Noch im Sommer meldete der Dachverband der Betriebskrankenkassen (BKK) leicht sinkende Krankenstände: 22,3 Fehltage im Schnitt, im Vorjahr 22,4. Am Dienstag veröffentlichte die ARD jedoch eine Recherche des Bayerischen Rundfunks (BR), wonach Beschäftigte „immer häufiger krankgeschrieben“ seien – basierend auf Daten von fünf Millionen BKK-Versicherten.

Was stimmt also? „Wir hatten im Jahr 2016 noch im Durchschnitt 18 Fehltage wegen Krankheit, jetzt sind es rund 22. Der große Sprung nach oben fand vor ungefähr drei Jahren statt“, sagt Matthias Richter, zuständig für Gesundheitsdaten beim BKK-Dachverband. Er und der BR sehen die elektronische Krankmeldung seit Januar 2023 als wichtigen Faktor: Früher seien Bescheinigungen oft nicht eingereicht worden.

Anja Piel, Vorstandsmitglied beim Deutschen Gewerkschaftsbund DGB, pflichtet Richter bei: „Was vorher in der Zettelwirtschaft unterging, wird damit sichtbar. Dann gibt es einen messbaren ‚Nachholeffekt‘ bei Atemwegsinfekten, weil Kontaktbeschränkungen und die Pflicht zum Maskentragen nach der Pandemie weggefallen sind.“ 

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Die BR-Auswertung zeigt zudem deutliche regionale Unterschiede. Baden-Württemberg liegt bei 18,5 Fehltagen, das Saarland und Sachsen-Anhalt bei rund 28. Hamburg hat 20,61, Berlin 24,18 Tage. In strukturschwachen Regionen wie Herne, dem Salzlandkreis oder Mansfeld-Südharz sind es teils über 30 Tage. Im Landkreis Starnberg dagegen nur 14,5. Härtere Arbeitsbedingungen und geringere Einkommen seien mögliche Gründe, sagt der Dresdner Psychologe Hendrik Berth.

Auch zwischen Branchen gibt es große Abweichungen: Beschäftigte in Reinigung, Verkehr, Logistik und Fertigung melden sich besonders häufig krank; Reinigungskräfte im Schnitt mehr als einen Monat.

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Fehltage aufgrund von Arthrose und psychischen Erkrankungen nehmen zu

Deutlich seltener erkranken Menschen in der Unternehmensführung, aber auch in naturwissenschaftlichen Dienstleistungsberufen, beispielsweise Informatiker, Biologen oder Geologen. Schaut man auf die Krankheitsbilder, dann ist der hohe Anteil von Erkrankungen des Muskel-Skelett-Apparates auffällig, beispielsweise Rückenschmerzen oder Arthrose.

Allerdings, so heißt es im Beitrag, blieben die Werte trotz alternder Belegschaften seit Jahren stabil. Auch psychische Störungen hingegen nehmen kontinuierlich zu, sie sorgen mitunter für sehr lange Ausfallzeiten. Corona schließlich sorgte für einen Sondereffekt: „Mit Covid-19 ist eine weitere große Atemwegserkrankung dazu gekommen, die es vorher nicht gab“, sagte der Infektiologe Leif Erik Sander dem BR. Sie mache ungefähr eine „so hohe Krankheitslast“ wie die saisonale Grippe, die Influenza aus, und sie sei „jedes Jahr volkswirtschaftlich spürbar“.

Der Krankenstand in Deutschland klettert Jahr für Jahr nach oben – und unsere Betriebe zahlen die Zeche.

Gitta Connemann, Bundesvorsitzende der Mittelstands- und Wirtschaftsunion (MIT)

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Immerhin hat die neue Erhebung eine Debatte über den hohen Krankenstand in Deutschland verlängert. Schon Ende 2024 hatte Mercedes-Chef Ola Källenius dies in Interviews beklagt. Der hohe Krankenstand in seinen deutschen Mercedes-Werken sei mitunter doppelt so hoch wie in anderen Ländern. Gitta Connemann, Bundesvorsitzende der Mittelstands- und Wirtschaftsunion (MIT) – gab dieser Redaktion am Dienstag eine ähnliche Einschätzung: „Der Krankenstand in Deutschland klettert Jahr für Jahr nach oben – und unsere Betriebe zahlen die Zeche. Allein 2024 mussten sie 82 Milliarden Euro für Entgeltfortzahlungen schultern. Das sind zehn Milliarden Euro mehr als noch vor drei Jahren.“

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Diese Entwicklung habe viele Ursachen, so Connemann, das reiche von gesundheitlichen Folgen wie Post-Covid bis hin zur telefonischen Krankschreibung. Connemann: „Fakt ist: Die Hürden für eine Krankmeldung sind zu niedrig. Die telefonische Krankschreibung war in der Pandemie richtig. Aber heute haben wir andere Möglichkeiten. Moderne Videosprechstunden erlauben eine deutlich präzisere Diagnose. Es ist Zeit, das System wieder auf solide Beine zu stellen.“

DGB-Vorstandsmitglied Piel hingegen sieht die Arbeitgeber in der Pflicht: „Anlass zur Sorge gibt die hohe Zahl an Krankschreibungen für psychische Erkrankungen und Erkrankungen des Muskel-Skelett-Systems wie Rückenbeschwerden’“, sagte sie unserer Redaktion. „Dagegen können und müssen Arbeitgeber mehr tun: bessere betriebliche Prävention, wo möglich Arbeitsstress reduzieren und mehr wirksame Schutzmaßnahmen für die Gesundheit der Beschäftigten umsetzen.“

Piel warnte davor, krank gemeldete Beschäftigte unter Generalverdacht zu stellen. Befragungen des DGB zeigten, dass im letzten Jahr 63 Prozent der Beschäftigten trotz Krankheit gearbeitet hätten. „Die Folgekosten dieser schlechten Praxis, nämlich krank zur Arbeit zu gehen, Kolleginnen und Kollegen anzustecken und das Risiko von Unfällen am Arbeitsplatz hochzutreiben, sind nachweislich etwa doppelt so hoch wie die Kosten krankheitsbedingter Fehlzeiten“, mahnte das DGB-Vorstandsmitglied. Den höheren Krankenstand in diesem Herbst erklärte Piel auch mit der neuen elektronischen Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung, die Krankmeldungen vollständig erfasse. 

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Deutschland: Blaumacher-Nation? Erhebung klärt auf

Die OECD hat in Statistiken versucht, die Krankenstände von starken Wirtschaftsnationen zu vergleichen. Demnach sieht es bei den bezahlten Fehltagen wegen Krankheit je Arbeitnehmer im Jahr wirklich duster aus für Deutschland. Zumindest auf den ersten Blick: Laut OECD war Deutschland im Jahr 2022 Spitzenreiter mit 24,9 bezahlten Krankentagen, gefolgt von Lettland (20,4) und Tschechien (19,2). Am Ende der Tabelle stehen Ungarn mit lediglich 9,4 Tagen, Litauen (8,8) sowie Bulgarien (6,1). Laut einem im Januar vorgelegten Bericht des IGES-Instituts, das sich auf Infrastruktur- und Gesundheitsfragen spezialisiert hat, sind die Zahlen allerdings für einen Vergleich gar nicht geeignet: Nicht berücksichtigt werde bei ihnen, dass viele europäische Länder Karenztage im Krankheitsfalle gebe, bei denen zunächst gar kein Lohn gezahlt werde.

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Auch methodische Unterschiede im Meldesystem und der Datenerfassung führt das IGES zu Felde. Besser geeignet sei eine andere OECD-Erhebung. Darin wurde in 29 europäischen Ländern ermittelt, an wie vielen Tagen ein Arbeitnehmer in einer Woche aufgrund von Krankheit nicht gearbeitet hat. Und da sieht es für Deutschland besser aus: Mit 6,8 Prozent verlorener Arbeitszeit wegen Krankheit liege Deutschland im oberen Mittelfeld, sagt das IGES. Spitzenreiter in dieser Statistik ist Norwegen mit 10,7 Prozent verlorener Arbeitszeit, gefolgt von Finnland und Slowenien. Am „gesunden“ Schlusslicht sind Bulgarien (0,6 Prozent) und Griechenland (0,4 Prozent). Das Bild von den rekordverdächtigen „Blaumachern“ in Deutschland stimmt nach dieser Statistik jedenfalls nicht.