Bei Zustandsbeschreibungen der Linken ist Vorsicht angebracht. Es ist noch nicht lange her, da schien ihr Untergang gewiss und die Wagenknecht-Partei BSW startete durch. Heute ist es andersrum: Das BSW taumelt, und die Linke ist im Aufwind. Sogar ihr früher als besonders schräg, unberechenbar und linksradikal geltender NRW-Ableger ,dem es aktuell leider nicht gelingt, genauso viel Mitgefühl mit Jüdinnen und Juden wie mit Palästinenserinnen und Palästinensern zu zeigen.
Natürlich ist der Aufwärtstrend der Linken nicht in Stein gemeißelt. Aber die Partei hat zuletzt, strategisch gesehen, vieles richtig und nur wenige Fehler gemacht.
Im bald beginnenden Landtagswahlkampf sollten jene Parteien, die heute im Landtag sitzen, die Linke nicht unterschätzen. Im kreativen, frechen, unterhaltsamen Einsatz von Social Media ist sie CDU, SPD und zum Teil den Grünen weit voraus.
Diese drei haben zwar verstanden, dass an Social-Media kein Weg vorbeiführt, aber noch nicht so richtig, dass sie diesen Weg gerne gehen müssen. Mit einer „Wir machen das zwar, aber der Algorithmus goutiert am Ende ja doch nur Hass und Hetze“-Haltung wird das nichts. Wer Social Media halbherzig bespielt, verliert die jungen Wähler, verliert die eigene Zukunft.
Politik ist auch Schauspiel, aber positive Emotionen fehlen auf der Bühne
Vorteil Nummer zwei: Die Linke hat Spitzenpersonal mit – Entschuldigung – Rampensau-Qualitäten. Hand aufs Herz: Hat jemand in den vergangenen Jahren den Eindruck gehabt, Friedrich Merz und Lars Klingbeil machten ihre Arbeit so gern wie Heidi Reichinnek? Sie wirken stets miesepetrig und sorgenbeladen. Womöglich aus gutem Grund, aber niemand hat sie in ihre Ämter und die Last der Verantwortung gezwungen.
Es bleibt nicht viel Zeit, diese Lektionen zu lernen. Die Mitte ist seltsam verzagt. Mit fatalen Folgen: Die politischen Ränder nutzen diese Schwäche schamlos aus.



