Wochenlang herrschte im eleganten römischen Stadtteil Prati nahe dem Vatikan Unruhe. Regelmäßig fielen plötzlich Schüsse, Menschen wurden getroffen oder entgingen nur knapp einem Anschlag. Wer hinter den Vorfällen steckte, blieb zunächst ein Rätsel. Jetzt hat der Fall eine überraschende Wendung genommen: Der mutmaßliche Schütze hat sich den italienischen Carabinieri gestellt.

Der 50-jährige Edoardo Ciardiello Crescimanno erschien in Begleitung seines Anwalts bei den Ermittlern. Bei der Vernehmung räumte er ein, mit einem Luftdruckgewehr geschossen zu haben. Gegen den arbeitslosen Mann wurde wegen Körperverletzung Anzeige erstattet. Er blieb zunächst auf freiem Fuß. Seine mutmaßlichen Schüsse sollen mindestens sechs Menschen gefährdet oder verletzt haben.

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Italienische Journalistin unter den Opfern: Schütze stellt sich

Besonders schwer traf es die Journalistin und Schriftstellerin Cristina Stillitano. Die 49-Jährige wurde von einem Projektil getroffen. Das Geschoss durchdrang ihren Arm, Stillitano musste im Krankenhaus behandelt werden. Nun steht auch die Frage im Raum, was den 50-Jährigen zu den Schüssen bewegt haben könnte. „Ich habe wahllos geschossen, ich habe nichts gegen Frauen“, sagte er den Ermittlern.

Edoardo Ciardiello Crescimanno, der Schütze von Prati, macht ein Selfie.
Edoardo Ciardiello Crescimanno bekannte sich zu dem Luftgewehrangriff am Montagnachmittag (14. September) in Rom.© picture alliance / ROPI | FOTOGRAMMA

Schon vor dem Angriff auf die Schriftstellerin hatte es in Prati ähnliche Vorfälle gegeben. Eine Steuerberaterin wurde am Unterschenkel getroffen. Geschäftsleute berichteten von Schüssen gegen die Rollläden eines Restaurants und eines Juweliergeschäfts. Besonders beunruhigend: Ein Mitarbeiter und der Besitzer eines Geschäfts sollen nur knapp einem Treffer entgangen sein, als sie vor dem Lokal eine Zigarette rauchten.

Wiederholungstäter in Rom

Für die Bewohner des Nobelviertels mit eleganten Shoppingmeilen wurde damit eine alltägliche Straße zu einem Ort der Angst. Niemand wusste, woher die Schüsse kamen – und wer als Nächstes getroffen werden könnte. Die Carabinieri intensivierten in den vergangenen Tagen ihre Ermittlungen. Spezialisten der kriminaltechnischen Abteilung RIS untersuchten die Tatorte und rekonstruierten mithilfe dreidimensionaler Aufnahmen mögliche Flugbahnen der Geschosse. Mehrere Projektile wurden sichergestellt.

Entscheidung im Vatikan

Gleichzeitig fanden die Ermittler Hinweise auf weitere Vorfälle. Die Beamten überprüften die Verkäufe von Luftdruckwaffen in Geschäften der Umgebung. Dabei stießen sie auf den Kauf eines entsprechenden Gewehrs Anfang September. Der Käufer wohnte ausgerechnet in derselben Straße, in der die Schüsse gegen die Schriftstellerin abgegeben wurden.

Am Mittwochabend durchsuchten die Carabinieri seine Wohnung. Sie stellten einen mutmaßlich verwendeten Luftdruckkarabiner, ein optisches Zielfernrohr sowie zwei weitere Luftdruckpistolen sicher. Nun soll geprüft werden, ob die Waffen mit den gefundenen Geschossen und den einzelnen Vorfällen in Verbindung stehen. Der Mann steckte in finanziellen Schwierigkeiten, wurde von den Nachbarn aber als „ruhig“ beschrieben.

Opfer entsetzt: „Dieser Mann wieder auf freiem Fuß“

Während die Ermittler versuchen, die einzelnen Puzzleteile zusammenzufügen, kämpft Cristina Stillitano noch mit den Folgen des Angriffs. „Ich bin fassungslos, dass dieser Mann wieder auf freiem Fuß ist“, bemängelt sie. Ihr Arm bereite ihr weiterhin Schmerzen, zudem seien zwei Finger taub, und sie könne sie nicht richtig bewegen. Die Identifizierung des Verdächtigen habe zunächst Erleichterung ausgelöst – doch diese sei schnell in Sorge umgeschlagen.

Südtiroler genervt

„Ich war zunächst erleichtert, weil diese Person identifiziert worden ist. Danach war ich jedoch völlig fassungslos, als ich erfuhr, dass er auf freiem Fuß ist, frei herumlaufen und möglicherweise weiter schießen kann“, kritisierte Stillitano. Mit der Identifizierung des 50-Jährigen ist der Fall jedoch keineswegs abgeschlossen. Die Ermittler müssen nun klären, ob Ciardiello Crescimanno tatsächlich für die gesamte Serie der Schüsse verantwortlich ist.

Entscheidend wird der Abgleich der sichergestellten Waffen mit den gefundenen Projektilen sein. Auch die weiteren Verletzten und Zeugen könnten wichtige Hinweise liefern. Für die Menschen in Prati bedeutet die Identifizierung des Schützen deshalb vorerst vor allem eines: die mögliche Erklärung einer Serie rätselhafter Schüsse – aber noch keine endgültige Antwort darauf, was tatsächlich geschehen ist.