In den USA regiert Donald Trump zunehmend erratisch und autoritär – das weckt dunkle Erinnerungen. Von Faschismus kann jedoch keine Rede sein, meint der Historiker Bernd Greiner. Die MAGA-Bewegung ist eine radikalisierte Minderheit, die aus der Mitte der Gesellschaft entsprungen ist. Und ein Blick in die Geschichte zeigt: Extreme Bewegungen aus der Zivilgesellschaft haben das Land immer wieder geprägt und vor sich hergetrieben. Ein Gespräch über die Ursprünge Trumps und die inneren Kriege der USA.

Herr Greiner, Präsidenten dominieren für gewöhnlich die Schlagzeilen, aber Sie richten ihren Blick in Ihrem neuen Buch „Weißglut“ auf die Mitte der Gesellschaft. Warum?

Extremisten aus der Mitte haben in unterschiedlichen Formen und Organisationen seit der Wende zum 20. Jahrhundert immer wieder, unabhängig von den jeweiligen Amtsinhabern, diese Gesellschaft politisch unter Spannung gesetzt. Da stellen sich die Fragen: Um wen geht es? Warum machen die das und welchen Erfolg haben sie?

Können Sie ein Beispiel nennen?

Niemand hat die Gruppen je gezählt, es waren in jedem Fall Tausende. Und die Zahl ihrer Anhänger ging in die Millionen. Sie konnten mehr Unterstützer rekrutieren als die großen Parteienmitglieder. In meinem Buch konzentriere ich mich auf sechs Organisationen, die seit dem frühen 20. Jahrhundert die Initiative ergriffen und erfolgreich ihre Agenda durchgesetzt haben – von der American Protective League bis zur Tea Party.

Wie erklären Sie sich, dass es diese Akteure geschafft haben, die USA immer wieder in innere Kriege zu verwickeln?

Es gibt keine einzelne Ursache, die alle Bewegungen eint. In meinem Buch thematisiere ich zunächst den brutalen Kampf gegen die junge Arbeiter- und Gewerkschaftsbewegung zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Zwei Faktoren sind dabei zentral: erstens die moralische Panik. Die Angst vor europäischen Einwanderern, die einen „linken Virus“ – sei es sozialistisch, kommunistisch oder sozialdemokratisch – in die USA bringen und dadurch den amerikanischen Kapitalismus bedrohen könnten. Zweitens die noch frische Erinnerung an die Sklaverei und der tief sitzende Verdacht, dass Schwarze für diese historische Ausbeutung irgendwann Rache nehmen könnten. Diese beiden Ängste wurden miteinander verknüpft: Schwarze seien empfänglich für den „roten Virus“, und die roten Agitatoren hätten nichts Besseres zu tun, als Schwarze zu rekrutieren. Das war eine toxische Mischung, die massive Repressionen zur Folge hatte.

Exklusiv aus den USA – für Sie recherchiert

Das klingt im Grunde nach der Angst vor einem Klassenkampf. Liegt darin der Kern der wiederkehrenden Konflikte?

Ja und nein. Die Auseinandersetzungen um die Jahrhundertwende wurden so konsequent und brutal geführt, dass sie die Entstehung einer klassenbewussten Arbeiterbewegung in den USA im Grunde erledigt haben. Man hat dieser Bewegung das Rückgrat gebrochen. Doch die Angst vor dieser Bedrohung blieb präsent.

Inwiefern?

Denken spielte sich danach in Kategorien der sogenannten „Ein-Prozent-Doktrin“ ab: Was theoretisch zu einem Prozent möglich ist, wird als potenziell 100 Prozent wahrscheinlich angesehen. Dieser Präventionsgedanke – nicht nur etwas im Keim zu ersticken, sondern auch die Angst vor einem „Gespenst“, das wiederkehren könnte – zeigt sich später etwa in den Kämpfen gegen die „New Dealer“ der 1930er und 1940er Jahre.

Maga-Anhänger trauern um den erschossenen rechtsextremen Influencer Charlie Kirk.
Maga-Anhänger trauern um den erschossenen rechtsextremen Influencer Charlie Kirk.© AFP | Charly Triballeau

Sie zeigen, dass Klassenkonflikte in späteren Jahrzehnten oft in Kulturkämpfe umgeleitet wurden. Wie kann man sich das vorstellen?

Ein durchgängiges Motiv ab den 1930er Jahren war, wirtschaftliche und soziale Fragen – etwa die nach Umverteilung oder sozialer Gerechtigkeit – in kulturelle Debatten umzuleiten. Man flutete die öffentliche Aufmerksamkeit mit Themen wie Familie, Religion und Moral, sodass ökonomische Fragen in den Hintergrund traten. Es ging dabei auch um die moralische Überhöhung des „American Way of Capitalism“, die Freiheit des Marktes zum göttlichen Prinzip zu stilisieren. Kritikern wurde die Sünde vorgeworfen, in den göttlichen Plan eingreifen zu wollen.

Sie beschreiben in Ihrem Buch auch das Auftreten eines neuen Typus von Populisten. Wodurch zeichnet dieser sich aus?

Ich wende mich damit dagegen, den Begriff „Populismus“ bis ins späte 19. Jahrhundert zurück zu dehnen. Die frühen Populisten jener Zeit hatten ein inklusives Politikmodell – sie wollten etwa Farmer und Arbeiter in den politischen Prozess einbinden. Das hat nichts mit dem autoritären Führungsstil moderner Populisten zu tun, den wir seit den 1930er-Jahren beobachten können. Damals setzte dieser „neue Populismus“ auf Führerkult und eine explodierende, andere ausgrenzende Politik: Alles drehte sich um die charismatische Führungsfigur, der sich alle unterzuordnen hatten.

Klingt nach einer treffenden Beschreibung von Donald Trump.

Tatsächlich gibt es historische Parallelen. Trump ist in vielerlei Hinsicht ein Nachfolger von Figuren wie Huey Long, der in den 1930er-Jahren als Gouverneur von Louisiana und später als Senator in Washington Autoritarismus mit Führerkult kombinierte.

Sie verorten die Ursprünge von Donald Trumps Aufstieg in der Tea-Party-Bewegung. Heute hört man von dieser aber kaum noch etwas.

Die Tea Party ist im Prinzip vollständig in der „Make America Great Again“-Bewegung aufgegangen. Ich bezeichne sie im Buch als den „Urschleim“, aus dem MAGA entstanden ist. Viele damalige Aktivisten sind nach wie vor politisch aktiv, arbeiten aber entweder direkt im Kontext von MAGA oder haben die republikanische Partei übernommen, die mittlerweile weitgehend von ihrer Ideologie durchdrungen ist.

Das müssen Sie erklären.

Tea Party und MAGA richten sich gegen einen „sozialen Umverteilungsstaat“, der ihrer Meinung nach Minderheiten auf Kosten ihrer eigenen Anhänger bevorzugt. Dieses Narrativ wurde besonders in den 1960er-Jahren unter Präsident Lyndon B. Johnson geprägt, als Schwarze rechtlich gleichgestellt wurden und soziale Unterstützungsleistungen für benachteiligte Gruppen geschaffen wurden. Die Wahl Barack Obamas hat diesen Konflikt wieder verschärft: Ein schwarzer Präsident, der den Wahlsieg Minderheitenstimmen verdankt, war für diese Bewegungen der Inbegriff des Bedrohungsszenarios.

News aus den USA

Inzwischen ist die Bewegung an der Macht. Trotzdem nimmt die Hysterie kein Ende. Warum?

Wir können noch nicht sagen, ob dies bereits der Gipfel ist oder erst der Beginn einer weiteren Eskalation. Solche Bewegungen entwickeln oft eine Eigendynamik, die nicht plötzlich endet, nur weil sie einen Präsidenten stellen. Die gegenwärtige Lage wird durch die Aussicht verschärft, dass Weiße in den USA in absehbarer Zeit zur Minderheit werden. Das ist ein Szenario, das als Bedrohung empfunden und präventiv als Kampfbegriff mobilisiert wird – gegen vermeintliche „Invasoren von außen“ und „Liberale im Inneren“.

Memorial Service Held For Slain Conservative Activist Charlie Kirk At State Farm Stadium
Nach der Ermordung des rechtsextremen Influencers Charlie Kirk zelebrierten ihn zahlreiche Anhänger als Märtyrer der US-Rechten. © Getty Images via AFP | Joe Raedle

In Ihrem Buch zeigen Sie, dass extremistische Bewegungen oft an sich selbst scheitern – etwa durch Korruptionsskandale. Wie erklären Sie, dass die offensichtliche Korruption unter Trump seine Anhänger offenbar nicht stört?

Ja, ein Beispiel dafür ist der Ku-Klux-Klan der 1920er-Jahre, der sich durch massive Korruptions- und Gewaltskandale selbst zerstörte. Im Fall von Trump scheint die Situation anders zu sein. Seine Anhänger stören sich nicht an den Skandalen, solange er zentrale Anliegen erfüllt – etwa die Eindämmung der Einwanderung von Nicht-Weißen oder die Bekämpfung von Liberalen und Universitäten, die als „Hort des Liberalismus“ gelten. Gefährlich wird es für ihn nur, wenn er diesen Kernbotschaften untreu wird. Solange Trump dieser Linie treu bleibt, dürfte er seinen Einfluss behalten.

Sehen Sie ansonsten Wege aus der Konflikt-Spirale?

Momentan sehe ich keine greifbaren Auswege. Die Reaktionen auf Trump zeigen, wie schwer es ist, einen positiven Gegenentwurf zu entwickeln. Ein Beispiel ist der Gouverneur von Kalifornien, der Trump einhegen will, indem er ihn kopiert. Das ist ein fataler Fehler, der Trumpismus zur Normalität macht. Zudem herrscht in großen Teilen der demokratischen Partei und der amerikanischen Gesellschaft eine Schockstarre.

Auch interessant

In der US-Geschichte gab es aber immer wieder progressive Kräfte, die Erfolge erzielt haben.

Historisch gesehen tauchten progressiv-liberale Initiativen oft unerwartet auf – etwa gegen Ende des 19. Jahrhunderts, in den 1930er-Jahren oder in der Bürgerrechtsbewegung der 1960er. Doch heute sehe ich wenig Grund für Optimismus. Jahrzehntelange Kultur- und Klassenkriege haben tiefe Spuren hinterlassen, und progressive Initiativen befinden sich in einer schwierigen Position. Einerseits kämpfen sie gegen die massive Präsenz und Durchsetzungskraft ihrer Gegner, andererseits scheitern sie häufig an internen Schwächen. Ein Beispiel dafür ist die „Occupy Wall Street“-Bewegung, die zwar wichtige Themen wie soziale Ungleichheit ansprach, sich aber selbst daran zerlegte, ihre Forderungen in ein politisches Programm zu übersetzen. Auch bei „Black Lives Matter“ lässt sich eine ähnliche Entwicklung beobachten.

Inzwischen sprechen einige Historiker und Philosophen unverblümt vom Begriff „Faschismus“, wenn es um die aktuelle Lage in den USA geht. Teilen Sie diese Einschätzung?

Ich bin sehr vorsichtig mit diesem Begriff. Sicherlich lässt sich bei Trump faschistisches Gedankengut feststellen. Dass ein Politiker solche Attitüden pflegt, bedeutet aber nicht, dass ein Herrschaftsmodell bereits mit „Faschismus“ zu beschreiben ist. Es ist noch keine Massenbewegung. Die „Extremisten der Mitte“ sind immer noch eine Minderheit, die es versteht, die Mehrheit vor sich herzutreiben.

Bernd Greiner. „Weißglut: Die inneren Kriege der USA – Eine Geschichte von 1900 bis heute“ bei C.H. Beck, 18. September 2025. 464 Seiten