Wer das erste Mal mit dem Auto in Rom unterwegs ist, glaubt, auf einem anderen Planeten gelandet zu sein. Was in Deutschland geordnet, geregelt und vorhersehbar abläuft, wirkt in der italienischen Hauptstadt wie ein großes Chaos. Es wird gedrängelt, gehupt, überholt, geparkt, wo scheinbar kein Platz ist – und trotzdem fließt der Verkehr irgendwie. Wer beim Autofahren an deutsche Verhältnisse gewöhnt ist, merkt schnell: Die Römer fahren anders.
Doch ab jetzt soll es auch im römischen Gewirr zu mehr Ordnung kommen, denn Roms Stadtverwaltung setzt ab sofort auf Tempo 30 im historischen Zentrum. Mit Inkrafttreten einer entsprechenden Verfügung gilt seit dem 15. Januar innerhalb der verkehrsbeschränkten Zone (ZTL) ein generelles Tempolimit von 30 Kilometern pro Stunde. Das betrifft auch zentrale Verkehrsachsen. Nach Angaben der Stadtverwaltung sollen rund 1000 weitere Straßen im Stadtgebiet schrittweise auf Tempo 30 umgestellt werden, um die Verkehrssicherheit zu erhöhen. Es ist ein Ansatz, der auch in Deutschland funktionieren würde, sagen Befürworter – doch es gibt Hürden.
Auch interessant
Maximal 30 in der Innenstadt von Rom – und dazu viele neue Blitzer
In Rom wird die Maßnahme begleitet durch einen Ausbau der Kontrollen: Geplant sind 60 neue stationäre und mobile Radargeräte zusätzlich zu den bereits von der Stadtpolizei genutzten 20 Anlagen. Weitere Geschwindigkeitskontrollen sind unter anderem auf der Via Cristoforo Colombo vorgesehen, der großen Verkehrsachse, die ans Meer führt. Darüber hinaus sollen bis 2026 insgesamt 40 neue Rotlichtkameras installiert werden, vor allem an großen und besonders unfallträchtigen Kreuzungen. Ergänzt wird das Programm durch 175 erhöhte Fußgängerüberwege sowie neue sogenannte Schulstraßen.
Lesen Sie auch den Kommentar: Tempo 30 auch in deutschen Städten? Die Debatte wird schnell egoistisch
Roms Mobilitätsstadtrat Eugenio Patané sprach von einer „Notlage bei der Verkehrssicherheit“. Die Zahl der Unfälle sei gestiegen, es brauche entschlossene Maßnahmen, um die Zahl der Verkehrstoten zu senken. Ziel sei es, Rom zumindest in strategisch wichtigen Bereichen zu einer Stadt mit Tempo 30 zu machen.
Die Ewige Stadt steht auf Platz 17 der weltweit verkehrsreichsten Städte. Verschiedene Studien haben gezeigt, dass die Senkung der Geschwindigkeit auf 30 km/h insbesondere die Gefährlichkeit und die Schwere von Unfällen verringert. Es wird erwartet, dass diese Änderungen sowohl den Fußgängern als auch den Radfahrern zugutekommen und insgesamt zu einer besseren Lebensqualität im Stadtzentrum führen, teilte die Gemeinde Rom mit.
Auch interessant
Weniger Geschwindigkeit heißt weniger Unfälle, weniger Tote und Verletzte
Rom folgt mit diesem Schritt Bologna, wo schon seit 2023 auf den städtischen Straßen – mit Ausnahme der Schnellstraßen – eine Geschwindigkeitsbegrenzung von 30 Stundenkilometern gilt. Das Ergebnis: 13 Prozent weniger Unfälle im Jahr nach der Einführung – und nicht ein im Verkehr getöteter Fußgänger.
Sinnvoll wäre das auch in Deutschland, sagt Siegfried Brockmann, Leiter des Bereichs Unfallforschung bei der Björn-Steiger-Stiftung. Brockmann hat in einer Meta-Analyse Erfahrungen mit Tempo-30-Begrenzungen aus 15 Städten ausgewertet, die meisten davon in Europa. In manchen Städten galt die Beschränkung nur in einigen Vierteln, in anderen in der ganzen Stadt, wie jetzt in Rom. Die Ergebnisse seien aber überall ähnlich, sagt er: „Wir sehen in allen untersuchten Städten eine Reduktion der Geschwindigkeit, weniger Unfälle und weniger Verletzte. Besonders groß sind die Effekte, wenn man auf Schwerverletzte und Tote blickt.“
Im Mittel sank laut Brockmanns Auswertung die Zahl der Unfälle mit Personenschäden um 30 Prozent. Die finnische Hauptstadt Helsinki, wo in weiten Teilen der Stadt nicht schneller als mit 30 Stundenkilometern gefahren werden darf, meldete im Sommer 2025 ein ganzes Jahr ohne einen einzigen Verkehrstoten. In Helsinki wohnen rund 700.000 Menschen.

Flächendeckend Tempo 30? Geht in Deutschland gar nicht
Die Begrenzungen wirken sich zudem nicht nur in den betroffenen Gebieten selbst aus, sondern auch darum herum. Gilt in einem Teil einer Stadt Tempo 30, strahlt das offenbar aus, in angrenzenden Gebieten fahren die Menschen ebenfalls langsamer.
Doch wer es in deutschen Rathäusern Städten wie Rom, Bologna oder Helsinki nachmachen will, stößt auf Hürden. „Zusammenhängende Bereiche mit Tempo 30 sind in Deutschland nur als Modellversuch möglich – und nicht einmal so einen gibt es bis jetzt“, sagt Brockmann. Keine Stadt in Deutschland habe das auch nur ausprobiert. Was es gibt, sind Tempo-30-Zonen in Wohngebieten und seit der vergangenen Legislatur neue Möglichkeiten, etwa an viel genutzten Schulwegen die Geschwindigkeit zu reduzieren.
Die Grünen sehen deshalb die Bundesregierung am Zug. „Null Verkehrstote in Großstädten sind möglich, wenn der politische Wille da ist“, sagt Swantje Michaelsen, verkehrspolitische Sprecherin der Grünen im Bundestag. „Die Bundesregierung entscheidet sich dagegen, weil sie Städten und Gemeinden nicht erlaubt, Tempo 30 flächendeckend anzuordnen.“ Die Reform der letzten Wahlperiode habe es Kommunen immerhin erleichtert, auch an Hauptverkehrsstraßen das Tempo zu begrenzen, sagt sie. „Es ist wichtig, dass die Städte und Gemeinden diesen neuen Handlungsspielraum jetzt auch ausnutzen.“
Politisch gilt das Thema Geschwindigkeitsbegrenzung in Deutschland jedoch als heikel, egal ob in der Stadt, auf Landstraßen oder der Autobahn. Die schwarz-rote Koalition hat sich zwar die Vision Zero, also das Ziel von null Verkehrstoten, in den Koalitionsvertrag geschrieben. Von Tempolimits steht allerdings nichts drin.




