Am Sonntagabend wird Daniella Gilboa auf einer der Bühnen des Sydney Opera House stehen. Die 22-jährige Israelin hat 477 Tage in der Gewalt der Hamas verbracht – nun singt sie in Australien. Es ist einer ihrer ersten Auftritte vor internationalem Publikum. Das Land, das sie empfängt, ist nach wie vor vom Anschlag auf das jüdische Lichterfest am Bondi Beach im Dezember gezeichnet, bei dem 15 Menschen sowie einer der beiden Täter ums Leben kamen.
Gilboa selbst schreibt Lieder, seit sie sieben Jahre alt ist. Schon als Kind saß sie am Klavier im Haus ihrer Familie, erfand Melodien und stellte sich vor, wie sie sie eines Tages mit der Welt teilen würde. Die Musik begleitete sie durch jede Phase ihres Lebens. „In all meinen schweren Zeiten im Leben und auch in den glücklichen Zeiten war die Musik immer da – als meine Therapie und als mein Weg, meine Gefühle auszudrücken, wenn niemand mich versteht“, sagt Gilboa.
Hamas-Geisel 477 Tage: Verschleppt vom Stützpunkt Nahal Oz
Am 7. Oktober 2023 endete dieser Alltag. Gilboa, damals 19, diente als Aufklärungssoldatin auf dem Stützpunkt Nahal Oz nahe dem Gazastreifen. Hamas-Terroristen verschleppten sie gemeinsam mit vier Kameradinnen, Naama Levy, Karina Ariev, Liri Albag und Agam Berger. Die Aufnahmen der jungen Frauen – im Schlafanzug, blutverschmiert, mit vorgehaltener Waffe zu einem Fahrzeug getrieben – gingen um die Welt.
Die Entführer verboten ihr, auf Hebräisch zu singen. Also brachte sich Gilboa bei, jüdische Gebete auf Arabisch zu sprechen, darunter „Schalom Aleichem“, um jede Woche trotzdem den Schabbat zu begrüßen. Wenn sich Gelegenheiten ergaben, sang sie leise mit den anderen Geiseln. „Das war ein Lichtblick für meine Freunde dort“, sagt sie. „Wir haben sehr leise zusammen gesungen, und es war unsere Art, uns daran zu erinnern, dass wir Menschen sind und die Musik immer da ist. Sie ist die Medizin.“ Vor dem Überfall hatte sie mit den Kameradinnen Yam Glass und Aviv Hajaj das Lied „Maybe the Door Will Open“ geschrieben. Beide wurden am 7. Oktober getötet.
Freilassung am 25. Januar 2025: Was die Mutter über Daniellas Haft berichtet
Die Haft war nicht nur physisch, sondern auch psychisch ein Horror. Ihre Mutter Orly erzählte dem britischen Sender BBC und dem israelischen Sender Channel 12 einst, die Hamas habe Daniella gezwungen, ihren eigenen Tod vorzutäuschen. Ein Entführer filmte sie mit staub- und trümmerbedecktem Gesicht. Es sollte aussehen, als sei sie bei einem israelischen Luftangriff getötet worden. Nach ihrer Freilassung am 25. Januar 2025 habe sich Daniella bei den Eltern dafür entschuldigt, berichtete die Mutter.

Musik als Therapie: Gilboa überwindet dunkle Zeiten mit neuen Songs
Gilboa selbst spricht über diese Zeit nur ungern. Sie habe weiterhin schwere Momente, sagte sie gegenüber der Zeitung „The Australian“, wisse aber inzwischen besser, damit umzugehen. Die intensive Therapie in Israel sei „das Wichtigste überhaupt“. Inzwischen findet die junge Frau aber immer mehr ihre eigene Stimme zurück: Im Februar veröffentlichte sie ihre Debütsingle „Where Everything Ends“, auf Hebräisch „Eifo Shehakol Nigmar“, geschrieben mit den Musikern Gil Vain und Uri Sachiv.
Das Lied zeichnet den Weg aus der Dunkelheit nach, bis zu dem Gefühl, wieder Sonne im Gesicht zu spüren. Zur Veröffentlichung schrieb Gilboa, sie müsse nicht mehr flüstern und keine Angst mehr haben. Eine zweite Single, „Bye to the Worries“, ist erschienen, ein Album mit Vain ist in Arbeit.
Bondi-Anschlag: Warum Gilboa nach Australien reist
Dass sie nun nach Australien reist, hat mit Bondi zu tun. Bei dem Anschlag am 14. Dezember wurden 15 Menschen ermordet, darunter zahlreiche jüdische Gläubige und auch ein erst zehn Jahre altes jüdisches Mädchen. „Ich bin hier, um zu beweisen, dass jeder von uns so stark ist“, sagt Gilboa. „Ich bin sehr froh, die Gelegenheit zu haben, meine Unterstützung zu zeigen, nachdem sie (die australisch-jüdische Gemeinschaft, Anm. d. Red.) ihre Unterstützung gezeigt hat, um mich zurückzuholen.“ Über die jüdische Zeitung in Australien, die „Australian Jewish News“ (AJN), schickte sie der Gemeinde dann auch eine direkte Botschaft: „Seid stark. Wir sind so stark, dass niemand uns brechen wird.“
Nach Australien hat sie das SHIR Australian Jewish Music Festival eingeladen, das sein Konzert „Unbreakable“ nennt, auf Deutsch „unzerbrechlich“. Festivaldirektor Ben Adler sagt, der Titel spiele auf den unbeugsamen Geist des jüdischen Volkes an, verkörpert durch Gilboa, die nach 477 Tagen Gefangenschaft zu einer Künstlerin geworden sei. Auf der Bühne stehen neben ihr unter anderem der Pianist Simon Tedeschi, die Cellistin Rebecca Herman, der australisch-iranische muslimische Sänger Mustafa Karame und die australisch-indische Sängerin Rucha Lange.
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Für Gilboa ist diese Mischung, aber auch die Botschaft dahinter, besonders wichtig. „Musik kann Menschen aus der ganzen Welt verbinden, sie ist eine internationale Sprache“, sagt sie. Ein erstes Konzert findet am Donnerstag in Melbourne, ein weiteres am Sonntagabend im Sydney Opera House statt. Im November folgt in Perth eine weitere Version von „Unbreakable“, unter anderem mit der Sängerin Deborah Conway.








