Die Massenproteste im Iran halten trotz des verschärften Vorgehens der Behörden unvermindert an. Auf den dunklen Straßen Teherans kamen am Wochenende erneut Tausende Menschen zusammen. Der Strom war abgeschaltet worden, Straßenlaternen waren aus. „Solange die Mullahs nicht tot sind, wird dieses Heimatland nicht frei sein“, skandierten die Demonstranten am Samstagabend. Mit ihren Smartphones leuchteten sie in die Dunkelheit.

Nur wenige Menschen, so berichten es Augenzeugen auf der Plattform „X“, haben noch Zugang zum satellitenbasierten Internet über Starlink. „Das Regime versucht, es zu stören“, schreibt Sana Ebrahimi, eine nach eigener Aussage regimekritische Doktorandin. Seit Donnerstagabend herrscht ein nahezu vollständiger Internet-Blackout. Menschen berichten auf „X“ auch, dass Telefonleitungen nicht mehr funktionierten.

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Iran: Zahl der Todesopfer und Festnahmen bei Protesten steigt weiter

Das Land steht unter Hochspannung. Was vor zwei Wochen als Protest gegen wirtschaftliche Probleme begann, hat sich zu einem landesweiten Aufbegehren ausgeweitet. Das Mullah-Regime geht rigoros gegen die Demonstranten vor. Nach Angaben der NGO Iran Human Rights wurden bis Sonntag mindestens 192 Menschen bei den Protesten getötet. Unbestätigte Berichte deuteten aber auf eine deutlich höhere Opferzahl hin, einigen Quellen zufolge gebe es bereits mehr als 2000 Todesopfer. Die tatsächlichen Zahl der Toten könnte angesichts der andauernden Internetsperre noch weit höher liegen. Mehr als 2300 weitere Menschen seien festgenommen worden, berichtete das Menschenrechtsnetzwerk HRANA mit Sitz in den USA.

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Auch das Center for Human Rights in Iran (ICHRI) warnte auf „X“ vor einem „Massaker“: „Die Zahl der Opfer steigt stündlich.“ Blutreserven gingen zur Neige. Trotz allem entschlössen sich immer mehr Menschen, an den Protesten teilzunehmen. Und zwar nicht nur in der Hauptstadt Teheran: Trotz einer nahezu vollständigen Internetsperre habe es bislang Demonstrationen in mehr als 180 Städten gegeben. 

Irans Krankenhäuser an Belastungsgrenze

Drei Krankenhäuser im Land melden, sie hätten ihre Kapazitätsgrenze erreicht - so hoch sei die Zahl der toten und verletzten Menschen, die infolge der Proteste eingeliefert würden, berichtet die BBC. Eine Krankenhausangestellte an einer Teheraner Klinik berichtete von Kopf- und Herzschüssen, viele Menschen hätten Augenverletzungen davongetragen. „Die Zahl war so groß, dass in der Leichenhalle nicht genügend Platz vorhanden war; die Leichen wurden übereinander gestapelt.“ Viele habe sie nicht ansehen können. Die Opfer seien 20 bis 25 Jahre alt gewesen.

Viele Menschen hätten es nach BBC-Informationen nicht einmal ins Krankenhaus geschafft. Eine Augenklinik ist nach Aussage eines weiteren Arztes in den Krisenmodus gewechselt. Das Mullah-Regime setzt bei Zusammenstößen mit Demonstranten häufig Schrotflinten ein. Bei den aktuellen Protesten sollen Augenzeugen zufolge auch Scharfschützen und Überwachungsdrohnen im Einsatz sein.

Proteste im Iran: Ein Mann hält ein Plakat in die Luft.
Demonstrant mit Schah-Sohn: Anhänger der Monarchie hoffen auf Reza Pahlavi, der im Exil in den USA lebt. © Uncredited/UGC via AP/dpa | Uncredited

Iran: Revolutionsgarden unzufrieden?

Ein User schrieb auf Englisch auf „X“: „Die Massaker sind von größerem Ausmaß als alle Morde früherer Aufstände. Sie haben junge und alte Iraner niedergemäht wie Herbstblätter auf dem Boden.“ Ein anderer berichtete: „Die Zahl der Leichen ist so hoch, dass sie im Innenhof aufgereiht wurden. Es wurden sehr viele Kühlcontainer für die Leichen herbeigeschafft. Die Menschen kommen, um sie zu identifizieren. Sie legen den Personalausweis auf die Leiche, machen ein Foto und weisen einen Code zu.“ Ein weiterer Nutzer zitierte den Polizeichef des Landes, der behauptet habe, dass die getöteten Menschen aus nächster Nähe erschossen oder erstochen worden seien, was bedeute, dass nicht die Polizei sie getötet habe. Alle Informationen können derzeit nicht unabhängig überprüft werden.

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#17 Omid Nouripour über seine Flucht aus dem Iran – und wie man auf Farsi rappt
Meine schwerste Entscheidung
 

Die nach Deutschland geflohene Regimekritikerin Shamsi Karami schilderte dieser Redaktion, wie der Sohn ihres Cousins ein Zusammentreffen mit einem Mitglied der Revolutionsgarden erlebte. „Er hat an einer Demo teilgenommen. Nach drei, vier Stunden zog ihn ein Revolutionswächter kräftig an der Hand. Die anderen fürchteten schon, sie würden ihn in ein Gefängnis bringen“, berichtete Karami. Der Sittenwächter zog den Mann in ein Auto, fuhr ihn nach Hause und gab während der Fahrt zu: „Alle meine Kollegen sind in einer Gruppe, die dem Schah und seinem Sohn treu sind. Wir wollen das Regime stürzen. Leider können wir aber nichts tun.“ Als Grund habe der Revolutionswächter seine persönliche Unzufriedenheit mit seinem monatlichen Einkommen angegeben – umgerechnet zehn Dollar. 90 Prozent der Revolutionswächter seien gegen Chamenei, behauptete der Mann Karamis Angaben zufolge.

Daran kann man Zweifel anmelden: Die Revolutionswächter sind der größte Unternehmer des Landes. Sie unterliegen keiner Steuerpflicht und zahlen bei der Einfuhr keine Zollgebühren. Sie besitzen quer durch alle Branchen eine Vielzahl von Unternehmen und Holdings oder sind an diesen beteiligt. Ihre wirtschaftliche Macht begann nach dem Tode von Revolutionsführer Chomeini 1989. Wegen der mangelnden Transparenz ist das ökonomische Gewicht der Garden nur schwer einzuschätzen. Iran-Experten taxieren ihren Anteil am Bruttosozialprodukt auf 15 bis 65 Prozent. Gemessen am Bruttoinlandsprodukt über rund 350 Milliarden Dollar im Jahr 2022 wären das 53 bis 228 Milliarden Dollar.

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Trump will Iranern „helfen“

Unterdessen bekräftigte US-Präsident Donald Trump seine Ankündigung, Irans Führung werde militärische Folgen zu spüren bekommen, wenn das Regime Demonstranten töte. In den sozialen Netzwerken postete Trump: „Der Iran strebt nach FREIHEIT, vielleicht wie nie zuvor. Die USA sind bereit zu helfen!!!“ Die iranische Regierung macht ihrerseits die Vereinigten Staaten für die Eskalation der Proteste verantwortlich und spricht von „gewalttätigen subversiven Handlungen und weit verbreitetem Vandalismus“.

Der iranische Präsident Massud Peseschkian warnte „Aufrührer“ am Sonntag in einem Fernsehinterview vor weiteren Demonstrationen. Es könne nicht zugelassen werden, dass „Aufrührer die Gesellschaft destabilisieren“, sagte Peseschkian. Die Bevölkerung rief er auf, „Vertrauen in unseren Willen zur Durchsetzung der Gerechtigkeit“ haben. 

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Iran: Sohn des Schahs instruiert Demonstranten

Der Sohn des 1979 gestürzten Schahs, Kronprinz Reza Pahlavi, meldete sich aus dem Exil in den USA zu Wort und rief die Demonstranten auf, nicht nachzulassen. „Ich bitte Sie alle, sich mit Ihren Freunden und Familienangehörigen in Gruppen auf die Hauptstraßen der Städte zu begeben. Trennen Sie sich unterwegs nicht voneinander oder von der Menschenmenge und nehmen Sie keine Seitenstraßen, die Ihr Leben gefährden könnten“, schrieb Pahlavi auf „X“. Er unterstrich seine Kritik am religiösen Führer Irans. „Was Chamenei bleibt, ist eine Minderheit gewalttätiger Söldner, die wie ihr krimineller Anführer keine Iraner sind und anti-iranisch eingestellt sind und euch – die große Nation Iran – als ihren Feind betrachten. Seid euch bewusst, dass sie für ihre Taten zur Rechenschaft gezogen werden.“

Pahlavi ist unter Exil-Iranerinnen und -Iranern allerdings keine unumstrittene Figur. Manche, vor allem Anhänger der Monarchie, halten ihn für einen Hoffnungsträger. Andere glauben nicht, dass Pahlavi im Iran genügend Rückhalt hat, um sich an die Spitze des Staates zu setzen.

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Iran: Sicherheitsexperte fordert drastische Maßnahmen in Deutschland

Der CDU-Außenpolitiker Armin Laschet forderte, die internationalen Sanktionen gegen Teheran zu verschärfen. Die iranische Führung müsse verstehen, „wer im Iran mit Gewalt, Folter und Mord das eigene Volk unterdrückt, wird Konsequenzen spüren“, sagte Laschet dieser Redaktion.

Der Sicherheitsexperte Nico Lange wies darauf hin, dass nicht nur Gegnerinnen und Opfer des Mullah-Regimes in den vergangenen Jahrzehnten in Deutschland Zuflucht gefunden hätten, sondern auch Angehörige der Revolutionsgarden und weitere Personen, die eng mit den Mullahs in Verbindung stehen. Lange forderte auf „X“, den betreffenden Personen die Einreise nach Deutschland zu verbieten und ihre Vermögen einzufrieren.

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