Russland hat einem Bericht zufolge seit einigen Jahren technisches Gerät am Wrack der Passagierfähre „Estonia“ angebracht, damit Roboter und Drohnen unter Wasser mit hoher Präzision navigieren können. Laut Recherchen von WDR, NDR und „Süddeutscher Zeitung“ gehen Sicherheitskreise auch davon aus, dass russische Militäreinheiten in der Sperrzone am Wrack des vor 30 Jahren in der Ostsee gesunkenen Schiffes mehrmals das Tauchen, Bergen und Arbeiten unter Wasser trainiert haben.

Möglicherweise, heißt es in dem Bericht, habe Russland dort sogar Sensoren installiert, um Schiffs- und U-Boot-Bewegungen zu überwachen oder Geräusche von Schiffspropellern und andere Merkmale von Kriegsschiffen und U-Booten der Nato aufzuzeichnen. Der Ort in der Einfahrt in den Finnischen Meerbusen wäre laut mehreren Militärvertretern dafür ideal, weil dort reger Schiffsverkehr herrscht, schreibt die „Süddeutsche Zeitung“. Wegen des Tauchverbots könne man ungestört unter Wasser agieren. Zudem könnten an der „Estonia“ Geräte fest montiert werden, was auf dem sandigen Ostsee-Boden sonst nicht möglich.

ÖSTERSJÖN 2023-01-23 Undervattensbilder fran vraket efter MS Estonia, fotograferade av Statens Haverikommission sommaren
Das Wrack der MS Estonia im Sommer 2022.© IMAGO/TT | IMAGO/STATENS HAVERIKOMMISSION

Russland soll „Estonia“-Wrack für Unterwasserspionage nutzen

Das Außenministerium von Estland erklärte auf Anfrage von WDR, NDR und „Süddeutscher Zeitung“, man beobachte die Vorgänge genau. Der finnische Grenzschutz gab an, heißt es in dem Bericht, aus operativen Gründen keine Details zu potentiellen Überwachungsmaßnahmen zu veröffentlichen.

Finnland habe jedoch ein umfassendes Verständnis über russische Geheimdienstaktivitäten im eigenen Land. Zwischen 2021 und 2024 sei der spezielle Schutz für das Wrack ausgesetzt gewesen, um neue Hinweise zum Untergang der „Estonia“ untersuchen zu können. Die russische Regierung ließ eine Anfrage des Rechercheverbunds unbeantwortet.

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Die „Estonia“ war im September 1994 mit 989 Menschen an Bord auf dem Weg von Tallinn nach Stockholm vor der finnischen Südküste gesunken. 852 Menschen starben, nur 137 überlebten. Es handelte sich um die größte Schiffskatastrophe der europäischen Nachkriegsgeschichte. Weil viele der Toten nicht geborgen werden konnten, steht das Wrack als Ruhestätte unter Schutz und darf nicht aufgesucht werden.

les/dpa