst auf Augenhöhe mit den USA und Russland sieht.
Kalendarisch dagegen ist China später dran als Deutschland: Der Antrittsbesuch des Kanzlers findet kurz nach dem chinesischen Neujahrsfest statt. China ist in das Jahr des Feuerpferdes eingetreten, das passiert nur alle 60 Jahre, Merz hat sich das noch vor der Abreise angelesen.
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Merz wirbt in Peking für engere Beziehungen zwischen Deutschland und China
Der Kanzler mag die Sache mit dem Pferd. Vor dem Abflug in Deutschland rezitiert er noch etwas holprig ein chinesisches Sprichwort: „In China sagt man: Seine Stärke spielt ein Pferd nicht alleine aus, sondern indem es den Wagen gemeinsam mit anderen zieht.“ Das sei ein passendes Bild zu Beginn dieser Reise, findet er. Bei der Begrüßung des chinesischen Ministerpräsidenten spricht er schon so flüssig vom Jahr des Pferdes, als sei er Hobby-Sinologe. Überhaupt bemüht sich Merz sichtlich um gute Stimmung. „Zwischen Berlin und Peking liegen 7500 Kilometer“, schmeichelt der Kanzler, „aber das ist eine Entfernung, die wir gerne überbrücken.“
In Peking ist der Himmel grau, doch es sind keine Wolken, es ist der Smog. Die App zeigt an diesem Tag die Warnstufe Rot. Merz bekommt davon wenig mit auf seinen Wegen mit der Wagenkolonne durch die Megastadt und später in der Großen Halle des Volkes. Merz hat mittlerweile viele Ehrenformationen abgeschritten – darunter die zackige in Polen, die orientalische in der Türkei, doch so militärisch gedrillt wie das, was die Soldatinnen und Soldaten in diesem sozialistischen Prunkbau vorexerzieren, ist eine eigene Liga.

Für einen kurzen Moment sieht es so aus, als versuche Merz in der ersten Kurve beim Abschreiten der strengen Soldatenreihen ebenfalls ein paar akkurate Stechschritte auszuprobieren. Er lässt es aber sofort wieder und läuft zivilen Schrittes weiter. Annäherung ja – aber nicht um den Preis der Selbstaufgabe. Das ist Merz’ Maxime.
Merz fordert fairen Handel und kritisiert Chinas Subventionen
Die Gespräche mit Chinas Staatsführung kreisen um das gemeinsame Interesse an Zusammenarbeit und Dialog – erstes greifbares Ergebnis ist die Verabredung, sich wohl noch in diesem Jahr erneut zu treffen, im Rahmen von deutsch-chinesischen Regierungskonsultationen. Doch Merz spricht nicht nur die Wohlfühlfaktoren an, sondern auch die wunden Punkte.
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Die Importe aus China nach Deutschland sind deutlich gestiegen, die deutschen Exporte nach China gesunken. Merz betont die Bedeutung einer weiteren Öffnung des Marktes, er fordert den Abbau von staatlichen chinesischen Subventionen, spricht den Konflikt um die Seltenen Erden an. „Wir möchten einen möglichst offenen, fairen, freien Handel.“ Der Kanzler rückt gleichzeitig erneut sichtbar von Trump ab – und streckt die Hand aus: Angesichts der Unsicherheiten durch Trumps Zollpolitik könnten China und Deutschland ein Gegenbeispiel setzen, durch „Verlässlichkeit und Sicherheit“ in den Wirtschaftsbeziehungen.
Treffen in Peking: Deutsche Wirtschaft will Brücken nach China stärken
Merz ist nicht allein gekommen. Er hat die Führungsriege der deutschen Automobilbauer im Schlepptau – mit den Vorstandschefs von Volkswagen, Mercedes und BMW. In der Delegation sind aber auch die Chefs von Bayer, DHL oder Siemens sowie Familienunternehmer und Mittelständler. VW-Chef Oliver Blume muss Selfies machen, Mercedes-Chef Ola Källenius wird von chinesischen Wirtschaftsvertretern belagert. Für Merz ist es ein wichtiges Bild. Groß ist die Sorge, dass sich Amerikaner und Chinesen in Zukunft untereinander verständigen könnten – und Deutschland dazwischen zerrieben würde.
Es wird schon dunkel in Peking, als Merz endlich den Mann trifft, mit dem er schon mal lange telefoniert hat, den er aber persönlich noch nie getroffen hat: Chinas Staatspräsident Xi Jinping empfängt Merz im Staatsgästehaus Diaoyutai. Das parkähnliche Gelände ist eine chinesische Traumlandschaft mit Pagoden, Seen, eleganten Gartenpassagen und Lampions in den Bäumen. Wieder läuft das Pferd durch Merz’ Gedanken. Er wisse es zu schätzen, sagt der Kanzler, „dass ich der erste Regierungschef bin, der von Ihnen im neuen Jahr empfangen wird, im Jahr des Pferdes“. China und Deutschland, erinnert Merz seinen Gastgeber, können sich auf Augenhöhe begegnen: „Wir sind zwei der drei größten Industrienationen der Welt. Das ist eine große Verantwortung, aber es ist auch eine große Chance.“

Kanzler betont gute Beziehungen zwischen Deutschland und China
Merz macht klar, dass er auf den persönlichen Draht setzt – ähnlich wie schon bei Trump. „Wir haben seit Jahrzehnten eine gute bilaterale Beziehung zwischen China und Deutschland. Ich möchte daran gern anknüpfen und daraus auch eine gute persönliche Beziehung zwischen Ihrem Ministerpräsidenten und mir und auch zwischen Ihnen und mir entwickeln.“ Xi antwortet mit einem bemerkenswerten Satz: Er habe mitbekommen, dass Merz großen Wert auf die Beziehungen zu China lege.
Die neue Bundesregierung betreibe unter Merz’ Führung eine sachorientierte China-Politik. Heißt: Es geht um Interessen, nicht um Moral. Und das gefällt der Führungsriege in Peking.
China-Gespräche: Merz fordert Xi zu Einflussnahme auf Putin auf
Merz zieht am Ende des Tages eine erleichterte Bilanz: Es läuft. Die Chinesen wollen 120 weitere Flugzeuge bei Airbus bestellen. Und Xi hat ihm zumindest zugehört – gerade auch bei den heiklen Punkten: Ukraine und Taiwan.
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Er habe Xi gebeten, seinen Einfluss auf Russland geltend zu machen, um den Angriffskrieg gegen die Ukraine zu beenden. „Wir wissen, dass die Signale aus China in Moskau sehr ernst genommen werden.“ Das gelte für Worte wie für Taten. Merz hofft, dass Peking seine Unterstützung für Putins Krieg zurückfahren könnte. Mit Blick auf die aggressive Politik Chinas gegenüber Taiwan habe er klargestellt: Jede Bemühung um eine Wiedervereinigung von China und Taiwan könne nur auf friedlichem Weg und nicht mit militärischen Mitteln erfolgen. Ob die Mahnung irgendetwas verändert? Es wäre eine Überraschung.
Wenn Merz in der Nacht zum Freitag wieder in Deutschland landet, braucht er den Koffer gar nicht auspacken – am Montag geht es bereits weiter nach Washington. Erst Xi, dann Trump. Fehlt nur der Dritte, der Mann in Moskau. Doch ob es in Merz’ Kanzlerschaft je zu einer persönlichen Begegnung mit Putin kommen wird, ist völlig offen. Merz schließt die Option, den direkten Kontakt zu Putin zu suchen, nie ganz aus, aber in der jetzigen Lage? Das hieße, Deutschlands Rolle zu überschätzen. Der Kanzler hat ein immenses Selbstbewusstsein. Größenwahnsinnig aber ist er nicht.







