• Ex-Grünen-Chefin Ricarda Lang ist derzeit auf allen Kanälen
  • Die 32-Jährige will Dinge anders und besser machen als zur Zeit der Ampel
  • Parteifreunde können sich ein Comeback für die erste Reihe vorstellen

Ricarda Lang verbringt in diesen Tagen viel Zeit mit der Deutschen Bahn. Eine Rede im Aachener Karneval, ein Besuch bei Grünen-Chef Felix Banaszak in Duisburg, eine Demo für reproduktive Rechte in Hamm, Kommunalwahlkampf in Bayern, und das innerhalb von wenigen Tagen: Lang ist überall, und dazwischen im Zug.

Es ist ein Terminkalender, der aussieht wie der einer Spitzenpolitikerin. Dabei ist Lang gerade das seit eineinhalb Jahren nicht mehr. Seitdem sie und Omid Nouripour im Herbst 2024 als Parteivorsitzende der Grünen zurücktraten, ist die 32-Jährige nur eines von 85 Mitgliedern der Grünen-Bundestagsfraktion. Sie hat Fachgebiete und Ausschussposten, aber keine herausgehobenen Ämter, formell wenig zu sagen. Lang ist einfache Abgeordnete – und trotzdem vielleicht die Grünen-Politikerin, der gerade die meisten Menschen zuhören.

Berlin, Deutschland, 28.01.2026: Deutscher Bundestag: 55. Bundestagssitzung: Ricarda Lang, Grüne *** Berlin, Germany, 28
Ricarda Lang im Deutschen Bundestag: Selbst überrascht über das große Interesse.© IMAGO/dts Nachrichtenagentur | IMAGO/dts Nachrichtenagentur

Podcasts, Interviews, dazu eine erfolgreiche Social-Media-Präsenz: Wenn Ricarda Lang auf X dem Berliner Nabu wegen einer Klage gegen Streusalz-Einsatz „Wahnsinn“ bescheinigt, entsteht daraus sofort eine kleine Lawine von Artikeln. Manchmal sei sie selbst überrascht, wie groß das Interesse daran ist, was sie so macht, sagt Lang am Telefon.

Es war nicht immer so: Zum Ende ihrer Zeit als Parteivorsitzende der Grünen hatte Lang selbst nicht mehr das Gefühl, mit dem, was sie sagt, durchzudringen. Und auch nicht das Gefühl, dass sie meint, was sie sagt. „Spitzenpolitik kann toxisch sein“, sagt sie heute. „Aus lauter Angst vor dem nächsten Shitstorm redest du plötzlich nur noch in Floskeln.“ Auch ihr selbst sei es so gegangen in der Ampel-Zeit.

Spitzenpolitik kann toxisch sein.

Ricarda Lang

Die Koalitionspartner lagen in dauerndem Streit. Die Kompromisse, die geschlossen wurden, stellten niemanden zufrieden und wurden doch als Erfolge verkauft. Auch von den Grünen, auch von Lang. Das Ergebnis waren im September 2024 drei für die Partei verlorene Landtagswahlen und keine Aussicht auf Besserung. Lang und Co-Parteichef Nouripour übernahmen die Verantwortung und traten zurück. Es war ein Tiefpunkt.  

Was folgte, war eine Neuerfindung: Nach ihrem Rückzug von der Parteispitze holte sie ihren Bachelor-Abschluss in Jura nach, nahm sichtbar ab und legte sich eine neue Frisur zu. Sie begann, offener zu kommunizieren, auch lockerer. „Humorbeauftragte der Grünen“ steht in ihren Social-Media-Profilen, und auch das ist ein Erkennungsmerkmal bei einer Partei, der oft eine gewisse Humorlosigkeit unterstellt wird.  

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Lang will raus aus dem Grünen-Biotop

„In der Rückschau sind wir in der Ampel inhaltlich unendlich vorsichtig und unklar geworden, kulturell dafür umso verhärteter“, sagt Lang heute. Das will sie nun für sich umdrehen. „Ich möchte inhaltlich klar sein: Alle sollen wissen, wo ich politisch stehe. Gleichzeitig will ich sehr offen darin sein, mit wem ich darüber rede und streite.“ Raus aus dem Grünen-Biotop, hin dahin, wo die Leute sind, die sie und die Partei noch nicht unbedingt wählen. Dieser Weg hat sie ebenso für eine Schicht in die Intensivstation eines Berliner Krankenhauses geführt wie in den Podcast des Fitness-Influencers Christian Wolf.

Hört man sich in der Partei um, hört man über Langs Kurs viel Positives. „Wenn wir eine Partei werden wollen, die die Breite der Bevölkerung vertritt, dann müssen wir uns auch auf mehr als 11 Prozent der Bevölkerung einlassen“, sagt ein Abgeordneter der Bundestagsfraktion. „Ricarda geht an Orte, die nicht typisch grünes Milieu sind, uns vielleicht sogar ablehnen. Das sollten wir uns als Partei abschauen.“

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Mehr noch als das aber sind viele froh, dass mit der ehemaligen Parteichefin überhaupt ein Gesicht der Grünen in den Schlagzeilen ist. Denn Lang ist im Moment deutlich gefragter als ihre Partei insgesamt. Die Grünen kommen seit der Bundestagswahl im vergangenen Jahr nicht über 11 bis 12 Prozent in den Umfragen hinaus. Die Partei, die noch vor nicht allzu langer Zeit von einem grünen Kanzler träumte, hat oft Schwierigkeiten, wahrgenommen zu werden. Das betrifft auch die aktuellen Partei- und Fraktionsspitzen.

Ricarda Lang: Parteikollegen vergleichen sie mit Habeck

Warum also kommt die Grünen-Politikerin Lang trotzdem an? „Sie ist frei in dem, was sie sagt“, sagt ein anderer Fraktionskollege über Lang. „Das ist ihr größter Vorteil. Habeck hatte diese Freiheit auch, auch im Amt.“ Und er setzt noch einen drauf. „Wenn wir wieder in die Position kommen sollten, einen Kanzlerkandidaten oder eine Kandidatin aufzustellen, wäre Ricarda auf jeden Fall eine Option.“

So weit wollen andere nicht gehen. Doch dass Lang, wenn sie will, zurückkehren könnte in die erste Reihe, das glauben bei den Grünen viele. Und manche glauben auch, dass sie genau das vorbereitet.

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Lang selbst betont auf Nachfrage die „gemeinsame Wertschätzung“, die es mit und in der Grünen-Spitze gebe. Spekulationen über mögliche neue Ämter bügelt sie ab. Sie habe die Freude an der Politik wiederentdeckt. „Ich habe aber nicht vor, in den nächsten Jahren ein Spitzenamt auszuüben.“

Nicht einmal, dass sie überhaupt in der Politik bleibt, ist sicher. Mit ihrem Studienabschluss und dem Masterstudium, das sie jetzt begonnen hat, gibt es schließlich neue Wege, die ihr offenstehen. Ab dieser Woche, sagt Lang, werde sie ihre erste Hausarbeit für ihr Masterstudium schreiben. Sie freut sich darauf.