Die weiße Fahne mit dem schwarzen Schriftzug in Arabisch weht überall in Afghanistan. Auf den Pickups der bärtigen Soldaten, an den Checkpoints, auf den Regierungsgebäuden. Der Schriftzug bedeutet: „Es gibt keinen Gott außer Gott und Mohammad ist der Gesandte Gottes“. Es ist die Schahada, das islamische Glaubensbekenntnis. Die Fahne ist die Flagge des Islamischen Emirates, das die Taliban nach ihrer erneuten Machtübernahme im August vor vier Jahren ausgerufen haben. Bald könnte sie an der afghanischen Botschaft in Berlin wehen.

Die Botschaft Afghanistans ist eine vornehme Villa im Berliner Reichenviertel Grunewald. Noch ist dort die schwarz-rot-grüne Fahne der „Islamischen Republik Afghanistan“ gehisst. Die ist zwar im Sommer 2021 nach dem Abzug der westlichen Besatzungstruppen und der Rückkehr der Taliban untergegangen, wird aber noch immer international anerkannt. Das „Islamische Emirat“ der islamistischen Fundamentalisten wird offiziell nur von Russland anerkannt.

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Afghanistan: Taliban wollen ihre Flagge auf Berliner Villa hissen

Dass die Taliban jetzt nach Informationen der ARD in Grunewald dennoch ihre Flagge hissen und die diplomatische Vertretung in „Botschaft Afghanistans“ umbenennen wollen, zeugt von ihrem strotzenden Selbstbewusstsein. Sie wissen: Die deutsche Regierung braucht sie und ist aus innenpolitischen Gründen auf ihr Wohlgefallen angewiesen. Wer straffällig gewordene afghanische Flüchtlinge in die alte Heimat abschieben will, muss mit den Taliban verhandeln. Und das tut die Bundesregierung nun. Gerade erst reisten zwei Beamte des Bundesinnenministeriums, Abteilung Bundespolizei, nach Kabul.

Es war ein Treffen auf Fachebene, nicht auf Führungsebene. Das hebt die deutsche Seite hervor. Man führe „technische Gespräche“. Man muss sich das wie eine Erkundungstour deutscher Beamter durch den Flughafen in Kabul vorstellen: Welche Fluglinien können in der afghanischen Hauptstadt landen? Wie viele abgeschobene Personen dürfen an Bord sein? Und wie viel Begleitpersonal?

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Die deutschen Beamten sollen Kontakte gelegt haben zu offiziellen afghanischen Stellen, etwa für Notsituationen, in denen bei einem abgeschobenen Afghanen aus Deutschland etwas mit der Anerkennung der Papiere vor Ort in Kabul nicht funktioniert.

All das konnte die Bundesregierung mit den Taliban-Regierenden bisher nicht direkt regeln – sondern nur über Vermittler in der katarischen Metropole Doha. Über die Mittelsmänner in Katar organisierte die Bundesregierung zwei Abschiebeflüge im August 2024 und noch einmal im Juli dieses Jahres. Beide Charterflüge waren enorm aufwendig, Schriftverkehr ging immer wieder hin und her, die Vorbereitung soll Monate gedauert haben.

In diesem Sommer hatte Deutschland dann 81 verurteilte afghanische Straftäter abgeschoben, im August 2024 waren es 28. Mit den Abschiebungen erhofft die Bundesregierung als handlungsfähig wahrgenommen zu werden – es ist auch der Versuch, die AfD einzudämmen. Minister Alexander Dobrindt (CSU) hat vor allem eine Mission: die „Migrationswende“ durchzusetzen, die Kanzler Friedrich Merz im Wahlkampf versprochen hatte.

Doch was ist der Preis dafür, dass die Taliban nun straffällig gewordene Afghanen aus Deutschland zurücknehmen? Dass es einen „Deal“ mit den Islamisten gibt, dementiert die Bundesregierung. Was die Taliban wollen: den Aufbau ihrer diplomatischen Vertretungen in Deutschland. Bereits im Juli hatte die Bundesregierung der Einreise von zwei afghanischen Konsularbeamten zugestimmt, die von den Taliban entsandt wurden. Sie sollen in den Vertretungen in Berlin und Bonn arbeiten und für konsularische Aufgaben eingesetzt werden, etwa die Ausstellung von Reisepässen.

Davon profitiert auch die Bundesregierung. Denn häufig benötigen Afghanen, die abgeschoben werden sollen, Passersatzpapiere oder neue Reisepässe. Da ist es hilfreich, wenn die deutschen Beamten zum Konsulat in Berlin gehen müssen – und nicht mehr nach Kabul kommunizieren müssen.

Ein weiterer Vorteil für die Bundesregierung: Bisher scheint die afghanische Führung offen für Rückkehrer aus Deutschland. Das ist bei Herkunftsländern nicht immer so, viele Staaten machen den deutschen Behörden klare Vorgaben: wie viele Flüge, wie viele Abgeschobene, welche Fluglinie, und manchmal geben sie sogar den Wochentag vor, an dem Deutschland Rückkehrer schicken kann.

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Taliban richten Forderungen an Deutschland

Was heikel ist für die aktuelle Koalition von Union und SPD: Die Taliban wissen genau, unter welchem Druck die Bundesregierung steht. Sie sehen die Chance, ihre diplomatische Isolation weiter aufzuweichen. Sie gehen dabei vorsichtig und geschickt vor, fordern beispielsweise als Preis für eine engere Zusammenarbeit nicht die sofortige und vollständige Anerkennung eines Regimes. Und sie schicken gute Leute in die Gespräche mit Deutschland, teilweise Personen, die im Westen an Universitäten studiert haben, heißt es.

Bei einem Gespräch in Kabul im Juli vergangenen Jahres hatte ihr Außenminister Amir Khan Muttaqi unserer Redaktion aber deutlich gemacht, was die Taliban im Gegenzug für die Aufnahme abgeschobener afghanischer Flüchtlinge erwarten: die Eröffnung direkter Gesprächskanäle und den Zugang zu konsularischen Dienstleistungen für afghanische Bürger.

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Es sind Annäherungen an ein Regime, das im Inland immer restriktiver wird, in dem aber offenbar Machtkämpfe zwischen einem fundamentalistischen und einem realpolitischen Flügel toben. Auf der einen Seite stehen die Hardliner um den in der Provinz Kandahar sitzenden und geheimnisumwitterten Taliban-Führer Hibatullah Achundsada, auf der anderen Seite die pragmatischeren Kräfte in Kabul, allen voran Außenminister Muttaqi, Innenminister Siradschuddin Haqqani und Verteidigungsminister Mullah Yaqoob.

„Von uns wurde gefordert, Stärke zu zeigen. Jetzt fordern wir das Gleiche“

Und es sind deutsch-afghanische Anbahnungen, die auch für scharfe Kritik sorgen. Gerade von einer Seite, die für die Bundesregierung besonders unbequem sein kann: die Veteranen der Bundeswehr, die beim Einsatz in Afghanistan über viele Jahre ihr Leben im Kampf gegen die Taliban riskiert haben.

„Zwanzig Jahre lang haben wir am Hindukusch den Taliban die Stirn geboten“, sagt Wolf Gregis. Er ist Buchautor, war selbst Soldat in Afghanistan und hat Kontakt zu vielen Soldaten, die einst im Anti-Terror-Einsatz waren. „Dutzende unserer Kameraden sind in Afghanistan durch die Hand der Taliban gefallen, Tausende wurden verwundet, Unzählige traumatisiert“, sagt Gregis. „Und doch haben wir nie aufgegeben. Denn es ging um Freiheit, um Selbstbestimmung, um Recht.“ Den Einsatz „gegen die Wand gefahren“, das hätten nicht die Soldaten getan. „Das war ein politisches Versagen“, sagt Veteran Gregis. Und er hebt hervor: „Von uns wurde gefordert, Stärke gegenüber den Taliban zu zeigen. Jetzt fordern wir das Gleiche von unserer politischen Führung.“

Und dennoch: Von uns wurde gefordert, Stärke gegenüber den Taliban zu zeigen. Jetzt fordern wir das Gleiche von unserer politischen Führung.

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Afghanistan: Trump will Militärbasis Bagram zurück

Die Pragmatiker kritisieren beispielsweise mehr oder weniger offen den zunehmenden Ausschluss von Frauen und Mädchen aus höherer Bildung, Arbeitswelt und öffentlichem Leben fügen sich bislang aber den in Kandahar erlassenen Dekreten. Zuletzt scheinen sich aber die Pragmatiker durchgesetzt zu haben. Ende September hatten die Taliban das komplette Internet in Afghanistan abgeschaltet, angeblich auf Anordnung des Emirs, der damit „unmoralischen Umtrieben“ begegnen wollte. Für fast drei Tage waren keine Telefonate, kein Mailverkehr, kein Flugverkehr, keine Bankgeschäfte mehr möglich. Afghanistan war in der kommunikativen Steinzeit gelandet. Die Kabuler Regierungsmitglieder sollen daraufhin nach Kandahar gereist sein und die Hardliner davon überzeugt haben, das Land wieder ans Netz zu bringen. 

Obwohl sie im Inneren immer restriktiver regieren, nähert sich auch die westliche Welt in den vergangenen Monaten deutlich an die Taliban an. So waren im März bereits hochrangige Gesandte der US-Regierung in Kabul, offiziell, um über die Freilassung von in Afghanistan inhaftierten US-Amerikanern zu verhandeln. Tatsächlich könnte auch eine mögliche strategische Neuausrichtung der US-Politik für die die Region eine Rolle gespielt haben.

US-Soldaten auf der Militärbasis Bagram (Archivbild): Trump will den Standort zurück – auch wegen des wachsenden Einflusses Chinas und Russlands in der Region.
US-Soldaten auf der Militärbasis Bagram (Archivbild): Trump will den Standort zurück – auch wegen des wachsenden Einflusses Chinas und Russlands in der Region.© AFP | JIMIN LAI

US-Präsident Donald Trump hat kürzlich verkündet, er wolle die Militärbasis Bagram zurück, den größten und wichtigsten Militärstützung der US-Amerikaner während der zwanzigjährigen Besatzung. Die US-Amerikaner sehen argwöhnisch, wie die insbesondere die Chinesen, aber auch die Russen in Afghanistan einen immer größeren Einfluss und Zugriff auf die immensen Bodenschätze des Landes bekommen.

Es ist zudem klar, dass die Taliban trotz der westlichen Sanktionen und der bitteren Armut im Land fest im Sattel sitzen. Es gibt derzeit keine nennenswerte Opposition im Land gegen sie. Ihr Regime könnte durch innen- und außenpolitische Abwägungen im Westen aufgewertet werden. Auch wenn das bedeutet, dass ihre Flagge in Berlin gehisst wird. In der Hauptstadt weht bereits vor der Botschaft eines anderen Landes eine Flagge mit der Schahada. Es die Flagge von Saudi-Arabien.