In den kommenden Tagen ist alles im grünen Bereich. Der Wind weht ungünstig für die Nachbarn Litauens, sie werden keine Schmuggelballons über die Grenze schicken und die Sicherheit des Luftverkehrs gefährden können. So prognostiziert es jedenfalls die Seite „noballon.lit“. Sie ist eine augenzwinkernd-lässige Reaktion auf eine Entwicklung, die Sicherheitsbehörden besorgt und die sie als „hybride Kriegsführung“ gegen Litauen bezeichnen.
Seit Jahren schon fliegen immer wieder drei, vier Meter hohe Ballons aus Belarus nach Litauen. Sie sehen aus wie Wetterballons und transportieren Schmuggelware: Zigaretten. Ausgestattet mit belarussischen, polnischen oder litauischen SIM-Karten können sie von Kriminellen am Boden verfolgt und die Schmuggelware nach der Landung abgegriffen werden.
Litauen: Was der Ukraine-Krieg mit den Schmuggel-Ballons zu tun hat
In diesem Jahr scheinen sie aber auf einer zusätzlichen Mission zu sein: Sie fliegen immer häufiger genau in die Flugschneisen litauischer Flughäfen. Immer wieder musste in den vergangenen Monaten der Flugverkehr auf den größten Airports Vilnius und Kaunas gestoppt werden. Jetzt hat die Regierung des kleinen Baltenstaates den Notstand ausgerufen.
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„Das sind koordinierte Attacken, die in diesem Jahr deutlich verstärkt wurden“, sagt Laura Tatarélyté. Sie arbeitet als Sicherheits-Expertin für die Friedrich-Naumann-Stiftung und für die paramilitärische „Litauische Schützenvereinigung“. Sie glaubt: Der vermeintliche Schmuggel dient nur als Tarnung für Operationen, mit denen Litauen destabilisiert werden soll.
Nato-Grenze: 630 Ballons störten in diesem Jahr den Flugverkehr in Litauen
In diesem Jahr wurden bereits 630 dieser Ballons gezählt, im Vorjahr waren es nur etwa 200. „Das Ziel ist bestimmt nicht, Zigaretten nach Litauen zu schmuggeln, sondern den Flugverkehr zu stören. Es ist ein komplexes Problem.“ Das Ziel: Die Verunsicherung der Bevölkerung. Es wäre nicht das erste Mal, dass Minsk das Nachbarland unter Druck setzt. Vor wenigen Jahren ließ Belarus die Grenzen für Migranten öffnen, die zuvor beispielsweise aus dem Irak mit Visa nach Minsk reisen konnten und direkt an die Landesgrenzen gebracht wurden.
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Die Sicherheitsexpertin geht davon aus, dass der Befehl zum Einsatz der Ballons von höchster Stelle kommt – von Alexander Lukaschenko, dem belarussischen Langzeitdiktator und engen Verbündeten Wladimir Putins, von dem es heißt, dass er den Zigarettenschmuggel kontrolliert. Lukaschenko dementiert energisch, dass die Ballon-Flüge staatlich orchestriert seien. Glaubhaft sei das aber nicht, sagt Tatarélyté.
Zwar versucht Lukaschenko, sich nicht militärisch in den Angriffskrieg Moskaus gegen die Ukraine hineinziehen zu lassen, weil sein Machtfundament in Belarus brüchig und der russische Feldzug in Teilen der belarussischen Bevölkerung unpopulär ist; für einen „hybriden Krieg“, in dem die Grenzen zwischen Frieden und Krieg verschwimmen, scheint er aber willfährig zu sein. „Der Kreml steuert Belarus“, sagt die litauische Sicherheitsexpertin.
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Bundeswehr ist von den Störungen im Flugverkehr Litauens betroffen
Von den Störungen des Flugverkehrs in Litauen ist auch die Bundeswehr betroffen. Sie baut in dem Land derzeit die Panzerbrigade 45 „Litauen“ auf. Rund 500 Soldaten sind bereits vor Ort, im Januar und Februar werden ihr zwei deutsche Bataillone und eine multinationale Nato-Kampfgruppe unterstellt werden. Ende 2027 sollen die dann rund 5000 Soldaten auf einem Kasernengelände in Rūdninkai im Südwesten des Landes stationiert werden – die Panzerbrigade 45 wird die militärische Speerspitze der Nato im Baltikum sein.
Man habe „Kenntnis von den temporären Sperrungen des litauischen Luftraumes“ und beobachte die Situation „ganz genau“, teilte ein Sprecher auf Anfrage unserer Redaktion mit. Soldaten der Panzerbrigade 45 seien in der Vergangenheit „in Einzelfällen“ von Flugausfällen oder Flugverschiebungen betroffen gewesen, auf die Erfüllung des Auftrages oder die Einsatzbereitschaft hätten die Vorfälle aber keine Auswirkungen. Wie es aus Bundeswehrkreisen heißt, fliegen die Soldaten aber häufiger tagsüber, weil nachts die Wahrscheinlichkeit von Luftraumsperrungen deutlich größer geworden ist.
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Die Bundeswehr registriert laut dem Brigade-Sprecher auch, dass die litauischen Behörden Gegenmaßnahmen ergreifen, um solche Vorfälle zu unterbinden. Das gestaltet sich aber schwierig, räumt Sicherheitsexpertin Tatarélyté ein. Die Ballons trügen Lasten von 50 oder 60 Kilogramm und flögen in einer Höhe von bis zu zehn Kilometern. Bei einem Abschuss könnten Zivilisten oder Infrastruktur am Boden geschädigt werden.
Der Notstand verschafft dem Militär mehr Befugnisse
Es ist ein Dilemma, vor dem auch deutsche Sicherheitsbehörden angesichts der Zunahme von Drohnenattacken auf Flughäfen stehen. Jetzt sollen in Litauen „innovative Methoden“ entwickelt werden, um der Plage Herr zu werden. Durch die Ausrufung des Notstands in Litauen erhält das Militär mehr Befugnisse, die Grenzen werden besser bewacht.

Das mutmaßliche Hauptziel der Ballon-Attacken, die Verunsicherung der litauischen Bevölkerung und die Destabilisierung des Baltenstaates scheint bislang noch erreicht worden zu sein. Die energische Unterstützung der von Russland überfallenen Ukraine oder die Regierung werden nicht in Frage gestellt. „Bei uns finden pro-russische Narrative keinen Anklang, auch die Opposition ist deutlich für die Nato“, sagt Tatarélyté.
Sie geht auch nicht davon aus, dass die Ballon-Flüge kurzfristig Vorboten militärischer Operationen sind. „Es wird – hoffentlich – nicht so sein, dass morgen belarussische Panzer kommen“. Es sei aber nicht auszuschließen, dass es in fünf Jahren zu einem russisch-belarussischen Angriff auf die Nato komme: „Wir müssen unsere Hausaufgaben machen und uns auf den Krieg der Zukunft vorbereiten.“








