Es sind Verbrechen, die häufig hinter verschlossenen Türen bleiben – und nur selten große Schlagzeilen in Medien machen: Schläge gegen die Partnerin oder das Kind, Drohungen, Online-Stalking oder sexuelle Übergriffe. Und in einigen Fällen ermordet der Mann seine Frau.
Zwei neue Lagebilder versuchen nun, aufzublättern, wer Opfer solcher Vergehen wird – und wer die Täter sind. An diesem Freitag stellen Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) und Familienministerin Karin Prien (CDU) die Ergebnisse vor. Dabei zeigt sich: Die Zahl der Opfer, von denen die Behörden erfahren, steigt.
Häusliche Gewalt und Gewalt gegen Frauen: der Großteil der Verdächtigen ist männlich
2024 gab es nach der Auswertung des Bundeskriminalamts in Deutschland 265.942 Opfer von häuslicher Gewalt – das ist ein Anstieg von 3,8 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Verglichen mit 2020 verzeichnet die Statistik sogar einen Anstieg von 17,8 Prozent.
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Die Behörden unterscheiden bei häuslicher Gewalt zwischen Partnerschaftsgewalt, die sich zwischen aktuellen oder ehemaligen Partnern in einer Beziehung abspielt, und innerfamiliärer Gewalt, die etwa Taten zwischen Eltern und Kindern oder Geschwistern beschreibt. In beiden Bereichen war der Großteil der Tatverdächtigen männlich; bei innerfamiliärer Gewalt machten Männer 71,9 Prozent der Tatverdächtigen aus, bei Partnerschaftsgewalt 77,7 Prozent. Fast ein Viertel aller Opfer, die die Kriminalstatistik erfasst, sind von häuslicher Gewalt betroffen.
Zum zweiten Mal nach 2024 legt das BKA zudem ein Lagebild vor, das sich ausdrücklich mit geschlechtsspezifischer Gewalt gegen Frauen befasst. Dabei werden zum einen Verbrechen betrachtet, die überwiegend zum Nachteil von Frauen begangen werden, oder die „in ihrer Ausprägung primär Frauen betreffen“, wie die Behörde es formuliert – gemeint sind Sexualstraftaten, häusliche Gewalt, aber auch digitale Gewalt. Zum anderen befasst sich die Analyse mit Hasskriminalität gegen Frauen, also Taten, bei denen eine ausdrücklich frauenfeindliche Motivation vorliegt.
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In diesem zweiten Bereich ist die Zahl der Taten im Vergleich zu 2023 um 73,3 Prozent gestiegen, auf 558 Delikte. Außer bei den Tötungsdelikten, schreibt das BKA, sei auch in allen anderen Fallgruppen (Sexualstraftaten, häusliche Gewalt, Menschenhandel und digitale Gewalt) die Zahl der weiblichen Opfer gestiegen. Bei Tötungsdelikten ist die Zahl der weiblichen Opfer demnach um 8,4 Prozent gesunken. Das Lagebild zeige, heißt es im Text, dass Gewalt an Frauen weiterhin ansteige, und das deutlicher als Gewaltkriminalität insgesamt. Als Erklärungsansatz sehen die Analystinnen und Analysten des BKA eine „Ideologie der Ablehnung von Gleichberechtigung und Gleichwertigkeit der Geschlechter“.
Die Fälle, die Eingang in die Statistik finden, bezeichnet man als das sogenannte Hellfeld. Dem gegenüber steht das Dunkelfeld – jene Taten, Täter und Opfer also, von denen die Behörden nie Kenntnis bekommen, weil Angst und Scham auf Seiten der Betroffenen zu groß sind. Fachleute gehen davon aus, dass die Gewalt gegen Frauen deutlich über den offiziellen Zahlen der Polizei liegt. Gerade im familiären Umfeld scheuen viele Menschen eine Anzeige bei den Behörden, auch weil Frauen nicht selten in finanzieller Abhängigkeit zu ihren Partnern stehen.
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Sowohl im Lagebild Häusliche Gewalt als auch in der Auswertung zu geschlechtsspezifischer Gewalt wird darauf hingewiesen, dass eine höhere Sensibilität für derartige Verbrechen zu einem veränderten Anzeigeverhalten führen kann – dass also mehr Fälle überhaupt bekannt werden. Doch es ebenso plausibel, dass zunehmende „strukturelle Belastungsfaktoren“ wie Arbeitslosigkeit, finanzielle Unsicherheit oder Engpässe bei Wohnraum gewaltfördernd wirken würden.
Positiv ist: Mit Blick auf die vergangenen zwanzig Jahre ist die Akzeptanz von Gewalt in der Familie gesunken. Lange Zeit war die Gewaltkriminalität in Deutschland rückläufig. Allerdings sind Fachleute besorgt über einen Trend der vergangenen Jahre nach der Corona-Pandemie. Die Fallzahlen steigen. Auch kriminologische Umfragen zeigen, dass Kinder wieder häufiger über Schläge oder Drohungen durch Eltern berichten – ein Warnsignal auch bei häuslicher Gewalt gegen Frauen.





