- Wie kann sich Europa gegen russische Drohnen verteidigen?
- Angesichts zunehmender Aggressionen wird diese Frage immer wichtiger
- Eine Option ist dabei der Skyranger von Rheinmetall
Russlands Präsident Wladimir Putin schickt seine Drohnen nach Europa – und legt so auch deutsche Unzulänglichkeiten erneut offen. Der scheidende Inspekteur des Heeres, Generalleutnant Alfons Mais, sagte auf eine Frage nach den Schlüssen aus den Luftraumverletzungen, die Mitte September in Polen stattfanden: „Eine unserer größten Schwächen momentan ist die nach wie vor nicht materialisierte Befähigung zur Abwehr von Drohnen, zur Abwehr aus dem bodennahen Luftraum.“
Auch Drohnen-Experte Konstantin Knoll, der beim Bundesverband der der Deutschen Luft- und Raumfahrtindustrie (BDLI) die Abteilung Verteidigung & Sicherheit leitet, wird gegenüber dieser Redaktion deutlich: „Momentan können wir der Drohnenbedrohung in Deutschland und Europa noch nicht adäquat entgegentreten.“

Skyranger: Bundeswehr will Bestellung des Systems massiv nach oben schrauben
Aber Deutschland bemüht sich und stellt dafür auch einen fast vergessenen Teil der Bundeswehr wieder neu auf – die Heeresflugabwehr. Diese Truppengattung war 2012 abgeschafft worden. Einst dort eingesetzte Gepard-Panzer wurden verkauft oder verschrottet.
Auch interessant
Doch mittlerweile ist die Lage eine andere. Und die Bundeswehr rüstet wieder massiv auf, auch in Sachen Flug- und Drohnenabwehr. Erste Geräte für diese Aufgabe hat man inzwischen bestellt: 18 Seriensysteme des Rheinmetall Skyranger 30 sollen 2027 und 2028 in Betrieb genommen werden. Ein Prototyp des Flugabwehrkanonenpanzers ist Ende Januar an die Truppe ausgeliefert worden. Laut „Handelsblatt“ soll das Bestellvolumen nun deutlich ausgedehnt werden. Von mehr als 600 Skyranger-Systemen, die noch dieses Jahr bestellt werden sollen, ist die Rede. Der Auftragswert samt dazugehöriger Fahrzeuge wird auf mehr als neun Milliarden Euro beziffert.
Skyranger: Hersteller sieht „überlegene Feuerkraft“
Rheinmetall selbst preist den neuen Panzer als ultimative Waffe gegen Gefahren aus der Luft an. Der Skyranger kombiniere „überlegene Feuerkraft, aktive und passive Sensoren und die Dynamik, die für die Bekämpfung der anspruchsvollsten Ziele“ benötigt würden. Der Panzer könne sich so „gegen Schwarmangriffe durchsetzen und kann aufgrund seiner Mobilität an der Seite von Bodentruppen oder zum stationären Schutz von lebenswichtigen Objekten eingesetzt werden“, heißt es auf der Internetseite des Rüstungskonzerns weiter.
Konkret verfügt das Gefährt laut Rheinmetall über ein hybrides Flugabwehrsystem, dass sowohl mit Kanone als auch mit Lenkflugkörpern ausgestattet sein kann. An Bord hat der Skyranger die sogenannte Airburst-Munition, die vor dem Ziel programmierbar zersplittern kann und so besonders wirkungsvoll gegen kleine Drohnen sein soll. „Während die Kanone auf kurze Distanzen Vorteile bringt, kann mit dem integrierten Lenkflugkörper die Reichweite vergrößert werden“, teilte das Unternehmen dazu auf Anfrage dieser Redaktion mit.
Skyranger: Die Munition ist vergleichsweise günstig
Und die Schwachpunkte? Herausfordernd für den Skyranger könnte möglicherweise die künftige Bekämpfung von Drohnenschwärmen sein, die mithilfe Künstlicher Intelligenz (KI) operieren. Auch gegen strategische Drohnen wie die russischen Geran-Varianten, die zum Teil in mehr als 9000 Metern Höhe unterwegs seien, zeige der Skyranger Limitierungen, heißt es von einem Branchenkenner.
Auch interessant
Mit Blick auf die Bewaffnung gilt der Skyranger immerhin als vergleichsweise günstig. BDLI-Experte Knoll ordnet ein: „Maschinenkanonen sind ein gutes Mittel, um die oftmals sehr günstige Drohnen wirtschaftlich zu bekämpfen. Entsprechende Munition kostet um die 1000 Euro pro Schuss und bereits wenige Projektile reichen aus, um eine kleine Drohne abzuschießen.“ Flugabwehrraketen, die Hubschrauber, Flugzeuge oder Marschflugkörper auf deutlich größere Entfernungen bekämpfen sollen, würden hingegen schnell ein Hundertfaches kosten.
Skyranger: Effektive Drohnenabwehr kombiniert verschiedene Systeme
Eine deutliche Verbesserung des Schutzes vor Drohnen an der Nato-Ostflanke sei indes nur durch ein engmaschiges Netz von Aufklärungs- und Abwehrsystemen möglich, erklärte Knoll weiter. Dass dort – so wie kürzlich in Polen – Kampfflugzeuge zur Bekämpfung von Drohnen aufgestiegen seien, lasse ihn vermuten, dass die Eindringlinge zwar erkannt worden sein, aber lokal kein geeigneteres Mittel zur Abwehr zur Verfügung gestanden habe. „Das beschränkt sich dabei nicht nur auf Kanonen oder Lenkflugkörper. Effektive Drohnenabwehr kombiniert verschiedene Systeme, um die jeweiligen Vorteile am besten ausspielen zu können“, so der Experte weiter.
In Deutschland diskutierten Fachleute zuletzt darüber hinaus auch mehr Befugnisse für die Polizei bei der Drohnenabwehr. Bayern preschte nach Drohnensichtungen am Flughafen München vor und beschloss bereits, dass Beamte rechtliche und technische Möglichkeiten erhalten sollen, um Drohnen abwehren zu können – notfalls auch durch Abschuss. Möglich sei zum Beispiel, dass Polizisten etwa mit Fangnetzen auf Drohnenjagd gingen, so Fachmann Knoll.
Im militärischen Bereich könnten perspektivisch zudem vergleichsweise neue Technologien bei der Drohnenbekämpfung helfen, zum Beispiel „Jamming“ oder „Spoofing“. Beim sogenannten „Jamming“ lassen Störsignale die Funkverbindung zur Drohne abreißen, sodass sie abstürzt oder zur Landung gezwungen wird. Beim „Spoofing“ gaukeln Gegner der Drohne ein falsches GPS-Signal vor, um sie vom Kurs abzubringen. Die Bundeswehr prüft zudem autonome Abfangdrohnen wie den TYTAN Interceptor, die feindliche Drohnen mithilfe von KI abfangen und rammen können.
Skyranger: Politiker sieht „großen Beitrag zur Verteidigungsfähigkeit“
Skyranger-Hersteller Rheinmetall verspricht gegenüber dieser Redaktion perspektivisch weitere Fortschritte mit Blick auf die Drohnenabwehr: „Schnell bewegliche Flugziele erfordern eine schnellere Sensor to Effector-Kette. Es geht darum, Ziele frühzeitig zu erkennen, zu identifizieren, zu bewerten und dann angemessen zu bekämpfen“, sagte Oliver Dürr, Leiter der Division Electronic Solutions und Geschäftsführer der Rheinmetall Air Defence, zu dieser Redaktion. „Als einer der weltweit führenden Hersteller von Flugabwehrsystemen für den Nah- und Nächstbereich (VSHORAD) entwickeln wir unsere Produkte stetig weiter, um zukünftige Bedrohungen aus der Luft effektiv bekämpfen zu können.“
Auch interessant
Auch Verteidigungspolitiker sehen weiteren Handlungsbedarf. Es gelte, die Fähigkeiten weiter auszubauen, sagte der verteidigungspolitische Sprecher der SPD-Fraktion im Bundestag, Christoph Schmid, dieser Redaktion. „Die Zahl verfügbarer Systeme ist bislang begrenzt, rechtliche Rahmenbedingungen befinden sich in Anpassung, und die Vielfalt der Bedrohungen erfordert eine kontinuierliche Weiterentwicklung. Mit solchen Projekten sichern wir nicht nur die Einsatzfähigkeit der Truppe, sondern stärken auch den industriellen Zulauf und die Innovationskraft in Deutschland“, so Schmid mit Blick auf den Skyranger, der eine wichtige Entscheidung sei, um die Bundeswehr zielgerichtet für die Zukunft aufzustellen.
Auch der verteidigungspolitische Sprecher der Union, Thomas Erndl, erklärte, man baue die Fähigkeit zur Drohnenabwehr massiv aus. Der Skryranger werde mit „weiteren Waffensystemen, die zum Beispiel auch im elektromagnetischen Spektrum wirken, die Luftverteidigungsfähigkeiten der Bundeswehr qualitativ und quantitativ erweitern und so einen großen Beitrag zur Verteidigungsfähigkeit in Deutschland und an der Ostflanke der Nato leisten“, so Erndl. Und vielleicht auch Putin abschrecken.






