Chantal Binwas Sicht auf Männer hat sich in den vergangenen Jahren sehr verändert. „Mein Vertrauen in sie ist beschädigt.“ Sie hat zu viel gehört, zu viel gesehen, was Männer Frauen angetan haben. Sie ist vorsichtiger geworden. Binwa arbeitet für eine Frauenrechtsorganisation im Osten der Demokratischen Republik Kongo. Seit vielen Jahren toben hier Kämpfe zwischen Regierungstruppen und verschiedenen Milizen. „Alle Gruppen setzen sexuelle Gewalt als Kriegswaffe ein.“   

Hinweis der Redaktion

Dieser Text enthält explizite Schilderungen von sexualisierter Gewalt und Inhalte, die emotional belastend wirken können.

Der Osten der Demokratischen Republik Kongo (DRK) ist seit Jahrzehnten Kriegsschauplatz. Hier lagern einige der wertvollsten Metalle der Welt, Coltan und Tantal, die für die Produktion von Mobiltelefonen gebraucht werden, und Gold, Nickel und Kupfer. In den vergangenen Jahren bekämpften sich in der Region kongolesische Regierungstruppen und Rebellen der Bewegung M23, die vom Nachbarland Ruanda unterstützt werden.  

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Kongo und Ruanda: „Jeden Tag kommen neue Fälle sexualisierter Gewalt hinzu“

Im Sommer unterzeichneten die Regierungen der DRK und Ruandas ein von der Trump-Administration ausgehandeltes Friedensabkommen. Befriedet ist der Konflikt aber noch nicht. Noch immer leidet die Zivilbevölkerung, noch immer widerfährt vielen Frauen unsägliches Leid. Die Fälle von Vergewaltigung und konfliktbedingter sexueller Gewalt seien im Kongo im Vergleich zum Vorjahr um ein Drittel gestiegen, berichteten die Vereinten Nationen im Oktober. 

„Wir wissen von mindestens 2000 Fällen sexualisierter Gewalt, und jeden Tag kommen neue Fälle dazu“, berichtet Emmanuel Limi, der für die deutsche Hilfsorganisation „Action medeor“ Projekte im Ostkongo umsetzt. In Uvira in der Provinz Süd-Kivu hat er kürzlich eine Gruppe von Frauen getroffen, die Opfer von Vergewaltigungen wurden. Er hört grauenvolle Geschichten.  

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Kongo: Hilfsorganisationen berichten von unerträglichen Szenen

Manche der Frauen wurden von vier Männern gleichzeitig vergewaltigt und vor den Augen ihrer Kinder. „Einige erzählten, dass ihre Männer und Kinder erschossen oder dass sie mit Messern vergewaltigt wurden. Es war für mich unerträglich, ich habe geweint wie ein Kind.“ Limi berichtet in einer Videoschalte von diesen Gesprächen. Er muss irgendwann abbrechen, bricht in Tränen aus. „Wie können Menschen so grausam sein?“ 

Für Chantal Binwa sind diese Erzählungen nichts Neues. Sie ist die Leiterin der kongolesischen Frauenrechtsorganisation „Association des Femmes pour la Promotion et le Développement Endogène (AFPDE)“, einer Partnerorganisation von „Action medeor“. Die Organisation hat ihren Sitz im Osten des Landes. Sie hat mit vielen Opfern sexualisierter Gewalt gesprochen. „Es gibt in den Dörfern kollektive Vergewaltigungen und Sexsklaverei. Kleine Mädchen werden in Ehen gezwungen“. Binwa sagt, es seien bewusste Übergriffe. „Die Vergewaltiger verbreiten Angst in den Gemeinschaften. Und sie wollen die Männer schwächen.“ 

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Sexualisierte Gewalt ist aus fast jedem Krieg und Konflikt bekannt

Das Grauen im Ostkongo gehört zu einem Muster, das aus nahezu jedem Konflikt bekannt ist. Es gibt keinen Krieg ohne sexuelle Gewalt. Als der „Islamische Staat“ vor zehn Jahren sein Terrorkalifat im Irak und in Syrien errichtet, verschleppen die religiösen Fanatiker Tausende jesidische Frauen, sie vergewaltigen sie und verkaufen sie auf Märkten. In der Ukraine sollen russischen Soldaten für Hunderte Vergewaltigungen verantwortlich sein. Inhaftierte ukrainische Frauen und Männer erleiden nach Angaben des UN-Menschenrechtsrats „systematischen Anwendung sexueller Gewalt als eine Form der Folter durch russische Behörden“.  

Als die paramilitärischen Rapid Support Forces (RSF) Ende Oktober die westsudanesische Stadt A-Faschir einnehmen, fallen sie über die Frauen her. Zeugen berichten von massenhaften Vergewaltigungen. Nach dem Terror-Überfall der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 ist es nach Zeugen- und Betroffenenberichten zu sexuellen Übergriffen gekommen, in israelischen Gefängnissen sollen palästinensische Häftlinge nach UN-Angaben Opfer sexueller Gewalt geworden sein.   

Manchmal habe ich Angst, wenn ich Männern begegne.

Chantal Banwi, Leiterin der kongolesischen Frauenrechtsorganisation „Association des Femmes pour la Promotion et le Développement Endogène (AFPDE)

Sexualisierte Gewalt in Kriegen nimmt drastisch zu

„Sexualisierte Gewalt wird weiterhin als Kriegs- und Terrorismusstrategie eingesetzt, mit zunehmenden Konflikten und humanitären Krisen“, heißt es in einem Bericht des Generalsekretärs der Vereinten Nationen. Im vergangenen Jahr hat demnach die sexualisierte Gewalt in Kriegen gegen Frauen und Mädchen um ein Viertel zugenommen, vor allem im Kongo, in der Zentralafrikanischen Republik, im Südsudan, Somalia und Haiti.  

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Chantal Banwi und Emmanuel Limi wollen den Opfern helfen. Ihr Leid endet nicht mit den Übergriffen. „Viele Frauen brauchen dringend Operationen, weil sie so schwer verletzt wurden“., erzählt Limi, und dass sich manche der Opfer nach ihrem Martyrium schämen würden. „Einige haben versucht, sich das Leben zu nehmen.“ Häufig, sagt Banwi, würden die Frauen von ihren eigenen Männern verlassen. „Die Männer ertragen das nicht. Mir hat ein Mann erzählt, dass er sich nicht mehr als Mann fühle, nachdem seine Frau vor seinen Augen vergewaltigt wurde.“  

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Ihre Organisation bietet den betroffenen Frauen Unterstützung an. Medizinische Versorgung, psychosoziale Begleitung, juristische Hilfen. Banwi ist aber klar, dass den Opfern nur selten Gerechtigkeit zuteilwird. „Es ist schwer, die Täter zu identifizieren und sie vor Gericht zu bringen.“ Für sie selbst, sagt sie, haben die Gespräche mit den Opfern viel verändert.  

„Das hat einen enormen psychischen Einfluss auf mich.“ Wenn sie rausgeht, zieht sie sich mehrere Lagen Kleidung an. Zu Hause schaut sie immer nach, ob alle Türen und Fenster geschlossen sind. „Manchmal habe ich Angst, wenn ich Männern begegne.“ Emmanuel Limi sagt: „Es gibt Momente, in denen ich mich schäme, ein Mann zu sein.“  

Anmerkung der Redaktion

Von (häuslicher) Gewalt betroffene Personen können sich an die Telefonseelsorge wenden. Sie erreichen sie telefonisch unter 0800/111-0-111 und 0800/111-0-222 oder im Internet auf www.telefonseelsorge.de. Die Beratung ist anonym und kostenfrei, Anrufe werden nicht auf der Telefonrechnung vermerkt. Das Opfer-Telefon des Weißen Rings ist unter 116 006 erreichbar. Opfer und Zeugen von häuslichen Gewalttaten können – bei Tag und Nacht – über den Notruf 110 Hilfe holen.

Frauen erhalten zudem Unterstützung beim bundesweiten Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“ der Bundesregierung unter der 116 016. Der Anruf ist kostenlos und auf Wunsch anonym. Über die Internetseite www.hilfetelefon.de können sich Betroffene zudem online per E-Mail oder Chat beraten lassen.

Das Männerhilfetelefon ist unter der bundesweiten Telefonnummer 0800 123 99 00 zu erreichen. Hilfe erhalten Betroffene auch im Internet auf der Seite der Bundesfach- und Koordinierungsstelle Männergewaltschutz.