In weiten Teilen Irans protestieren Menschen gegen horrende Preissteigerungen und die Wirtschaftsmisere. Kann die Krise zum Sturz des Mullah-Regimes führen? Und was steckt hinter den jüngsten Drohungen von US-Präsident Donald Trump? Die Antworten auf die wichtigsten Fragen.

Was hat die jüngsten Proteste im Iran ausgelöst?

Der dramatische Verfall der iranischen Währung Rial hat am letzten Sonntag im Dezember zu einer Kettenreaktion geführt. Erst machten die Basarhändler in Teheran ihre Läden dicht, dann gingen Studenten auf die Straße. In den Tagen danach weiteten sich die Demonstrationen auf viele Teile des Landes aus. Die Proteste richteten sich in erster Linie gegen den desolaten Zustand der Wirtschaft. Vereinzelt wurde auch der Ruf „Tod dem Diktator“ laut, der sich auf Ali Chamenei bezog, den Obersten Führer des Mullah-Regimes.

Die Inflation hat nach Schätzungen westlicher Experten die 50-Prozent-Marke überschritten – vor allem Lebensmittel haben sich rasant verteuert. Chamenei kündigte einen harten Kurs gegen „Unruhestifter“ an. Nach Angaben von Menschenrechtsaktivisten gab es bei Zusammenstößen zwischen Sicherheitskräften und Demonstranten mindestens zehn Todesopfer.

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Wie tief ist die Wirtschaftskrise?

Die Wirtschaftskrise Irans reicht weit über den Absturz der Landeswährung hinaus. „Wir beobachten eine strukturelle Zerstörung des sozialen Gefüges“, sagte Mohammad Reza Farzanegan, Leiter des Fachgebiets Wirtschaft des Nahen und Mittleren Ostens der Philipps-Universität Marburg, unserer Redaktion. Hierfür gebe es zwei Gründe: die harschen internationalen Sanktionen gegen das Mullah-Regime und überbordende Korruption.

Nach einer im Dezember veröffentlichten Studie, in der Farzanegan als Co-Autor auftritt, hat die internationale Sanktionspolitik zwischen 2012 und 2019 zu einem jährlichen Rückgang der iranischen Mittelschicht um durchschnittlich 17 Prozent geführt. „Was wir heute auf den Straßen von Teheran und anderen Städten sehen, ist die Verzweiflung der ‚neuen Armen‘“, so der Marburger Professor. „Lehrer, Krankenschwestern und kleine Ladenbesitzer, die einst das stabile, moderate Zentrum der Gesellschaft bildeten, wurden massenhaft in die Unterschicht herabgestuft.“ Erschwerend hinzu komme die „systematische Korruption“ regimenaher Kräfte. Die Revolutionsgarden, Irans Elitestreitmacht, haben die Wirtschaft im Griff und sind an Hotels, Fluggesellschaften oder Rüstungsfirmen beteiligt.

Das Regime versucht, die infolge der Sanktionen wegbrechenden Öleinnahmen mit einer Art Mogelpackung zu kompensieren. So plant Teheran für das am 21. März 2026 beginnende neue Haushaltsjahr, den Anteil der Steuerzuflüsse an den Gesamteinnahmen des Staates auf 50 Prozent zu steigern. „Da die Armut infolge von Sanktionen und innenpolitischen Problemen zugenommen hat und das Land in einer Rezession steckt, wirkt der Versuch, den Staatsapparat durch höhere Besteuerung zu finanzieren, wie zusätzliches Öl im Feuer der Proteste“, betont Farzanegan.

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#17 Omid Nouripour über seine Flucht aus dem Iran – und wie man auf Farsi rappt
Meine schwerste Entscheidung
 

Können sich die Demonstrationen zu einem Massenprotest auswachsen, der das Mullah-Regime gefährdet?

Schon heute hat die Protestwelle Basarhändler, Ladenbesitzer, Studierende und gewisse Berufsgruppen erfasst. Sie könnte weitere Kreise ziehen. „In großen Teilen der iranischen Bevölkerung hat sich das Gefühl durchgesetzt, dass der Staat nicht in der Lage ist, ihre Probleme zu lösen und den wirtschaftlichen Zusammenbruch zu stoppen“, sagte Ali Fathollah-Nejad, Direktor der Berliner Denkfabrik Center for Middle East and Global Order, unserer Redaktion. „Es gibt eine große Desillusionierung, die immer mehr gesellschaftliche Gruppen erfasst. Dies könnte den Weg bereiten für Massenproteste oder gar einen Generalstreik.“

Innerhalb der politischen Elite herrsche Ratlosigkeit. „Entscheidend wird aber sein, wie lange die Proteste dauern, wie organisiert sie sind und ob sie eine Führung zustande bringen“, so Fathollah-Nejad, Autor des 2025 erschienenen Buchs „Iran – Wie der Westen seine Werte und Interessen verrät“.

Könnte Irans Krise die Wirtschaft des Nahen Ostens nach unten reißen?

Den Volkswirtschaften am Persischen Golf droht keine klassische finanzielle Ansteckung wie etwa während der globalen Finanzkrise 2008/2009. Der Iran ist infolge der Sanktionen vom Dollarsystem abgekoppelt. Die größere Gefahr komme von „geopolitischer Instabilität“, meint der Nahostexperte Farzanegan. „Der Iran befindet sich in einer ‚geopolitischen Zange‘ zwischen dem wirtschaftlichen Krieg der USA (‚Maximum Pressure‘) und dem Schattenkrieg mit Israel.“

Externer Druck veranlasse das Regime, knappe Ressourcen weg von der zivilen Wohlfahrt und hin zum Militärsektor und den Revolutionsgarden zu lenken. Dies schüre ein regionales Wettrüsten. Zudem führten Sanktionen oft zu einer Ausweitung der Schattenwirtschaft, was kriminelle Netzwerke und den illegalen Handel in der gesamten Region stärke. „Eine Destabilisierung des Iran hätte somit weniger Auswirkungen auf die Börsenkurse der Nachbarn, aber gravierende Folgen für die Sicherheit und die Flüchtlingsbewegungen am Golf“, erklärt Farzanegan.

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Heizen die jüngsten Drohungen von US-Präsident Donald Trump die Lage weiter an?

Trump baut eine scharfe Drohkulisse auf. Wenn der Iran friedliche Demonstranten töte, „werden die Vereinigten Staaten von Amerika ihnen zu Hilfe kommen“, schrieb er auf seiner Plattform Truth Social. Im Zwölftagekrieg im Juni 2025 hatten die USA Israel beim Angriff auf iranische Atomanlagen mit bunkerbrechenden Bomben unterstützt. Kürzlich brachte Trump weitere US-Militärschläge ins Spiel, sollte Teheran sein Nuklearprogramm fortsetzen. Israels Auslandsgeheimdienst Mossad rief die Menschen im Iran zur Fortsetzung der Proteste auf. Seine Agenten würden „vor Ort“ helfen.

Proteste in Teheran
In Teheran sammeln sich seit Tagen Menschen, um gegen die schlechten wirtschaftlichen Bedingungen im Iran zu demonstrieren.© Social Media/ZUMA Press Wire/dpa | SOCIAL MEDIA

Nach Ansicht westlicher Experten sind derlei Appelle Wasser auf die Mühlen der staatlichen Propaganda-Maschinerie: Amerika und Israel werden regelmäßig als Erzfeinde verteufelt. Externer Druck könne einen „nationalistischen ‚Rally-around-the-flag‘-Effekt“ auslösen, warnt Farzanegan. „Das Regime weitet seine Repressionskapazitäten unter dem Vorwand der ‚nationalen Verteidigung‘ massiv aus.“

Dies ließ sich während des Zwölftagekriegs im Juni beobachten: Viele Iranerinnen und Iraner, die ein Ende der Mullah-Herrschaft herbeisehnen, hatten die israelisch-amerikanischen Militärangriffe als illegitime ausländische Einmischung kritisiert. Farzanegan glaubt daher nicht an einen schnellen Kollaps des Systems: „Solange externe Akteure wie Israel oder die USA den Protest für ihre Zwecke instrumentalisieren, kann das Regime dies nutzen, um legitime wirtschaftliche Forderungen als ‚ausländische Agitation‘ zu delegitimieren und niederzuschlagen. Wir sehen also eher eine langanhaltende Erosion der Legitimität als einen plötzlichen Zusammenbruch.“