UN-Generalsekretär António Guterres hat schon häufig klare Worte gefunden, wenn es um den Klimawandel ging. „Wir führen den Kampf unseres Lebens“, sagte der Portugiese 2022, „und wir verlieren“. Ein Jahr später warnte er, dass der Uhrzeiger im Ringen um die Einhaltung der 1,5-Grad-Grenze „Minuten vor Mitternacht“ stehe.

Zum Start der diesjährigen Weltklimakonferenz im brasilianischen Belém räumte Guterres ein, dass die Zeit für dieses Ziel abgelaufen ist. Die Wissenschaft sage, dass mindestens eine zeitweise Überschreitung von 1,5 Grad Erderwärmung inzwischen unausweichlich sei. „Wir sind gescheitert“, erklärte Guterres, nicht ohne Bitterkeit.

Nicht mehr als 1,5 Grad globale Erwärmung – das war jahrelang der Schlachtruf, hinter dem sich Klimaschützerinnen und -schützer, besonders betroffene arme Länder und Forschende versammelt hatten. Auch im Pariser Klimaabkommen von 2015 findet sich die Zahl.

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Zehn Jahre nach Paris ist klar: Das 1,5-Grad-Ziel wird kaum zu halten sein

10 Jahre nach dem Vertrag, der als klimapolitischer Durchbruch gefeiert worden war, ist klar: Dieses Ziel wird nicht zu halten sein. 2024 lag die globale Durchschnittstemperatur erstmals 1,5 Grad über dem vorindustriellen Mittel. Als überschritten gilt die Schwelle zwar erst, wenn das in einer Reihe von Jahren in Folge der Fall ist, aber Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler haben kaum Zweifel mehr, dass das so kommen wird.

Was bedeutet das Scheitern, von dem Guterres spricht? Und wie wird die Welt aussehen, jenseits von 1,5 Grad?

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Gabriele Hegerl forscht an der Universität von Edinburgh in Schottland zum Zusammenspiel von Klimadaten und Klimamodellen. Die Welt bei 1,6 Grad Erwärmung würde zunächst nicht so anders aussehen als die, die wir kennen und die schon jetzt von heftigen Folgen der Klimaerwärmung geprägt ist, sagt sie. „Viele Wetterextreme hängen stark von der globalen Mitteltemperatur ab“, sagt Hegerl, „jedes Zehntelgrad mehr bedeutet deshalb eine graduelle Steigung“.

Für Deutschland bedeutet das vor allem: noch mehr Hitze, noch mehr Starkregen. Schon jetzt ist Europa der Kontinent, der sich am schnellsten erwärmt. Während global 1,5 Grad mehr gemessen werden, sind es in Deutschland nach Angaben des Deutschen Wetterdienstes (DWD) bereits 2,6 Grad. „Eine globale Erwärmung von 1,6 Grad wird für Deutschland eher 3 Grad Erwärmung bedeuten“, erklärt Karsten Friedrich, Klimaexperte beim DWD. Man gehe davon aus, dass mit steigenden globalen Temperaturen Wetterlagen stationärer werden. „Das kann dann längere Trockenphasen bedeuten, aber auch längere feuchte Phasen“, sagt er. Weil wärmere Luft mehr Feuchtigkeit aufnehmen kann, bedeuten steigende Temperaturen auch mehr Starkregenereignisse wie jenes, das 2021 zu der verheerenden Flut im Ahrtal geführt hat. „Für jedes Zehntelgrad etwa 0,7 Prozent mehr Feuchtigkeit.“

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Ein Sauerländer in Brasilien
Rambo Zambo – Der Merz-Podcast
 

Mit jedem Zehntelgrad Erwärmung kommen die Kipppunkte näher

Bleibt es bei 1,6 oder 1,7 Grad Erwärmung, können Gesellschaften sich an viele dieser Folgen anpassen. Aktuell aber ist die Welt auf dem Weg in Richtung 2,8 Grad Erwärmung. Anpassung stößt da an ihre Grenzen. Friedrich nennt als Beispiel die Landwirtschaft, die zwar auf neue Feldfrüchte und Bewässerung setzen könne. „Aber wir können nicht ganz Deutschland bewässern. Wir sind darauf angewiesen, dass es regnet.“

Doch die Zunahme von Extremwetter ist nicht die einzige Bedrohung jenseits der 1,5-Grad-Schwelle. Sorgen machen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern vor allem die Kipppunkte. Unter diesem Begriff fasst man Teile des Klimasystems zusammen, bei denen eine kleine weitere Temperaturerhöhung eine große, nicht mehr umkehrbare Veränderung bewirkt. Das kann etwa der Punkt sein, an dem die tropischen Regenwälder unter dem Druck von Temperatursteigerungen und Entwaldung zugrunde gehen. Oder der Moment, in dem das Schmelzen der Eisschilde auf Grönland und in der Antarktis zu einem Prozess wird, der sich unaufhaltsam selbst verstärkt. Auch die Atlantische Umwälzströmung gehört zu den Abläufen, die dann abrupt abbrechen könnten – in Europa würde sich das durch deutlich härtere Winter bemerkbar machen.

 „Vor den Kipppunkten haben alle Angst“, sagt Gabriele Hegerl. Doch wann welche Elemente im Klimasystem kippen, ist schwer vorherzusagen. Die Unsicherheiten seien groß, sagt Hegerl, und nur schlecht in Modellen abzubilden. Sicher ist vor allem: Mit jedem Zehntelgrad steigt das Risiko, sie zu erreichen. „Je näher wir an 1,5 Grad bleiben, desto besser können wir Risiken einschätzen und uns anpassen“, sagt die Forscherin.

Je näher die Welt an 1,5 Grad bleibt, umso größer sind auch die Chancen, eines Tages wieder unter diese Schwelle zu kommen. Unter der Überschrift Overshoot werden Szenarien diskutiert, in denen die globale Durchschnittstemperatur zwar 1,5 Grad übersteigt, das aber nur für eine Weile. Sinken die Temperaturen, würden auch Klimafolgen wie Hitze oder Starkregen wieder weniger häufig auftreten.

Die Temperaturen können wieder unter 1,5 Grad Erwärmung gedrückt werden – mit großem Aufwand

Doch die derzeitige Entwicklung nicht nur zu stoppen, sondern sogar umzukehren, sei sehr herausfordernd, sagt Jonathan Donges, Klimaphysiker am Potsdam Institut für Klimafolgenforschung. Um die Temperaturen wieder zu senken, müsse die Welt nicht nur ihre Emissionen auf netto null herunterschrauben. „Den Planeten abkühlen können wir nur, wenn wir darüber hinaus aktiv CO2 aus der Atmosphäre entfernen“. Dazu gebe es zwar verschiedene Wege, doch keiner davon sei auf der notwendigen Skala erprobt. „Das ist alles noch Science Fiction“, sagt Donges.

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Die Menge an Treibhausgasen, die entnommen werden müsste, entspräche in etwa dem, was derzeit die gesamte Biosphäre der Erde aufnehme. „Man bräuchte also künstliche Wälder, die die gleiche Menge CO₂ aufnehmen wie die natürlichen“, sagt Donges. Das erfordere riesige Mengen Land, und es sei unklar, wo diese gezielt angelegten Wälder stehen könnten. Dazu kommt: Methoden der CO₂-Entfernung – egal ob über aufgeforstete Wälder oder das bis jetzt sehr teure Herausfiltern von CO₂ aus der Luft – erfordern enorme finanzielle Investitionen. Und die würden sich nicht sofort auszahlen. „Die Abkühlung tritt erst nach 20 oder 30 Jahren ein“, sagt Donges. „Politisch ist es nicht leicht durchzuhalten, das nötige Geld trotzdem in die Hand zu nehmen.“

Der Weg zurück in den vergleichsweise berechenbaren klimatischen Bereich unter 1,5 Grad wird deshalb schwerer mit jedem Zehntelgrad, um das die Welt die Schwelle überschreitet. „Wir müssen so schnell wie möglich Emissionen einsparen“, sagt Donges. Notwendig sei ab jetzt eine Halbierung der weltweiten Emissionen alle zehn Jahre.

2024, im ersten Jahr, in dem die 1,5 Grad Erwärmung global erreicht wurden, gab es eine weitere Rekordmeldung. Die Konzentration von CO₂ in der Atmosphäre war laut der Weltorganisation für Meteorologie im Vergleich zum Vorjahr um 3,5 Teilchen pro Million gestiegen. Es war der größte Anstieg seit Beginn der Messungen.