Es war die größte Militärparade in der Geschichte der Volksrepublik China. Unter den Augen der Weltöffentlichkeit ließ Präsident Xi Jinping auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking in 45 Formationen zehntausend Soldaten, Panzer, Waffen und Militärflugzeuge vorführen. Neben ihm auf der Tribüne verfolgten Russlands Präsident Wladimir Putin und Nordkoreas Machthaber Kim Jong-un das Spektakel – es war das erste Mal, dass die drei gemeinsam öffentlich auftraten. Dabei waren aber auch rund 20 weitere Staatschefs, westliche Vertreter blieben weitgehend fern.
Die Botschaft fasste Xi – gekleidet im Stil des früheren Staatsführers Mao Tse-tung – so zusammen: Die Wiedergeburt „der chinesischen Nation ist unaufhaltsam und die Sache des Friedens und der Entwicklung der Menschheit wird triumphieren“.
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Xi zeigte mit neu entwickelten Waffensystemen, wie modern Chinas Militär-Ausrüstung ist. Einiges dürfte Weltspitze sein: Eine neue Serie von Antischiffsraketen, Marschflugkörper, Hyperschallraketen, dazu die mobile Hochenergie-Laserwaffe LY-1. Auch die „Dong Feng“-Interkontinentalrakete für Atomsprengköpfe oder Unterwasserdrohnen, die als Tarnkappen-U-Boote dienen sollen, ließ Xi vorführen. Panzer mit unbemannten Türmen und andere Systeme zur Verteidigung gegen Panzerabwehrwaffen zeigten, wie sehr China von der asymmetrischen Kriegsführung der Ukraine gelernt hat.
China schickt ein Signal an die USA – doch Donald Trump wiegelt ab
Anlass der Parade war das Ende des Zweiten Weltkrieges in Asien vor genau 80 Jahren. Doch es handelte sich nicht um eine Erinnerungsfeier, sondern um eine Demonstration militärischer Macht: Eine Ansage an die Nachbarn Chinas, die längst Übergriffe fürchten – Taiwan, Japan, die Philippinen gehören dazu.

Xi sandte aber auch ein Signal an den großen Rivalen USA, dass er zum Kampf bereit ist, jedenfalls bei Konflikten in der Region. Viele der präsentierten Waffen sind für den Einsatz gegen die amerikanischen Seestreitkräfte im Westpazifik konzipiert, vor allem neue Überschall- oder Hyperschall-Antischiffsraketen. In Washington dürfte niemand überrascht sein. In der aktuellen Gemeinschaftsanalyse der US-Geheimdienste heißt es: „China stellt die umfassendste und stärkste militärische Bedrohung für die nationale Sicherheit der USA dar.“
US-Präsident Donald Trump reagierte auf die Parade allerdings anders: „Ich bin überhaupt nicht besorgt. Wir haben mit Abstand die stärkste Armee der Welt“, sagte Trump in einem Interview. Auch mit Blick auf eine Allianz von China und Russland meinte er: „Sie würden niemals ihr Militär gegen uns einsetzen. Glauben Sie mir.“ Im Treffen von Xi, Putin und Kim sah Trump gleichwohl die Absicht, sich gegen die USA „zu verschwören“.
Klar ist: China hat mit rund zwei Millionen Soldatinnen und Soldaten die größte Armee der Welt, die größte Marine, die drittgrößte Luftwaffe und ein beeindruckendes Raketenarsenal. Schon jetzt ist die Volksrepublik nach den USA das Land mit den zweithöchsten Militärausgaben, voriges Jahr waren es 314 Milliarden Dollar, so das Stockholmer Friedensforschungsinstitut Sipri.

Das Land rüstet in atemberaubendem Tempo auf. Beispiel Atomwaffen: Innerhalb eines Jahres hat China nach Sipri-Daten die Zahl seiner Atomsprengköpfe von 500 auf mindestens 600 erhöht. „Das Arsenal wächst schneller als in irgendeinem anderen Land der Welt“, sagen Sipri-Forscher. In drei Regionen des Landes sind 350 Silos für Langstreckenraketen entstanden, die die USA und Europa erreichen können. Bis 2030 dürfte China schon über tausend Atomsprengköpfe verfügen, 2035 dürften es 1500 sein – das wäre nahe an der Zahl sofort einsatzbereiter Atomwaffen der USA und Russlands (die aber zusätzlich noch große Reserven haben) und genug, um glaubwürdig einen Nuklearkrieg mit der Fähigkeit zum Zweitschlag androhen zu können.
China erhebt Ansprüche auf einen Großteil des Südchinesischen Meeres
Nicht weniger beeindruckend sind die Fortschritte bei der Marine. Sie ist nicht nur die größte der Welt, sondern verfügt auch über die modernsten Schiffe. Rund 70 Prozent der chinesischen Kriegsschiffe wurden nach 2010 vom Stapel gelassen, verglichen mit einem Viertel der amerikanischen, rechnen Experten des US-Zentrums für Strategische and International Studien (CSIS) vor. Amerikanische Kriegsschiffe sind tendenziell größer und besser bewaffnet, aber China holt auf. „China hat mehr militärische Schiffe auf dem Meer als die USA“, warnt Nato-Generalsekretär Mark Rutte.
Bei Kampfflugzeugen können die USA den technologischen Vorsprung halten, doch laut den Sipri-Militärexperten hat China zuletzt viel Geld in den schnellen Bau von Tarnkappen-Jets investiert. Große Ambitionen haben die Militärs in der Drohnentechnologie oder bei der Anwendung Künstlicher Intelligenz, die deutlichsten Fortschritte gibt es bei Hyperschallraketen: Hier hat China die USA offenbar abgehängt und verfügt aktuell über das größte Arsenal weltweit.

Mehr Schiffe, mehr Raketen und mehr Soldaten als die USA: Vorrangiges Ziel der Militärstrategie scheint es bislang zu sein, Konflikte an der Peripherie der Volksrepublik zu bestehen und so ihren Führungsanspruch in Asien zu untermauern. China erhebt Ansprüche auf einen Großteil des Südchinesischen Meeres, durch das wichtige Schifffahrtsrouten führen und wo viele Rohstoffe zu finden sind. Westliche Geheimdienste berichten, Xi Jinping habe das Ziel ausgegeben, die Volksbefreiungsarmee müsse bis 2027 in der Lage sein, eine Invasion des Inselstaats Taiwan am Rande des Südchinesischen Meers erfolgreich durchzuführen.
Die aktuelle Bedrohungsanalyse der US-Geheimdienste deutet an, dass China dann ein Eingreifen der USA verhindern möchte: „Ein Großteil der chinesischen Modernisierungsbemühungen konzentriert sich auf die Entwicklung von Fähigkeiten, um gegen US-Militäroperationen im Pazifik vorzugehen.“
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Die Nato warnt: „Waffen, die auch genutzt werden können“
US-Verteidigungsminister Pete Hegseth sagt: „Wir sind mit der Konkurrenz der chinesischen Kommunisten konfrontiert, die die Fähigkeit und die Absicht haben, unser Land und unsere Kerninteressen im Indopazifik zu bedrohen.“ Auch Nato-Chef Rutte warnt: „Wir sehen, dass China seine Streitkräfte massiv ausbaut. Es geht nicht nur um die Ausrichtung von Militärparaden in Peking, sondern das sind Waffen, die auch genutzt werden können.“
So stark die Fortschritte in der Waffentechnologie sind – in anderen Bereichen sind die Schwachstellen enorm. Die Landesverteidigung ist ja offiziell gar nicht das oberste Ziel der Armee, sondern der Machterhalt der Kommunistischen Partei. Parteichef Xi Jinping hat deshalb große Befugnisse, muss aber wie jeder Autokrat fürchten, dass ihm die Kontrolle über die Armee entgleitet. Seine Macht, die Volksbefreiungsarmee zu disziplinieren, habe offenbar Grenzen, erklärt Christian Wirth, Asienexperte der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) in Berlin.

Das straffe Befehlssystem macht die Truppe schwerfällig. Die Kommandostruktur gilt ebenso als Schwachstelle wie die Logistik. Die Armee tut sich schwer, genügend Rekruten mit den notwendigen technischen Fähigkeiten für den Betrieb der neuen Ausrüstung zu gewinnen. Zudem macht die Korruption der Armee zu schaffen. Mehr als 20 hochrangige Offiziere sind verschwunden oder wurden entlassen, seit Xi 2022 seine dritte Amtszeit als Parteivorsitzender angetreten hat. Darunter sind drei der sieben Mitglieder der von Xi geleiteten Zentralen Militärkommission, die die Armee kontrolliert.
Die Truppe hat keinerlei Kampferfahrung, der letzte Einsatz war der vierwöchige Grenzkrieg mit Vietnam 1979. Das Ziel, aus den Streitkräften bis 2049 eine „Weltklasse-Armee“ zu machen, ist noch weit entfernt. Doch Xi ließ auf dem Platz des Himmlischen Friedens keinen Zweifel: Die Modernisierung der Armee werde sicherstellen, dass sie „Kriege führen und gewinnen kann“.




