Nach dem Drohnen-Zwischenfall in Polen herrscht große Nervosität in der Nato: War das nur der Anfang, folgen jetzt weitere Provokationen Russlands gegen Nato-Länder? Eine Eskalation wird befürchtet, weil Russland und Belarus am Freitag das Manöver „Zapad 2025“ mit voraussichtlich über 40.000 Soldaten beginnen; ein Teil der Übungen wird nahe an der Nato-Ostgrenze abgehalten. Simuliert werden sollen Angriffe auf den Westen, auch der Einsatz von atomwaffenfähigen Oreschnik-Mittelstreckenraketen.

Das Ziel von Präsident Wladimir Putin ist aber offenbar auch, mit der Übung im Westen Unsicherheit zu schüren, wie Nato-Generäle im Vorfeld warnen. Der Heeres-Inspekteur der Bundeswehr, Alfons Mais, sagt mit Blick auf das Manöver: „Mit dem gesamten hybriden Spektrum ist zu rechnen.“

Wenn der Drohnen-Zwischenfall in Polen zum Drehbuch des Zapad-Manövers gehören sollte, seien russischen Möglichkeiten in der Grauzone hybrider Aktivitäten „keine Grenzen gesetzt“, meint Generalleutnant Mais. Die Bundeswehr ist darauf eingestellt – auch deshalb, weil mehrere tausend ihrer Soldaten und Truppen anderer Nato-Staaten in verschiedenen Manövern kurz vorher oder zeitgleich in Polen und im Baltikum präsent sind.  

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Nach Drohnen-Abschuss: Polen befürchtet jetzt auch Cyberangriff

In Osteuropa herrscht Alarmstimmung. Das polnische Verteidigungsministerium warnte schon vor Tagen vor Provokationen durch Moskau und Minsk während Zapad 2025: Cyberangriffe auf Verbündete, GPS-Störungen gegen die Nato-Infrastruktur oder kleinere militärische Zwischenfälle könnten die Reaktionsfähigkeit auf die Probe stellen, heißt es in Warschau.

Einsatzkräfte untersuchen ein abgestürztes Drohnenteil hinter einem Absperrband.
Einsatzkräfte von Polizei und Militärpolizei sichern im ostpolnischen Wohyn Teile einer beschädigten russischen Drohne.© Rafal Niedzielski/AP/dpa | Rafal Niedzielski

Schon jetzt werden Polens soziale Medien im Internet durch eine groß angelegte, offenbar von Russland gesteuerte Desinformationskampagne überschwemmt. Polen schließt während des Manövers die Grenze zu Belarus, der Flugverkehr an der gesamten Ostgrenze ist für die zivile Luftfahrt weitgehend gesperrt; auch Litauen und Lettland haben vorsorglich den Luftraum Richtung Osten geschlossen.  

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Zahlreiche Nato-Staaten, auch Deutschland, haben Polen bereits weitere Hilfe angeboten – Luftabwehrsysteme, Kampfjets, Kampfhubschrauber. „Das Bündnis muss beraten, wie der Schutz der Nato-Ostflanke weiter gestärkt werden kann“, sagt Siemtje Möller, SPD-Fraktionsvize im Bundestag, unserer Redaktion. Die koordinierte militärische Abwehr der Drohnen zeige zugleich, „dass die Nato bereit und willens ist, sich gegen solche Aggressionen entschieden zu verteidigen.“

Aber wie lässt sich der Schutz vor Drohnenangriffen umfassend und dauerhaft verbessern? Dass die Nato-Abwehr von 19 russischen Drohnen nur drei oder vier abgeschossen hat, gibt Militärs zu denken.

Kampfjet gegen Drohne: Für Militärs keine Lösung

Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) sagt, die Luftabwehr habe nicht so gut funktioniert, „wie sie hätte funktionieren müssen“. Der Aufwand war enorm: Die AIM-9-Sidewinder-Kurzstreckenraketen, mit denen die niederländischen F-35-Kampfjets die Drohnen abschossen, kosten pro Stück etwa 380.000 Euro.

Ukraine-Krieg - Polen
Polizei und Militärkräfte sicherten Teile der im polnischen Luftraum abgeschossenen Drohnen.© Rafal Niedzielski/AP/dpa | Rafal Niedzielski

Eine Notmaßnahme: Abgefangen wurden dabei jene Drohnen, die wahrscheinlich gezielt auf den Flughafen Rzeszow gerichtet waren, dem Umschlagplatz für westliche Waffenlieferungen an die Ukraine. Die Kampfjets-Alarmrotten, wie sie bis vorige Woche auch die Bundeswehr in Polen mit Eurofightern gestellt hatte, sind zwar beeindruckend – in Minutenschnelle sind sie am Ziel. Aber: „Der Einsatz von F-35 und F-22 gegen Drohnen zeigt, dass wir noch nicht bereit sind“, moniert der frühere US-Kommandeur in Europa, Ben Hodges.

Zum Schutz vor Angriffen sind in Rzeszow auch zwei Patriot-Luftabwehrsysteme der Bundeswehr mit 200 Soldaten stationiert. Sie wurden während des Zwischenfalls in Alarmbereitschaft versetzt, zum Einsatz kam es nicht. Auch Patriot-Raketen sind nicht für die Drohnen-Abwehr gedacht, sondern zur Verteidigung gegen Raketen und Marschflugkörper auf mittlere Distanz.

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Bundeswehr: Drohnenabwehr ist Schwachstelle

Für die Bundeswehr unterstreicht der Vorfall ein Problem, wie Heeres-Inspekteur Mais sagt: Eine der größten Schwächen momentan sei die fehlende „Befähigung zur Abwehr von Drohnen, zur Abwehr aus dem bodennahen Luftraum“, so Mais. Das Problem: Neue bodengestützte Abwehrsysteme sind bestellt, aber die Lieferung wird sich über Jahre hinziehen; der Flugabwehrpanzer Gepard ist ausgemustert, die aufgelöste Heeresflugabwehrtruppe wird gerade wieder neu aufgestellt.

Die Bundeswehr setzt zur Drohnenabwehr künftig vor allem auf das neue Skyranger-System des Rüstungskonzerns Rheinmetall. Es soll – montiert auf Radfahrzeuge oder Kettenpanzer wie den Leopard – Drohnen auf kurze Distanz abwehren, mit tausend Schuss pro Minute. Mit jedem System werde ein Gebiet von vier mal vier Kilometer abgedeckt, „um komplett drohnenfrei zu sein“, preist Rheinmetall-Vorstandschef Armin Papperger das Gerät an. Die Bundeswehr hatte zunächst 18 Serienfahrzeuge mit der Kanone auf dem Boxer-Radpanzer geordert, die in zwei bis drei Jahren ausgeliefert sein sollen; gedacht ist nun an die Bestellung weiterer 650 Skyranger, die Lieferung würde sich über Jahre erstrecken. Inspekteur Mais mahnt zur Eile: „Die Frage ist: Haben wir die Zeit?“

Skyranger 30
Der Prototyp des Flugabwehrsystems Skyranger 30, mit dem die Bundeswehr künftig Drohnen abschießen will. © Rheinmetall AG | Rheinmetall AG

Für die mittlere Reichweite sind die Iris-T-SLM-Flugkörper gedacht, die bis auf 40 Kilometer Drohnen, Flugzeuge, Hubschrauber und Marschflugkörper abwehren können. Sechs Flugabwehrsysteme sind bestellt und sollen bis 2027 an die Truppe übergeben werden. Inspekteur Mais versichert, das Heer tue alles für die Fliegerabwehr aller Truppen und nutze dafür nun auch Waffen, die eigentlich nicht für den Einsatz gegen Ziele in der Luft gedacht sind – etwa die 30-Millimeter-Kanone des Schützenpanzers Puma. Im Bundestag drängt SPD-Fraktionsvize Möller, es brauchte vor allem „eine deutlich höhere Zahl an Skyrangern – die bislang bestellten 18 Stück reichen bei Weitem nicht aus.“

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Ziel erfasst – die Drohnenfront in der Ukraine
Im Krisenmodus
 

Brauchen wir einen Drohnenschutzwall?

Doch wird nun auch die Forderung laut, lieber gleich einen gemeinsamen europäischen Drohnen-Schutzwall aufzubauen. Der Chef der Europäischen Volkspartei (EVP), Manfred Weber, bekräftigt jetzt einen entsprechenden Vorschlag, den er gegenüber unserer Redaktion so erläutert hatte: „Wir brauchen eine Drohnenarmee an der Ostflanke der EU. Das ist der effizienteste Weg, Russland abzuschrecken.“ Pläne gibt es längst. Das deutsche Rüstungsunternehmen Helsing schlägt ein Bollwerk von 100.000 Kampfdrohnen entlang der 3000 Kilometer langen Nato-Ostgrenze vor, realisierbar sei das binnen eines Jahres. Unterstützung kommt bereits aus der EU-Kommission.

Wolodymyr Selenskyj vor einem Flugabwehrsystem Patriot
Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj besichtigt bei einem Besuch auf einem Truppenübungsplatz der Bundeswehr auch das Flugabwehrraketensystem vom Typ Patriot. © Jens Büttner/dpa | Jens Büttner

Selenskyj geht noch weiter: Er fordert, dass die Nato-Staaten mit ihren Waffen künftig auch den Luftraum der Ukraine schützen – gemeinsam und koordiniert. Überlegungen, die Ukraine mit eigenem Militär gegen Luftangriffe abzusichern, gibt es bei den Nato-Staaten aber bislang nur für den Fall eines Waffenstillstandes. Doch Selenskyj warnt die Nato-Staaten, dass Putins Provokation das nächste Mal massiver ausfallen könnte: Ins Nato-Gebiet könnten dann auch „Hunderte von Drohnen“ kommen. „Nur vereinte europäische Kräfte“, sagt Selenskyj, „können echten Schutz bieten.“