Es braucht nicht viel, um im Kampf um die Arktis Alarmstimmung auszulösen. Schon die Kurzvisite einer winzigen Militär-Delegation aus Deutschland und anderen EU-Staaten in Grönland reicht für aufgeregte Reaktionen Russlands. Das sei die „nächste Provokation der westlichen Länder“, schimpfte die Sprecherin des Moskauer Außenministeriums, Maria Sacharowa, als am Freitag 13 Bundeswehr-Offiziere und Militärs von Nachbarländern als Erkundungsteam auf der zu Dänemark gehörenden Arktisinsel erwartet wurden. Damit werde die Sicherheit Russlands gefährdet. Die militärische Präsenz in der Region geschehe „unter dem falschen Vorwand einer wachsenden Bedrohung durch Moskau und Peking“.

Das klingt in Washington ganz anders. Kurz vor der russischen Beschwerde sagte US-Präsident Donald Trump, die Arktis sei „voller russischer und chinesischer Schiffe, überall Kampfschiffe“. Wenn die USA nicht Grönland besetzten, dann würden es Russen und Chinesen tun.

Auch interessant

Die gereizten Töne sind Zeichen eines sich verschärfenden Konfliktes, vor dem Militärexperten schon länger warnen: Die Arktis ist zum Brennpunkt geopolitischer Rivalität geworden. Vor allem die USA, Russland und China, aber auch die europäischen Anrainer liefern sich einen Wettlauf um Einfluss rund um den Nordpol – wobei die USA die Region zeitweise vernachlässigt haben, während die Europäer noch hofften, die Arktis als „friedliche Kooperationszone“ mit einem Fokus auf Klima- und Umweltschutz behandeln zu können.

Jetzt halten es Militäranalysten für möglich, dass hier ein großer Krieg beginnt. „Sollte Russland zu der Überzeugung gelangen, dass ein Krieg mit der Nato unvermeidlich ist, wird es wahrscheinlich einen Erstschlag in der Arktis ausführen“, erklärt Russlandexperte Mikhail Komin vom Londoner Thinktank Center for European Policy Analysis (Cepa).

Der Bundesnachrichtendienst (BND) hat einen möglichen Schauplatz ausgemacht, auf dem im schlimmsten Fall ein Weltkrieg beginnen würde: Russland könne mit einem schnellen Angriff auf die norwegische Arktis-Insel Spitzbergen die Verteidigungsfähigkeit der Nato testen, spekulierte der damalige BND-Präsident Bruno Kahl schon vor 14 Monaten.

US-Soldaten des 10. Marineregiments beim Nato-Manöver „Nordic Response“ in der norwegischen Arktis.
US-Soldaten des 10. Marineregiments beim Nato-Manöver „Nordic Response“ in der norwegischen Arktis. © AFP | JONATHAN NACKSTRAND

Vor allem der Klimawandel erhöht die Bedeutung der Arktis

Weil die kürzeste Flugroute für Atomraketen zwischen Russland und den USA über den Nordpol führt, behielten Militärs die Arktis schon im Kalten Krieg stets im Blick. Doch die gestiegene Bedeutung des Polar-Gebiets hat vor allem mit dem Klimawandel zu tun: Die Arktis erwärmt sich viermal so schnell wie der Rest des Planeten, das Packeis schmilzt. Das eröffnet auf mittlere Sicht neue, wirtschaftlich und militärisch wichtige Seewege.

Und es macht gigantische Vorkommen an Öl, Gas und seltenen Erden zugänglich. US-Schätzungen gehen davon aus, dass etwa 13 Prozent der unentdeckten Ölreserven weltweit und 30 Prozent der Erdgasvorkommen unter dem arktischen Meeresboden liegen. „Aufgrund der fortschreitenden Erwärmung wird in naher Zukunft ein eisfreier arktischer Ozean realistisch“, erklärt Michael Paul, Arktis-Experte der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP), die in Berlin Bundesregierung und Bundestag berät.

231356_366_cover.jpg
Grönland, Trump und die AfD
Rambo Zambo – Der Merz-Podcast
 

Die neuen Seewege werden zunächst wirtschaftlich von Bedeutung sein: Künftige Handelsrouten dürften in wenigen Jahren die Schifffahrtszeit zwischen Asien und Europa drastisch verkürzen. Wenn die Nordostpassage in der Arktis verlässlich nutzbar ist, werden Lieferungen von Shanghai nach Hamburg nur noch 18 Tage dauern statt 35 Tage, die es jetzt für eine Reise durch den Suezkanal braucht.  

Doch die ungehinderte Fahrt chinesischer oder russischer Schiffe durch die Region beunruhigt Nato-Militärs und Sicherheitsexperten. „Das Risiko reicht von andauernden sicherheitsgefährdenden Vorfällen bis zur Blockade transatlantischer Verbindungswege im Fall eines militärischen Konflikts in Europa“, warnt eine aktuelle Studie, die Arktisexperte Paul mit Kollegen verfasst hat.

Bomber und U-Boote: Russland und China demonstrieren Präsenz in der Arktis

Peking und Moskau zeigen verstärkt Präsenz, auch gemeinsam: Zur Demonstration patrouillierten vor anderthalb Jahren chinesische und russische Langstreckenbomber im Arktischen Ozean nahe Alaska. Fast zeitgleich ließ China drei Eisbrecher durch die arktischen Gewässer fahren. Solche Marineeinsätze dürften zunehmen. Die USA befürchteten, dass chinesische U-Boote sie aus der Arktis bedrohen könnten, erklärt Michael Paul: „Nordamerika ist kein sicherer Hafen mehr.“

Russischer Eisbrecher Kapitan Dranitsyn im ostgroenlaendischen Packeis, russian ice-breaker Kapitan Dranitsyn in east greenlandic pack ice
Der russische Eisbrecher „Kapitan Dranitsyn“ im ostgrönländischen Packeis.© picture alliance / blickwinkel/H. Baesemann | H. Baesemann

China ist zwar gar kein Arktis-Anrainer (das sind sieben Nato-Staaten und Russland), aber es will zur „polaren Großmacht“ werden, wie Staatschef Xi Jinping erklärt hat. Der wirtschaftliche Expansionsdrang Chinas im hohen Norden wird indes durch die ablehnende Haltung der meisten Anrainer gebremst; auch in Grönland wurden chinesische Investitionsversuche auf Betreiben Dänemarks und der USA blockiert.

Die stärkste Bedrohung geht aus Nato-Sicht von Russland aus, das in der Arktis die größte militärische und zivile Präsenz zeigt. Präsident Wladimir Putin hat die Region zur zweitwichtigsten strategischen Priorität nach der Ukraine erklärt. Entlang einer „Mauer der Souveränität“ baut Moskau hochmoderne Militärstützpunkte aus. Russlands Vorteil ist nicht nur die Geografie, sondern eine große Eisbrecherflotte von fast 50 Schiffen. Eisbrecher sind geopolitische Waffen, ohne die sich Gebietsansprüche in der Arktis nicht durchsetzen lassen: China hat davon nur fünf, baut die Flotte gerade aus, die USA besitzen sogar nur drei Eisbrecher.

Putins Arktisstrategie sei aber auch von Angst geprägt, betont Russland-Forscher Komin. Das schmelzende Eis schwächt Russlands natürliche Verteidigungsanlagen, die Nato-Präsenz nimmt zu – zumal nach dem Nato-Beitritt Finnlands und Schwedens, der die russische Bewegungsfreiheit in der Ostsee einengt und die Arktis strategisch umso wichtiger macht. Moskau sorgt sich um den Schutz seiner atomwaffenbestückten U-Boote der Nordmeerflotte, die vorwiegend in Murmansk stationiert sind und die eine nukleare Zweitschlagskapazität sichern sollen.

Die USA haben den Wettlauf angenommen. Die Armee spricht jetzt in Planungsdokumenten  von der „Wiedererlangung der arktischen Vorherrschaft“, das US-Verteidigungsministerium vom „Schauplatz strategischer Wettkämpfe“. Neue Eisbrecher werden beschafft, F-35-Kampfjets sollen in der Region stationiert werden. Auch die Nato erhöht die Einsatzbereitschaft: In Norwegen hat sie gerade ein neues Operationszentrum für schnellere Luftwaffeneinsätze im Arktisraum eröffnet, voriges Jahr trainierten 10.000 Nato-Soldaten die Verteidigung im arktischen Gelände.

Auch die Bundesregierung ist in Sorge. In ihrer Arktisstrategie hatte sie schon eine aktive sicherheitspolitische Rolle in der Region angekündigt, auch weil Deutschland als Exportnation auf verlässliche Seewege angewiesen sei. Nun sagt Außenminister Johann Wadephul (CDU), Deutschland sei bereit zu einem größeren Beitrag für die militärische Sicherheit in der Arktis. Nüchtern beschreibt Wadephul den Konflikt: „Russland und auch China haben dort Interessen, die unseren zuwiderlaufen.“