Die Verbrechen sollen als Jagdausflüge über das Wochenende getarnt gewesen sein: Doch geschossen wurde hier mutmaßlich nicht auf Wild, sondern auf Menschen – und zwar auf unbewaffnete Zivilisten in der Stadt Sarajevo in Bosnien. Die Mailänder Staatsanwaltschaft hat Ermittlungen gegen mutmaßliche italienische „Kriegstouristen“ eingeleitet, die in den 1990er Jahren als Scharfschützen an der Belagerung von Sarajevo teilgenommen und dafür bezahlt haben sollen, Zivilisten zu erschießen. Als Startpunkt für die Jagdausflüge diente offenbar die Stadt Triest, die nahe an der slowenische Grenze liegt.
Eine kürzlich eingeleitete Untersuchung versucht, Licht in eine Affäre zu bringen, die auf die Belagerung von Sarajevo zurückgeht – eine der blutigsten Episoden des Krieges in Bosnien-Herzegowina, der zwischen 1992 und 1996 rund 11.000 Menschen das Leben kostete. Anlass ist eine Anzeige des Schriftstellers Ezio Gavazzeni, der sich auf Informationen einer Quelle aus der bosnischen Geheimdienstszene stützt.

Auf Kinder zu schießen, sei teurer gewesen
In seinem 17-seitigen Schreiben an die Mailänder Staatsanwaltschaft beschreibt Gavazzeni, dass Ende 1993 mindestens fünf Ausländer – darunter drei Italiener – auf den Hügeln rund um Sarajevo unterwegs gewesen seien, um auf Zivilisten zu schießen. Die drei Italienern stammten aus Turin, Mailand und Triest, hieß es. Umgerechnet 80.000 bis 100.000 Euro soll so ein „Jagdausflug“ gekostet haben, schätzen italienische Ermittler. Auf Kinder zu schießen, sei noch teurer gewesen.

Laut der Anzeige handelte es sich bei den „Scharfschützen-Touristen“ um wohlhabende Personen, teils mit rechten politischen Ansichten und Leidenschaft für Waffen. Die Reise sei als Jagdausflug getarnt gewesen, um die Teilnehmer unauffällig nach Sarajevo zu bringen. Über die Reise sei auch der italienische Geheimdienst SISMI informiert gewesen. Nicht ausgeschlossen wird, dass in den Archiven des Geheimdienstes Dokumente existieren, in denen die „Identitäten“ dieser „Touristen-Schützen“ festgehalten sind.

Ex-Bürgermeisterin Sarajevos will als Zeugin aussagen
Ein slowenischer Dokumentarfilm, „Sarajevo Safari“, hatte bereits im Jahr 2022 Zeugenaussagen über die Praktiken der Scharfschützen geliefert. Die Mailänder Ermittler wollen in den kommenden Wochen die in der Anzeige genannten Personen vernehmen.
Auch interessant
Die ehemalige Bürgermeisterin von Sarajevo, Benjamina Karic, erklärte, dass sie bereits 2022 Strafanzeige gegen nicht identifizierte Personen erstattet hatte, die während der Belagerung Sarajevos auf Zivilisten, darunter Frauen und Kinder, geschossen haben sollen. Im August dieses Jahres habe sie dann über die italienische Botschaft in Sarajevo eine Strafanzeige bei der Staatsanwaltschaft in Mailand eingereicht, die daraufhin Ermittlungen aufnahm. Sie stehe für eine Zeugenaussage zur Verfügung, berichtet die Ex-Bürgermeisterin Sarajevos.
Mit dem Fall könnte sich auch bald die italienische Regierung um Premierministerin Giorgia Meloni beschäftigen. Die oppositionelle Fünf Sterne-Bewegung hat in einem Antrag die Minister für Justiz, Inneres, Auswärtige Angelegenheiten und Verteidigung eine parlamentarische Anfrage gerichtet, um zu erfahren, ob die in den Archiven der Geheimdienste vorhandenen Dokumente zu dem „Sarajevo Safari“ zugänglich gemacht werden können.


