Maricarmen ist überall. Ihr Name steht auf Transparenten in Madrid, Bilbao, Saragossa, Barcelona und auf den Kanarischen Inseln. „Für alle Maricarmens“, heißt es auf den Plakaten. Seit die 87-jährige Maria del Carmen Abascal aus ihrer Madrider Mietwohnung geworfen wurde, rollte eine Protestwelle durch Spaniens Städte. Allein in der Hauptstadt Madrid gingen in den letzten Tagen Zehntausende auf die Straße.

Die Welle hatte am Montag (28.) eine solche Dimension erreicht, dass die Vermieterin der 87-Jährigen, die Immobiliengesellschaft Urbagestión, wohl nicht mehr anders konnte. Am späten Abend bestätigte Abascals Anwältin, dass diese in ihre Wohnung zurückkehren könne. Vertreter des Unternehmens hatten sich mit den Vermittlern der Seniorin darauf geeinigt. Ihre Miete werde in etwa dem Betrag entsprechen, den sie bisher gezahlt habe, berichtete die spanische Tageszeitung „El País“.

Es fehlt allerdings noch eine Unterschrift – die wichtigste: Maricarmen selbst muss zustimmen. Die Rentnerin liegt noch immer im Madrider Krankenhaus Gregorio Marañón. Wenn sie einverstanden ist, soll sie nach ihrer Entlassung möglichst schnell heimkehren können. Ihre Möbel und persönlichen Sachen stehen noch dort.

Zu diesem Zeitpunkt ist das Drama der Seniorin aber längst zum Symbol einer Krise in Spanien geworden, die für Millionen Menschen zur Existenzfrage geworden ist. Junge Menschen finden kaum noch bezahlbare Wohnungen. Seit 2015 stiegen die Kaufpreise im Schnitt um rund 80 Prozent, die Mieten sogar um 87 Prozent. Familien müssen immer größere Teile ihres Einkommens für die Miete ausgeben. Rentner fürchten, aus ihren Vierteln verdrängt zu werden. In Touristenstädten wird immer mehr Wohnraum in Ferienappartements umgewandelt.

Zwangsräumung in Madrid: Maricarmen verliert nach 70 Jahren ihr Zuhause

Das Problem beschäftigt dabei längst nicht mehr nur Spanien. Wohnraum wird in ganz Europa seit Jahren immer teurer. In deutschen Städten ist die Wohnmisere zu einem der wichtigsten politischen Themen geworden. Debatten gibt es auch in Österreich und der Schweiz.

Das Schicksal Maricarmens steht für viele ähnliche Fälle: eine alte Frau, die nach mehr als sieben Jahrzehnten ihr Zuhause verlieren sollte. Vergangene Woche wurde sie aus der Wohnung im sechsten Stock eines Hauses nahe dem Madrider Retiro-Park getragen. Draußen standen Hunderte Menschen und riefen: „Du bist nicht allein!“ Polizisten hatten zuvor Aktivisten aus dem Treppenhaus gedrängt, die die Räumung verhindern wollten.

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Schließlich wurde Maricarmen auf einer Krankentrage aus dem Haus gebracht und mit einer Ambulanz in die Madrider Universitätsklinik Gregorio Marañón gefahren. Sie habe ihr Zuhause nicht retten können, sagte sie wenig später in einem Video. „Aber ich habe gekämpft, damit die anderen lernen, für ihres zu kämpfen.“

"Ni una Maricarmen mas" - Demo in Madrid
Zehntausende gingen in Madrid auf die Straße, um gegen den Mieten-Wahnsinn zu demonstrieren.© ddp/StringersHub | Bruno Thevenin

Immobiliengesellschaft verlangt Miete von 2650 Euro

Ihre Geschichte beginnt 1956. Maricarmen war 17 Jahre alt, als sie mit ihren Eltern in die Wohnung im Madrider Zentrum zog. Dort verbrachte sie praktisch ihr gesamtes Erwachsenenleben. Der alte Mietvertrag lief zunächst auf ihren Vater, später auf ihre Mutter und nach deren Tod auf Maricarmen. Zuletzt zahlte sie rund 500 Euro im Monat. Für das heute teure Innenstadtviertel ist das eine ungewöhnlich niedrige Altbaumiete.

Dann wechselte das Haus den Eigentümer. Der neue Besitzer, eine Immobiliengesellschaft, wollte den alten Vertrag nicht weiterführen. Für Maricarmen begann damit ein jahrelanger Kampf. Die verlangte neue Miete lag zeitweise bei 2650 Euro, zuletzt wurden nach Angaben aus ihrem Umfeld 1650 Euro gefordert. Ihre monatliche Rente liegt aber nur bei 1350 Euro.

Mehrere Räumungsversuche konnten verhindert werden. Beim vierten Mal war nun Schluss. Selbst Vermittlungsversuche des Wohnungsministeriums und das Angebot einer anonymen Spenderin, einen höheren Mietpreis für Maricarmen zu finanzieren, brachten zunächst keine Einigung.

Seit der Räumung war der Protest gewachsen. In vielen spanischen Städten wurden Demonstrationen organisiert. In Madrid waren bei einer Demonstration rund 25.000 Menschen auf der Straße. Inzwischen wurde vor dem Gebäude der Madrider Regionalregierung, die für die Regulierung des Wohnungsmarktes im Großraum Madrid zuständig ist, ein Protestcamp errichtet. Selbst nach der angekündigten Rückkehr von Abascals in ihre Wohnung blieb es bestehen.

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Mietervereinigungen: Das wird jetzt unternommen

Die spanischen Mietervereinigungen sprechen vom „Tropfen, der das Fass zum Überlaufen gebracht“ habe. Sie verlangen ein „Maricarmen-Dekret“, das unter anderem Mietverträge automatisch verlängern und Räumungen besonders schutzbedürftiger Menschen ohne angemessene Wohnalternative verhindern soll. Der Fall setzt auch die nationale Regierung von Ministerpräsident Pedro Sánchez unter Druck. Sánchez bezeichnete die Räumung als „soziale Tragödie, die wir nicht akzeptieren können“. Seine Mitte-links-Regierung will nun versuchen, ein seit Monaten umstrittenes Wohnungspaket durchs Parlament zu bringen.

Madrid Spain Demonstration Second Day
Protestcamp in Madrid: Einige der Demonstranten blieben sogar über Nacht. © IMAGO/Bruno Thevenin

Geplant sind ein stärkerer Schutz vor Räumungen und drastischen Mietsteigerungen. Aber die Kompetenzen zur Durchsetzung dieser Maßnahmen liegen bei der politischen Führung der Region Madrid, und die konservative Regionalpräsidentin Isabel Ayuso lehnt jegliche Eingriffe in den Wohnungsmarkt ab.

Auch der UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf angemessenes Wohnen, Koldo Casla, meldete sich zu Wort. Kein Mensch dürfe auf die Straße gesetzt werden, ohne dass zuvor eine „tragfähige und gerechte“ Wohnalternative angeboten werde.