Die Frage des Abends war: Wo ist Vassy abgeblieben? Die griechisch-australische Sängerin sollte eigentlich für die USA auftreten. Eine Musikerin, die sich aktiv für LGBT+-Rechte einsetzt, die auf Gay-Pride-Festivals auftritt. Im Russland von heute wäre sie Extremistin, wäre ihr Engagement strafbar. Vassys Auftritt hatten viele mit Spannung erwartet. Doch sie kam nicht. Warum? „Aus Gründen, die außerhalb der Kontrolle der Organisatoren und der US-Delegation liegen und die durch den beispiellosen politischen Druck der australischen Regierung verursacht wurden“, hieß es.

Was immer das bedeutet. Die USA allerdings blieben in der Jury des Wettbewerbs. Juror Joe Lynn Turner war einst ein musikalisches Schwergewicht. Sang bei Rainbow und zeitweise bei Deep Purple. Heute ist er vor allem eines: Putin-Fan. „Ich weiß, dass in Russland die Wahrheit lebt“, verkündete er 2015 bei einem Auftritt auf der annektierten Halbinsel Krim. „Ich sehe, wie Russland aufsteigt und stark wird.“

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Russland: Ein Land aus Europa nahm an der ESC-Konkurrenz teil

Gestern also die Neuauflage der früheren sowjetischen „Intervision“, verfügt von Russlands Präsident Wladimir Putin. Zu Sowjetzeiten nahmen an diesem Wettbewerb auch europäische Länder teil, heutzutage war aus Europa nur Serbien mit dabei. Dazu natürlich Putins multipolarer Freundeskreis, China und die BRICS-Staaten, Länder aus dem postsowjetischen Raum und aus Afrika.

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„Intervision“ soll das Gegenstück zum „European Song Contest“ sein, bei dem Russland nicht mehr teilnehmen darf. 23 Acts, die in der Moskauer Konzerthalle Live Arena vor 11.000 Zuschauern live auftraten. „Intervision“ biete allen Ländern die Chance, „ohne jede Zensur“ ihre besten musikalischen Traditionen vorzustellen, versprach Russlands Außenminister Sergej Lawrow zuvor auf einer Pressekonferenz. „Ich garantiere, dass es dort keine Perversionen und Verhöhnungen der menschlichen Natur geben wird.“ Gemeint waren wohl Acts wie der schwule ESC-Sieger Conchita Wurst oder der non-binäre Nemo, der den Wettbewerb für die Schweiz gewann. Ins gleiche Horn stieß auch die belarussische Teilnehmerin Nastja Krawtschenko. In einem Interview sagte sie, sie sei sicher, dass die Veranstalter keine „Freakshow“ zulassen würden.

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Vergewaltigung als Waffe – was Russland Frauen antut
Im Krisenmodus
 

Putin schickt Grußwort: „Offen für Kommunikation“

Der „offene, unpolitische“ Charakter der Veranstaltung wurde im Vorfeld mehrfach betont. Und völlig unpolitisch ging es dann auch los. Mit einem Video-Grußwort von Wladimir Putin. „Die moderne Welt verändert sich rasant. Sie erzeugt eine enorme Nachfrage nach Gerechtigkeit und nach einem breiten und gleichberechtigten Zugang zu den Früchten des sozioökonomischen und kulturellen Fortschritts.“ Und weiter: „Russland war und bleibt ein Land, das offen für Kommunikation und kreative Zusammenarbeit ist.“ Später in der Show durfte Außenminister Sergej Lawrow sogar live auftreten, befragt von gut gelaunten Moderatoren.

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Musikalisch war „Intervision“ manchmal ergreifend, oftmals banal. Aber den ESC mag ja auch nicht jeder. Von der Technik, der Inszenierung allerdings war die Show vom Feinsten. Jubelndes Publikum an den richtigen Stellen, ein computeranimiertes Bühnenbild, perfektes Licht. Es traten heroische Avatare auf, die die nachfolgenden Künstler manchmal etwas lächerlich erscheinen ließen. Und gefühlt alle zehn Minuten betonten die Moderatoren, die teilnehmenden Länder würden weltweit über vier Milliarden Menschen vertreten. Irritierend war allerdings die permanente Werbung einer russischen Großbank für zinsgünstige Verbraucherkredite.

NameWladimir Wladimirowitsch Putin
Geburtsdatum7. Oktober 1952
GeburtsortSankt Petersburg
AmtPräsident der Russischen Föderation
Im Amt seit2000 (Unterbrechung von 2008 bis 2012)
FamilienstandGeschieden, mindestens zwei Kinder
Größeca. 1,70 Meter

Russland schickt „Shaman“ ins Rennen – Gewinner nennt speziellen Wunsch

Für Russland trat Jaroslaw Dronow alias Shaman an, der Haus- und Hofsänger des Kremls. Er steht auf der EU-Sanktionsliste. Shamans wohl bekanntester Song ist das Lied „Ich bin Russe“, längst eine Art Hymne in der neuen russischen Popmusik. Sein neues Liebeslied „Straight to the Heart“ ist laut seinem Komponisten Maxim Fadejew „überraschend zart und sehr aufrichtig, ein wenig überirdisch, aber mit unserem russischen Flair“. „Ich bin sicher, dass dieses Lied jedes Herz auf dem Planeten erreichen wird“, ergänzte Shaman. Bombast-Pop mit Siegesgarantie. Doch großzügig, als guter Gastgeber, verzichtete Shaman auf Wertung und Trophäe.

Und so durfte Duc Phuc aus Vietnam gewinnen. Sein Herzenswunsch sei es, „endlich Russisch zu lernen und mit eigenen Händen ein Lied auf Russisch zu schreiben“, sagte der Sänger auf der Bühne. Themen gäbe es genug. Zum Beispiel dieses: Fast zeitgleich zur „Intervision“ stürzte in der Region Nowosibirsk eine Schule ein. Kein Geld für die notwendige Renovierung. Umgerechnet rund 7,5 Millionen Euro hat die Pop-Show angeblich gekostet.