Liebe Leserin, lieber Leser,

welches Gefühl löst bei Ihnen der Begriff „Heimat“ aus? Bei mir ist es sehr ambivalent. Eigentlich sollte die Heimat der Ort sein, wo man aufwuchs. Wo die Schulfreunde lebten, wo der erste Liebeskummer erschütterte, wo im Kinderzimmer Tagebuch geschrieben wurde. Also müsste ich sagen: Dortmund ist meine Heimat. Genauer: ein Vorort von Dortmund. Der hatte damals einen Schützenverein und eine rege Kirchengemeinde. Neulich bin ich mit dem Auto durch die Straßen gefahren, habe meinen Kindern die Grundschule gezeigt und das Gotteshaus-Ungetüm aus den 1960er-Jahren. Baustil: Brutalismus. Wir fuhren in unsere Sackgasse, die damals Neubaugebiet war. Alle hatten riesige Gärten, die Nachmittage verbrachten wir draußen. Nur ich musste immer rein zum Geige-Üben, aber das ist eine andere Geschichte.

Ich-Reportage "Landtagswahl Sachsen-Anhalt: wie sich meine Heimat verändert hat"
Antonia Weber blickt auf ihre Heimatstadt Blankenburg. © privat | Privat

Diese Heimat löst in mir inzwischen kaum noch etwas aus. Unser Haus wurde umgebaut, die Kirche stillgelegt. Ich kenne niemanden mehr, der dort lebt. Ich bin zu oft umgezogen, habe zu oft neu angefangen: Studium in Berlin, Familiengründung in Freiburg, Umzug nach Essen, dann wieder nach Berlin. Heute sage ich: Meine Heimat ist dort, wo mein vertrautes Umfeld lebt.

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Blankenburg: Der Unmut liegt über der Stadt

Warum schreibe ich das alles? Meine junge Kollegin Antonia Weber hat dafür gesorgt, dass ich über meine Heimat nachdenke. Sie stammt aus Blankenburg, einer Kleinstadt im Harz, Sachsen-Anhalt. Vor einigen Jahren ging sie zum Studieren nach Leipzig, nun lebt sie in Berlin. Auch sie fremdelt mit ihrer Heimat, obwohl ihr Umfeld von früher noch da ist und man das Städtchen mit den Fachwerkhäusern in schöner Natur als idyllisch bezeichnen kann.

Doch sie erlebt bei jedem Besuch zu Weihnachten einen erst schleichenden, dann auch offenen Rechtsruck der Menschen. Hinzu kommt die wachsende Trostlosigkeit in der Stadt, weil Geschäfte schließen, der Bus kaum noch fährt und alle irgendwie unzufrieden sind.

„Ich erkenne meine Heimat nicht mehr wieder“, schreibt sie in ihrem persönlichen Essay. Darin schildert sie, wie sie selbst zerrissen ist zwischen ihrem Verständnis für den Unmut, der sich über die Stadt gelegt hat – und ihrer Wut, wenn sie offenen Rechtsextremismus erlebt und Klagen über Geflüchtete hört, obwohl die anderen Probleme viel gravierender sind.   

Luisa Neubauer spricht im Podcast über den Tod ihres Vaters

Sehr persönlich ist auch das Gespräch geworden, das Luisa Neubauer mit meinen Kollegen Jochen Gaugele und Theresa Martus führte. Im Podcast „Meine schwerste Entscheidung“ erzählt Deutschlands berühmteste Klimaaktivistin, wie sehr sie der Krebstod ihres Vaters aus der Bahn geworfen hat. Ein Vater, den sie als ihren Hafen, ihre Heimat, beschreibt.

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Diesen Tod öffentlich zu machen sei ihr sehr schwergefallen. Doch da war auch diese Angst vor der Frage, was ihr Vater zu ihren Aktivismus sage, etwa in Talkshows und Interviews. Der Gang in die Offensive sei die einzige Möglichkeit gewesen, diese Angst zu überwinden.

Außerdem spricht sie über ihr Verhältnis zu Greta Thunberg, die Zukunft der Bewegung „Fridays for Future“ und die schwindende Bedeutung der Klimapolitik. Wenn Sie den Podcast hören, erleben Sie eine reflektierte, kluge junge Frau, die auch in diesen geopolitisch äußerst angespannten Zeiten versucht, ihr Ziel nicht aus den Augen zu verlieren.

Ukrainische Kinder in Nordkorea indoktriniert?

Äußerst brutal haben Tausende Kinder aus der Ukraine ihre Heimat verloren, denn seit Beginn des Angriffskrieges verschleppt die russische Armee Minderjährige. Viele wurden bereits von russischen Familien zwangsadoptiert; Russland nahm ihnen die ukrainische Staatsangehörigkeit, die leiblichen Eltern haben kaum Kontaktmöglichkeiten. Die Ukraine spricht von 19.500 Kindern, die entführt worden seien. Die Vereinten Nationen haben die Deportationen inzwischen als Kriegsverbrechen erklärt. Und nun dies: Verschleppte Kinder leben nicht nur in Russland, sondern offenbar auch in Nordkorea. Das berichtet eine Menschenrechtsorganisation aus der Ukraine, die den USA entsprechende Beweise vorgelegt hat.   

Welche Absprachen gibt es? Der nordkoreanische Diktator Kim Jong Un (2 v.r.) im Gespräch mit dem russischen Machthaber Wladimir Putin.
Welche Absprachen gibt es? Der nordkoreanische Diktator Kim Jong Un (2 v.r.) im Gespräch mit dem russischen Machthaber Wladimir Putin. © AFP | Str

Unser Korea-Korrespondent Felix Lill hat sich den Bericht genauer angesehen. Tatsächlich soll es eine Art Ferienlager in Nordkorea geben, wo Kinder politisch und militärisch indoktriniert werden. Umschrieben werde das mit dem Begriff „Kinderdiplomatie“.

So treiben Internet-Kriminelle Kinder in den Suizid

Subtil, schleichend, aber nicht minder brutal ist die Vorgehensweise von Kriminellen, die Heranwachsende über das Internet aus ihrer familiären Geborgenheit herausreißen: Beim sogenannten Cyber-Grooming ziehen sie Kinder und junge Erwachsene in ihren Bann – und locken sie dann in eine Falle. Ziel sind meist sexuelle Übergriffe im Netz. So werden auch pornografische Bilder und Videos erpresst.

Pädokriminelle missbrauchen Kinder im Netz
Cyber-Kriminelle missbrauchen auch Kinder im Internet – mit gravierenden Folgen. © Karl-Josef Hildenbrand/dpa | Karl-Josef Hildenbrand

Die Opfer können sich nicht mehr allein aus diesen Fängen lösen. Je mehr sie sich verstricken, desto größer wird die Belastung – bis hin zum Suizid.

Als Lisa in die Fänge eines Pädo-Kriminellen im Netz geriet, war sie zwölf. Er setzte sie so stark unter Druck, bis intime Bilder flossen. Glücklicherweise konnten ihre Eltern rechtzeitig die Notbremse ziehen, denn Lisa, deren Namen wir geändert haben, wusste kaum noch einen Ausweg und war stark suizidgefährdet. Lisas Mutter hat unserer Autorin Susann Beule erzählt, was ihrer Tochter passiert ist und wie ihr schließlich geholfen werden konnte.

Iran: Auch Kinder kämpfen für ein besseres Leben – und bezahlen mit dem Leben

Nun einen Blick ins Aktuelle: Im Iran sind es in diesen Tagen viele junge Erwachsene und auch Kinder, die um ihre Heimat kämpfen – zusammen mit den Händlern, den völlig verarmten Rentnern, den Gewerkschaften. Ihnen allen geht es um eine Zukunft in Freiheit und ökonomischer Sicherheit. Sie kämpfen gegen die Drangsalierungen des Gottesstaates und ihren Missbrauch der Religion, gegen den wirtschaftlichen Verfall, gegen die Umweltverschmutzung. Wie die Zukunft aussehen soll? Dazu gibt es viele Vorstellungen.

Proteste im Iran
Iran, Teheran: Dieses Videostandbild aus dem iranischen Staatsfernsehen zeigt brennende Fahrzeuge während nächtlicher Massenproteste. © Uncredited/Iran state TV/AP/dpa | Uncredited

Einig sind sich die Protestler, die so viele sind, dass von einer Volksbewegung gesprochen werden kann, nur darüber: Das Regime muss weg. Und dafür setzen auch die Kinder unter ihnen – es gibt schon mehrere Minderjährige unter den Toten – ihr Leben aufs Spiel. Diesmal könnte es eng werden für die Mullahs, kommentiert meine Kollegin Gudrun Büscher. Ich habe in dieser Woche mit den beiden Menschenrechtsaktivistinnen Düzen Tekkal und Mariam Claren – ihre Mutter saß vier Jahre lang im Teheraner Evin-Gefängnis in Haft – gesprochen. Ihre Beobachtung: „Polizisten solidarisieren sich, das System bröckelt.“ Wenn Sie mehr Hintergründe wissen wollen, lesen Sie hier das Frage-Antwort-Stück von Michael Backfisch.

So unterschiedlich die Geschichten, die ich Ihnen heute empfehle, sind: Sie haben einen gemeinsamen Kern. Kinder, Heranwachsende und auch noch junge Erwachsene sind besonders verwundbar, wenn sie ihre Eltern verlieren, wenn sie Opfer von Kriminellen werden oder in Kriegen und Wirtschaftskrisen leben und von Regierungen terrorisiert werden. Anders gesagt: Eine glückliche Kindheit ist die beste Heimat, die wir der jungen Generation mitgeben können.

Wie immer wünsche ich Ihnen einen erholsamen, friedlichen Sonntag.

Ihre Birgitta Stauber